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Enthüllungsreporter Scahill im Interview: "Die NSA ist ein massives Biest"

Jeremy Scahill, Autor des Buchs "Schmutzige Kriege" und Kenner der dunklen Seiten der US-Sicherheitspolitik, äußert sich im dpa-Interview zur Rolle der NSA bei US-Tötungsmissionen und zum gemeinsam mit Snowden-Reporter Greenwald geplanten neuen Enthüllungsmedium.

26.10.2013, 16:01 Uhr (Quelle: DPA)
Internet© Daniel Fleck / Fotolia.com

Der Enthüllungsjournalist Jeremy Scahill ("Schmutzige Kriege") berichtet seit Jahren von den dunklen Seiten amerikanischer Sicherheitspolitik. Gemeinsam mit dem ehemaligen "Guardian"-Journalisten Glenn Greenwald startet er nun eine neue Medienorganisation. Die Enthüllungen von Edward Snowden werden dabei eine zentrale Rolle spielen, sagte Scahill der dpa. "Das wird von Anfang an der Fokus unseres Teams sein."

In Ihrem Buch "Schmutzige Kriege" beschreiben Sie, wie Präsident Barack Obama einen Teil der Politik seines Vorgängers Bush fortführt. Was ist der Unterschied zwischen der Sicherheitspolitik von Bush und Obama?

Scahill: Der Unterschied liegt im Detail. Obama will weg von den großen Militäreinsätzen. Aber er versucht, Strukturen zu schaffen, die gezielte Tötungsmissionen als zentrales Element der amerikanischen Politik etablieren. In gewisser Hinsicht denke ich, das könnte auf lange Sicht mehr Schaden anrichten.

Die "Washington Post" berichtete jüngst, dass die Computerexperten der NSA dem Geheimdienst CIA Informationen für dessen Drohnenanschläge liefern. Hat Sie das überrascht?

Scahill: Ich weiß darüber sehr viel mehr als in der "Washington Post" stand, aber wir haben das noch nicht veröffentlicht. Daher kann ich noch nicht viel dazu erzählen. Ich kann Ihnen aber sagen: Das ist nur die Spitze des Eisbergs. Die NSA spielt eine absolut zentrale Rolle in einem weltweiten Programm von Tötungsmissionen der USA. Wir werden darüber in den nächsten Monaten mehr Informationen veröffentlichen.

Aber ist die NSA nicht für die Auswertung von Internet- und Telefondaten zuständig?

Scahill: Die NSA-Mitglieder sind keine Computernerds, die in Fort Meade herumsitzen und Telefonate abhören. Die NSA ist ein massives Biest von einer Organisation, die eine von Grund auf militärische Mission hat. Wer denkt, das seien nur Geeks mit Kopfhörern, versteht nicht, wie der Sicherheitsapparat der USA funktioniert.

Meinen Sie, dass diese Geheimdienst-Programme zur Internetüberwachung wieder eingeschränkt werden können?

Scahill: Nein. Wenn in den USA ein Gesetz erstmal im Buche steht, ist es sehr schwer, es wieder abzuschaffen. Wenn Snowden diese Dokumente nicht mitgenommen und an Journalisten übergeben hätte, würden wir diese Debatte niemals führen.

Sie wollen gemeinsam mit Glenn Greenwald und Laura Poitras, den beiden Journalisten hinter den NSA-Enthüllungen, ein neues Medium aufbauen. Wie ist es dazu gekommen?

Scahill: Glenn und ich sind schon lange befreundet. Bevor Glenn nach Hongkong flog, um sich mit Edward Snowden zu treffen, hatte er mir erzählt, was er vorhat. Er wusste damals noch nicht, mit wem er sich treffen würde. Es war eine sehr riskante Situation. Seitdem habe ich mit Glenn an diesen Dingen gearbeitet. Ich habe ihm hinter den Kulissen geholfen und ihn unterstützt. Laura kenne ich schon einige Zeit und bewundere ihre Arbeit als Dokumentarfilmerin. Wir drei haben darüber gesprochen, ein gemeinsames Projekt zu starten. Wir waren ganz am Anfang: Wollen wir eine Webseite machen mit einer Finanzierungskampagne auf Kickstarter? Sammeln wir Spenden?

Die Geldfrage ist inzwischen geklärt, eBay-Mitgründer Pierre Omidyar finanziert das Projekt. Warum gründen Sie ein neues Medium?

Scahill: Wir waren alle frustriert mit dem Tempo der Veröffentlichungen. Konventionelle Modelle des Journalismus sind sehr bürokratisch. Wir wollten eine Institution haben, bei der der Journalismus im Zentrum steht. Die Idee war nicht, eine hyperaktive Version des Journalismus zu schaffen. Es geht um ernsthaften investigativen Journalismus. Das kostet Geld und Zeit, und die meisten Medien haben nicht das Budget und das Personal, um dauerhaft investigativen Journalismus zu betreiben. Natürlich werden die Snowden-Dokumente dabei eine riesige Rolle spielen. Das wird von Anfang an der Fokus unseres Teams sein.

Ist es nicht ein Problem, dass die Öffentlichkeit das Interesse an den NSA-Enthüllungen verliert?

Scahill: Ich glaube, wir werden Journalismus schaffen, den Menschen lesen wollen. Ich weiß von mehreren Geschichten, an denen wir arbeiten, die die Menschen in den USA und auf der Welt unglaublich interessieren werden. Du musst die Menschen dazu bringen, sich Gedanken zu machen.

Machen Sie sich Sorgen angesichts des politischen Drucks auf Greenwald, seinen Lebensgefährten David Miranda und Laura Poitras?

Scahill: Das ist ein Kampf, den ich führen will. Ich sehe derzeit nichts, was journalistisch wichtiger wäre. Wir wollen die Politik der totalen Geheimhaltung in Frage stellen. Wir müssen jetzt schon Vorsichtsmaßnahmen treffen, um zu verhindern, dass unsere Daten kompromittiert, gestohlen oder konfisziert werden. Wir mussten alle sehr bewandert werden in digitalem Selbstschutz.

(Jörg Schamberg)

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