Mission "Azur"

Erster deutscher Satellit startete vor 50 Jahren

1969 war für die deutsche Raumfahrt ein entscheidendes Jahr, denn der erste Satellit startete ins All. Dabei lief nicht wirklich alles nach Plan, viel Unvorhergesehenes spielte mit. Der Physiker Wanke erinnert sich an die Mission "Azur".

SatellitSymbolbild© lexaarts / Fotolia.com

Weßling/Köln - Einen richtigen Plan hatte Hubertus Wanke nicht. "Wir wussten nicht, was wir zu tun hatten", erinnert er sich an die Gruppe, die vor 50 Jahren den ersten deutschen Satelliten ins All bringen sollte. Wankes Aufgabe war die Datenkontrolle im eigens errichteten Deutschen Raumfahrtkontrollzentrum in Weßling bei München. Der Zufall hatte ihn zu dem Job gebracht, so wie der Zufall entscheidende Momente der Mission "Azur" bestimmte.

Wanke war 25, hatte gerade sein Physik-Studium abgeschlossen und saß beim Zahnarzt, erzählt er. Der fragte ihn, was er denn nun beruflich machen wolle - und empfahl, mal nach Oberpfaffenhofen zu fahren, einem Ortsteil von Weßling. Da mache sein Schwager "irgendwas mit Satelliten". Gesagt, getan. Wanke bekam den Job und einen Crashkurs bei der US-Raumfahrtbehörde Nasa. "Nichts davon hatte ich im Studium gelernt."

Deutschland will im All mitmischen

Es war die Zeit des Kalten Krieges und immensen technologischen Fortschritts. Die Sowjetunion, die USA, Großbritannien, Italien, Frankreich, Kanada, Japan und Australien hatten schon Satelliten im Weltraum. Nun wollte auch Deutschland mittun.

Rund 70 Kilogramm war der Forschungssatellit schwer und gut einen Meter hoch, wie es beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) heißt. "Weil die Solarpanele so schön bläulich schimmerten, bekam er den Namen 'Azur'", sagt Wanke. Die kosmische Strahlung sollte damit erforscht werden, ihre Wechselwirkung mit der Magnetosphäre, Polarlichter und Sonnenwinde.

Startschwierigkeiten: Kabelbrand und gescheiterter Kontakt

Los gehen sollte es in der Nacht zum 7. November 1969 mit einer Rakete vom kalifornischen Vandenberg aus. Ein Kabelbrand durchkreuzte die Pläne. Der 8. November wurde der Tag für die Geschichtsbücher: Die Trägerrakete mit "Azur" an Bord startete. "Die Basis für Raumfahrt 'Made in Germany'", wie Walther Pelzer, DLR-Vorstand für das Raumfahrtmanagement, heute sagt. Vom "'Gesellenstück' der deutschen Weltraumforschung" ist beim DLR die Rede.

Doch wieder lief nicht alles nach Plan. Eigentlich sollte eine Nasa-Bodenstation in Alaska den ersten Kontakt zu "Azur" aufnehmen. Doch das scheiterte. Auch bei der nächsten Station in England. So rückte Bayern in den Fokus: Die Zentralstation in Weilheim übernahm die Kontaktaufnahme mit "Azur", die empfangenen Daten wurden nach Oberpfaffenhofen übertragen. "Das hatte in der Testphase nie so gut geklappt", erinnert sich Wanke. "Aber da hat sich der Bildschirm schlagartig mit grünen Daten gefüllt. Das war unglaublich."

Laut DLR war eigentlich nicht vorgesehen, dass Rohdaten von Bayern aus an die Nasa gehen. Die Ingenieure fanden eine Lösung: Sie zogen den Lochstreifen aus dem Zentralrechner vom Rechnerraum über den Gang zum Kontrollzentrum, um die Daten per Fernschreiber an die Nasa zu übertragen.

Was wurde aus "Azur"?

"Azur" kreiste nun um die Erde, hatte allerdings einen Hang zum Eigenleben: Er reagierte auf Störsignale. Das konnten die Techniker zwar beheben. Während des 379. Umlaufs aber, fünf Wochen nach dem Start, fiel das Magnetband-Speichergerät aus. Von diesem Moment an konnten Messwerte und Kontrolldaten nur noch in Echtzeit empfangen werden. Am 29. Juni 1970 brach die Verbindung dann aus ungeklärten Gründen ganz ab.

"Azur" schwirrt noch immer inaktiv durchs All. Er ist inzwischen bei weit mehr als 36.000 Erdumrundungen.

Satelliten liefern Daten für viele Bereiche

173 Satellitenmissionen mit deutscher Beteiligung folgten seither laut Bundeswirtschaftsministerium. "Jeden Tag profitieren die Menschen in Deutschland davon - häufig ohne es zu merken", sagt der Luft- und Raumfahrtkoordinator der Bundesregierung, Thomas Jarzombek. "Ohne Satelliten hätten wir keine funktionierenden Navigationssysteme mehr, keine Fernsehübertragungen, Telefon- und Datennetze wären überlastet, die Energieversorgung massiv gestört und nicht zuletzt wären die Wetterprognosen miserabel, auf dem Niveau von Bauernregeln."

Melanie Zecher / Quelle: DPA

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