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Festnetzanbieter unter Druck

Die etablierten europäischen Festnetzgesellschaften müssen sich einem harten Wettbewerb stellen. Nicht nur neue Festnetzanbieter, auch das Handy wird zu einer zunehmenden Konkurrenz.

25.01.2006, 10:34 Uhr
Tastatur© peshkova / Fotolia.com

Was es heißt, auf einem Markt mit einem knallharten Verdrängungswettbewerb zu agieren, musste in den vergangenen Monaten insbesondere ein Konzern immer wieder feststellen: die Deutsche Telekom. Nicht nur bei den schnellen DSL-Anschlüssen sorgen Wettbewerber für günstigere Preise, auch im klassischen Festnetzgeschäft machen Regionalanbieter oder große Player wie Arcor und Versatel der Festnetzsparte T-Com das Leben schwer. Für die Telekom – aber auch andere Festnetzanbieter in Westeuropa - hat das zur Folge, dass vielerorts die Kosten gesenkt werden müssen. Die Telekom will dies zum Beispiel durch eine vereinfachte Call-Center-Struktur schaffen.
Kritische Studie
Trotzdem: Die Geschäftsprozesse der etablierten europäischen Festnetzgesellschaften sind gemessen an anderen Dienstleistungsbranchen zu ineffizient und kostenintensiv. Das ist das Ergebnis der Studie "International Telecommunications Benchmarking Forum" von Mercer Management Consulting in Kooperation mit den 40 weltweit größten Festnetzanbietern. Die Analysten sagen zudem voraus, dass sich die Kostenschere aufgrund anhaltender Umsatzverluste in den Geschäftsfeldern der Sprachtelefonie und Datenübertragung weiter öffnen werde. Wahrlich keine rosigen Zeiten also für die Telekommunikationsunternehmen.
Die Mercer-Experten mahnen auch gleich an, dass der Kostendruck nicht allein durch Personalabbau zu bewältigen sei. Vielmehr seien die Festnetz-Konzerne gefordert, die Komplexität ihrer Produkte und Arbeitsabläufe zu reduzieren und alle Gechäftsprozesse zu automatisieren. Nach wie vor ist das Festnetzgeschäft nach Zahlen der Studie hoch profitabel. Die führenden Anbieter wie British Telecom, France Telecom, Telecom Italia oder Deutsche Telekom erwirtschafteten 2005 einen Umsatz von 114 Milliarden Euro und einen Gewinn von 46 Milliarden Euro. Auch machen sich offenbar erste Erfolge bei der Organisation der Geschäftsabläufe deutlich. Seit 2002 seien die Kosten um vier Milliarden Euro gesenkt worden, heißt es. Bis 2008 seien Einsparungen um weitere 8 Milliarden Euro geplant.
Marktanteil geht zurück
Das mitunter größte Problem ist für alle ehemaligen Monopolisten aber gleich: sie verlieren zunehmend Marktanteile bei einem gleichzeitig anhaltenden Preisverfall. Seit 2001 ist der Marktanteil der großen Konzerne von 70 auf 60 Prozent zurückgegangen. Bis 2008 soll dieser Anteil sogar noch weiter – und zwar deutlich – zurückgehen. In ihrem Kerngeschäft Sprachtelefonie verlieren sie derzeit jährlich rund vier Milliarden Euro Gesprächsumsatz mit Endkunden. Nur einen Teil davon können sie mit dem Verkauf von Vorleistungsprodukten an andere Wettbewerber ausgleichen. Das Handy als zunehmende Konkurrenz
Zu beachten ist auch, dass nicht nur neue, agile Festnetz-Konkurrenten für mehr Wettbewerb sorgen, auch das Handy wird zunehmend zu einer echten Konkurrenz. Dieser Trend wird sich durch neue Angebote wie Genion, T-Mobile@home oder VodafoneZuhause mit denen Mobilfunkkunden mit ihrem Handy in den heimischen vier Wänden besonders preiswert telefonieren können noch weiter deutlich verstärken. Laut Mercer-Studie kamen in Westeuropa 2001 auf eine Festnetzminute nur 0,21 Mobilfunkminuten. 2007 sollen es bereits 0,45 Minuten sein – Tendenz steigend.
Doch was tun, wenn Umsatz und Marktanteile sinken? Viele Unternehmen ziehen die Reißleine und setzen die eigenen Mitarbeiter an die Luft. France Telecom entließ zwischen 2001 und 2005 bei im Festnetzgeschäft etwa 22.000 Mitarbeiter, British Telecom rund 17.000. Die finnische Sonera kürzte den eigenen Personalbestand im gleichen Zeitraum um mehr als ein Drittel und auch die Deutsche Telekom, die seit 2001 mehr als 20.000 Stellen abgebaut hat, plant weitere Entlassungen.
Strafferes Produktangebot gefordert
Künftig sollte es für die Festnetzgesellschaften aber nicht nur darum gehen, Mitarbeiter zu entlassen, sondern auch das eigene Produktangebot deutlich zu straffen. Laut Mercer-Studie bieten einige Anbieter ihren Kunden bis zu 2.000 Produkte an. Derart übergroße Produktkataloge sind kaum noch zu managen und in ihrer Komplexität nicht mehr zu beherrschen, lautet das Urteil von Uli Prommer von Mercer Management Consulting. "Telcos mit kleineren und überschaubaren Produktportfolios sind in der Regel stärker am Kunden orientiert, effizienter organisiert und profitabler."
Kritisch durchleuchtet wurde den Analysten auch das Online-Geschäft – und das läuft alles andere als rund. Über Onlineportale wickeln westeuropäische Festnetzbetreiber im Durchschnitt lediglich fünf Prozent des Vertriebs ab. Selbst dieser geringe Anteil ist jedoch nicht komplett automatisiert. Die Kunden geben im Online-Portal zwar ihre Aufträge ein, im Backoffice aber werden sie von einem Mitarbeiter häufig ausgedruckt und nochmals manuell eingegeben. Mercer schätzt, dass rund sieben bis zehn Prozent aller Online-Aufträge manuelle Schleifen durchlaufen.
Automatisieren und Vereinfachen!
Insgesamt besteht laut Mercer bei den westeuropäischen Festnetzbetreibern ein Kostensekungspotenzial von 13 Milliarden Euro. Vereinfachung und Automatisierung können einen großen Teil dazu beitragen, dass hohe Summen eingespart werden können. "Nur wer jetzt auf diesen Zug aufspringt und sich professioneller aufstellt, kann seine Marken retten", zieht Experte Prommer ein eindeutiges Fazit.

(Hayo Lücke)

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