Diskussion auf der ANGA COM

Geändertes Nutzungsverhalten: Verdrängt Streaming lineares TV?

Die Telekom setzt bei ihrem IPTV-Angebot EntertainTV Serien auf mehr eigene Inhalte, Prime Video von Amazon will ein breites Publikum per Streaming erreichen. Der lineare TV-Sender RTL bedient vor allem den Mainstream. Auf der ANGA COM wurde über das geänderte Nutzungsverhalten der Zuschauer diskutiert.

ANGA COM 2018 PanelAuf der ANGA COM ging es in einer Podiumsdiskussion um "TV vs. Streaming".© i12 GmbH

Köln – Der Tod des linearen Fernsehens wird schon seit Jahren vorausgesagt. Verdrängt der Trend zu Streaming-Inhalten das klassische Fernsehen? Gibt es neue Kooperationen und neue Inhalte? Diese Fragen diskutierten auf der Fachmesse ANGA COM in Köln am Dienstag hochrangige Vertreter von Providern wie Deutsche Telekom und Vodafone sowie von RTL und Amazon Prime Video. Die Produzentenseite vertrat Oliver Berben, Vorstand von Constantin Film, auf dem Podium.

Vodafone will keine eigenen Inhalte produzieren

Für Vodafone bekräftigte Marketing-Chef Dr. Manuel Cubero, dass der Mobilfunk- und Festnetzbetreiber auch künftig keine eigenen Inhalte produzieren wolle. "Wir sehen uns als Aggregator von Content", so Cubero. Videoinhalte würden in jeglicher Form verbreitet. Vodafone kaufe auch keine Sportrechte, wie der Konkurrent Deutsche Telekom dies beispielsweise mache. Das Unternehmen habe mit dem Fokus auf der Infrastruktur gute Erfahrungen gemacht. Das Pay-TV-Produkt Vodafone TV lasse sich monatlich kündigen und sei damit ebenso flexibel wie Streaming-Dienste mit kurzer Laufzeit. Für Vodafone sei aber ohnehin der Internet-Markt der Wachstumstreiber und nicht der TV-Bereich. Daher setze das Unternehmen auch verstärkt auf den Ausbau von Anschlüssen mit Gigabit-Speed.

Telekom denkt über Öffnung von EntertainTV Serien für Nichtkunden nach

Die Deutsche Telekom bevorzugt dagegen auch eigene bzw. exklusive Inhalte. Das 2017 gestartete IPTV-Angebot EntertainTV Serien wachse stetig. Inzwischen seien 2.500 Serienepisoden abrufbar. Jede Woche werde nun eine neue Serie gestartet. Wolfgang Elsäßer, Leiter des TV-Geschäftsbereichs der Telekom betonte, dass die richtige Auswahl bei exklusiven Inhalten jedoch schwierig sei. Der Bonner Konzern plane verstärkt Eigenprodukten und Koproduktionen wie etwa das Projekt "Germanized". Pro Jahr seien zwei bis vier solcher Produktionen geplant. Der Fokus liege dabei auf deutschen Schauspielern und deutschen Geschichten, die hochwertig produziert seien.

Im Bereich Sport gebe es sowohl eigene Sportinhalte, aber auch Kooperationen wie etwa mit Sky. Die Telekom setze auf ein Partnernetzwerk. Elsäßer machte auf der ANGA COM auch eine überraschende Ankündigung. Die Telekom denke darüber nach, EntertainTV Serien auch für Nichtkunden und somit für eine breitere Zielgruppe anzubieten. Man habe jedoch auch festgestellt, dass der Großteil der EntertainTV-Kunden auch lineares TV schaue.

RTL: "Unser Applaus sind die Zuschauerquoten"

Frank Hoffmann, Geschäftsführer Programm bei RTL Deutschland erklärte, dass egal wer produziere: Es würden Maßstäbe gesetzt. Auf dem Produktivmarkt bestehe ein harter Wettbewerb, vieles werde im Sommer produziert. Wenn es um Aufmerksamkeit gehe, seien die diversen Anbieter in Deutschland Konkurrenten. Es werde um Zeitbudgets gekämpft. "Unser Applaus sind die Zuschauerquoten", so Hoffmann. Mit RTL erreiche man rund 25 Millionen Zuschauer pro Tag, mit der Gruppe weit über 30 Millionen.

RTL bediene vor allem den Mainstream, doch man habe auch die Möglichkeit alle Nischen zu bespielen. Kooperationen wie von ARD und Sky etwa für "Babylon Berlin" sind für Hoffmann eher bei kleineren Sendern vorstellbar. Für RTL selbst und die Prime Time wolle man dagegen das Schicksal selbst in die Hand nehmen, also weiterhin Inhalte selbst herzustellen. Hoffmann kann sich auch vorstellen, Inhalte exklusiv für das eigene Online-Portal TV NOW zu produzieren, auf dem Filme und Serien der RTL-Sender abrufbar sind.

Amazon: Prime Video ist "relativ groß" und will breites Publikum begeistern

Als Vertreter von Amazons Streamingdienst war Dr. Christoph Schneider vertreten, der Geschäftsführer von Amazon Prime Video Germany. Bei der Frage nach der Zahl der Abonnenten gab er keine Details preis: "Wir geben keine Zahlen raus, weil wir darin keinen Nutzen für die Kunden sehen", so Schneider. Intern würden Abrufzahlen natürlich vorliegen. Immerhin verriet er, dass Prime Video "relativ groß" sei. "Wir wollen ein breites Publikum begeistern", so die Devise von Amazon. Je größer der Dienst werde, umso mehr müsse man den Geschmack vieler Kunden treffen. Bei Prime Video finde sich ein sehr ausgeglichenes Angebot an Filmen und Serien. Anders als lineares TV serviere Prime Video jedoch zur Prime Time tausende Gerichte, sprich abrufbare Inhalte.

Dennoch würden die Menschen auch weiterhin Free-TV schauen. Es gebe jedoch mehr Rosinenpickerei bei der Wahl von Inhalten. Wenn jemand aber sage, es gebe in ein paar Jahren kein Free-TV mehr, so sei das "Unsinn". Für Schneider seien Koproduktionen mit Sendern nicht auszuschließen. Er nennt als Beispiel Inhalte wie "Deutschland 86". "Wir sind absolut offen, wenn es ein gutes Projekt gibt", so der Geschäftsführer von Prime Video in Deutschland.

Filmproduzent Berben: Geändertes Nutzungsverhalten der Zuschauer

Für Filmproduzent Oliver Berben, Vorstand für Television, Entertainment und digitale Medien bei Constantin Film, stelle sich nicht die Frage, wie lange es noch lineares Fernsehen geben werde. Die Menschen würden stattdessen mehr Inhalte sehen als noch vor Jahren. Unterschiedliche Geschäftsmodelle würden jedoch alle in einen Topf geworfen. Lineares Fernsehen möchte zu einem Zeitpunkt möglichst viele Menschen erreichen. Nonlineare Dienste möchten für viele Menschen ein interessantes Angebot bereithalten, unabhängig von dem Zeitpunkt. Es gebe aber inzwischen ganze Zielgruppen, die kein TV mehr schauen. Insbesondere die jüngere Generation nutze Inhalte anders. Sie würden in eigene Welten abtauchen, YouTube-Produktionen & Co. abrufen. Ein Zeichen des geänderten Nutzungsverhaltens seien auch zurückgehende Besucherzahlen in den Kinos.

Jörg Schamberg

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