News

Facebook statt Presse: Indiens Regierungschef braucht keine Journalisten

Den klassischen Medien misstraut Indiens Premier Narendra Modi und gewährt keine Interviews. Stattdessen setzt er ganz auf Facebook, Twitter und Live-Reden. Modi umgeht so kritische Fragen der Presse.

13.10.2014, 00:01 Uhr (Quelle: DPA)
Facebook © Facebook

Indiens Regierungschef ist ein Facebook-Guru, er füttert seine Homepage ständig, twittert und schreibt einen Blog. Außerdem fasziniert er die Menschen als Redner bei pompösen Auftritten, wöchentlich spricht er im Radio, und für Fotos und Nachrichten-Videos setzt er sich mit Designer-Kleidung in Szene. Narendra Modi bringt seine Botschaften auf allen verfügbaren Kanälen direkt zum Volk. Der Clou dabei: Kritischen Fragen von Journalisten muss er sich so nicht stellen.

Meeting mit Facebook-Chef statt mit Journalisten

Seit seinem Amtsantritt im Mai hat Modi nicht einer einzigen indischen Zeitung oder Zeitschrift, einem TV- oder Radiosender ein Interview gegeben. Stattdessen lädt er diejenigen Menschen zu sich, die ihm bei seinem einseitigen Informationsfluss unterstützen können: Nach Facebook-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg wollte er am Freitag auch Facebook-Gründer Mark Zuckerberg in Neu Delhi treffen. IT-Minister Ravi Shankar Prasad meint, die Zusammenarbeit habe "enormes Ausbaupotenzial".

"Modi ist ein riesiger Fan der sozialen Medien", sagt die politische Kommentatorin Arati Radhika Jerath. "Er ist daran interessiert, die Macht und den Nutzen der verschiedenen Plattformen noch besser zu verstehen." Modi wisse um den Effekt, den eine einzige, ganz von ihm kontrollierte Nachricht über Facebook oder Twitter haben könne. Schon jetzt hat Modi mehr als 22 Millionen Facebook-Anhänger, fast 10 Millionen folgen seinen dienstlichen und privaten Twitter-Accounts. Nur US-Präsident Barack Obama hat da mehr.

Modi steht klassischen Medien misstrauisch gegenüber

Den klassischen Medien hingegen misstraue Modi, sagt Nilanjan Mukhopadhyay, der die Biografie "Narendra Modi: The Man. The Times" schrieb. Die Feindseligkeit sei auf das Jahr 2002 zurückzuführen, als Modi Regierungschef im indischen Bundesstaat Gujarat war, und unter seinen Augen Massaker mit Hunderten Toten verübt wurden. Journalisten zahlreicher Medienhäuser machten Modi dafür mitverantwortlich - und er fühlte sich dämonisiert. Bis heute weist er jede Schuld von sich.

"Modi umgeht die Medien, und baut sich alternative Kommunikationswege zu den Menschen", sagt Mukhopadhyay. Diese könnten ihrerseits Ideen und Anmerkungen auf Websites loswerden. Die Medien hingegen hätten nach Ansicht des Premierministers lediglich die Aufgabe, Nachrichten von ihm anzunehmen und in die Welt zu tragen. "Die Presse ist für ihn ein Instrument, mit dem er für sich werben kann - und nicht eines, das ihn kontrolliert und prüft."

Medien in Indien noch vierte Macht im Staat?

Folgerichtig beschneidet Modi den Zugang zur Regierung. Journalisten in der Hauptstadt erzählen, sie dürften nicht mehr mit dem Flugzeug des Premierministers mitfliegen, und es gebe auch keine Hintergrundgespräche mehr mit Ministern. Pressekonferenzen sind rar geworden, erlaubte Fragen eine Seltenheit. Hinzu kommt, dass die meisten Medienhäuser in Indien Großunternehmern gehören, die auf ein gutes Verhältnis mit der politischen Führung angewiesen sind. Einige kritische Journalisten nahmen in den vergangenen Monaten ihren Hut.

"Die Medien sind eine zentrale Säule der Demokratie, die Brücke zwischen der Regierung und den Menschen, ja sogar die vierte Macht im Staat", sagt Kommentatorin Jerath. Gerade in Indien - der größten Demokratie der Welt - hätten Journalisten immer wieder eine wichtige Rolle gespielt, wenn es um das Aufdecken von Korruption ging. "Es ist verstörend, dass Modi uns jetzt alle auf Abstand hält." Aber sie glaubt, dass sich die Journalisten nicht so einfach geschlagen geben werden. "Wir wissen, wie Medien eine Person hochjubeln, aber auch dann genauso schnell wieder stürzen können."

(Jörg Schamberg)

Kommentieren Forum
Zum Seitenanfang