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Elektronische Fahrkarten: Schwarzfahren für Profis

17.12.2003, 10:09 Uhr
SMS schreiben© Andres Rodriguez / Fotolia.com

Weihnachtszeit, Pleitezeit. Wenn Omas Geschenk wiedermal ein kaum zu stopfendes Loch in die Haushaltskasse gerissen hat, muss das Geld irgendwie wieder rein. Nur wie? Statt „gefundene“ Pflastersteine und Gullideckel in die Mongolei zu verkaufen, halten sich die meisten lieber mit Kavaliersdelikten schadlos.
Was liegt da näher, als einfach mal ein Parkticket zu vergessen oder dem GEZ-Menschen eben mal mitzuteilen, dass man zu einer seltenen Sekte gehört, die den Genuss von Radio und Fernsehen verbietet? Ganz oben auf der Beliebtheitsskala der Freizeit-Verbrecher: Schwarzfahren. Schwarzfahren ist angesagt, Schwarzfahren liegt im Trend.
SMS als Fahrschein
Genau wie Handys. Und genau das haben inzwischen auch einige findige Verkehrsplaner in den Verkehrsbetrieben, zum Beispiel in der ehemaligen Bundeshauptstadt Bonn, herausgefunden. Und weil so ziemlich jeder ein Handy hat, könnte man das Ding doch einfach zum Lösen von elektronischen Fahrscheinen, zum sogenannten Mobile-Ticketing, benutzen. Man knie nieder vor dieser Weisheit.
Technisch basiert das „HändyTicket“ (die Punkte über dem „A“ sind kein Schreibfehler sondern eine sprachliche Verirrung namens „Marketing“ – findige Verkehrsplaner, schon vergessen?) auf einer Mobile-Ticketing-Lösung der Hamburger Teltix GmbH. Die Handhabung ist einfach: Vor dem Einsteigen schnell einen Anruf bei der Service-Nummer gemacht, SMS als Fahrschein bekommen und rein in den Bus.
Einfache Theorie, problematische Praxis
Klingt einfach, ist es aber nicht. Was die Genies im Planungsbüro nämlich vergessen haben, sind zwei enorm einfache, aber nicht zu verachtende Faktoren: Erstens hechtet man oft dem Bus nach, da bleibt keine Zeit für einen Anruf. Und zweitens gibt es ja auch so etwas wie Netzprobleme, also im Zweifelsfall keine SMS, dafür aber drei Stunden später.
Die persönliche Unfähigkeit einer Menschen, ihr Handy korrekt zu bedienen, sollte ebenfalls nicht missachtet werden. Schnell ist dann mal eine SMS, im Zweifelsfall die mit dem Ticket gelöscht. Und was macht man eigentlich, wenn während der Fahrt der Akku den Geist aufgibt? Was erzählt man dann dem Kontrolleur? Fragen über Fragen...
Gut geschultes Fachpersonal
Die gut geschulten und kompetenten Angestellten der Verkehrsbetriebe gehen nämlich weiterhin rigide vor und lassen keine Ausrede gelten. Niemals. Ihr Job hat sie hart gemacht. Drum sind sie auch in der Beliebtheitskala ungefähr dort anzusiedeln, wo auch die Politessen sitzen: Ganz, ganz unten. Allein der Satz „Ich bin übrigens Fahrkarten-Kontrolleur“ kann außer Dienst zur völligen sozialen Isolation führen.
Im Zweifelsfalls wird man also erwischt, obwohl man bereits für die Fahrt bezahlt hat. Gut, nicht schlimm, würde dann der Parksünder sagen, ab drei Parkstunden rechnet sich das. Ähnliches würde auch der GEZ-Verweigerer behaupten: Was sollen die mir schon tun? Außer natürlich mit netten Herren von Ordnungsamt und Polizei klingeln und die Gebühren eintreiben?
60 Euro für eine gelöschte SMS
Der echte Schmarotzer im öffentlichen Personen-Nahverkehr wird sich davon allerdings nicht schocken lassen, vielmehr sucht er den finalen Kick im täglichen Kontrolleur-Roulette. Für den ehrlichen Fahrgast hingegen sind 60 Euro und eine Strafanzeige wegen einer fehlenden SMS ein Grund, dem Kontrolleur an die wahrscheinlich schon verhornte Gurgel zu gehen.
Um die Zahlungen an Kontrolleurs-Witwen in Grenzen zu halten, ist der Dienst deswegen auch als Prepaid-Service gedacht. Nur bei Teltix registrierte User können einen Fahrschein über die Sonderrufnummer ordern. Das hat den Vorteil, dass sich Bestellungen nachvollziehen lassen und sich im Falle eines Falles das Leben eines Kontrolleurs retten lässt.
Datenschutzrechtlich bedenklich
Doch wo Vorteile sind, gibt es auch Nachteile. Datenschutzrechtlich ist das „Händy-Ticket“ bedenklich. Nicht, weil irgendwelche persönlichen Daten freigegeben werden, sondern weil das persönliche ÖPNV-Verhalten zur Überprüfung der Fahrschein-Integrität beim Anbieter geloggt werden muss. Ermittlungsbehörden werden sich freuen.
Nicht zu verachten auch der Spaßfaktor im Falle einer vollständigen Privatisierung der Busunternehmen. Ein kleiner Werbevertrag kann Location-Based-Services der unerwünschten Sorte verursachen. So käme nach der Fahrschein-SMS gleich eine Werbe-SMS, die den Fahrgast über die Vorteile von gebratenem Hackfleisch im Brötchen aufklärt, nur weil sein Fahrziel zufällig in der Nähe einer Filliale der amerikanischen Kette mit dem schottischem Namen liegt.
Falsche SMS als Fahrschein-Ersatz
Echte Schwarzfahr-Profis unterdessen werden sich einfach einige gefakte oder alte Fahrschein-Kurzmitteilungen im Handy speichern. Auch eine schöne Idee: SMS bekommen und entsprechend editiert an die vier Freunde weiterleiten, mit denen man im Bus sitzt. Die dafür nötigen Änderungen dürften bald im Internet kursieren.
Im Gegensatz zu Emails lässt sich nämlich der Absender nicht einfach über die Anzeige des Headers überprüfen. Zwar hat der Kontrolleur im Bus die Möglichkeit, mithilfe eines mitgeführten Smartphones und einer Datenbankabfrage die Echtheit eines Mobile-Tickets zu ermitteln. In der Praxis wird der Kontrolleur das jedoch nur bei fehlenden SMS oder solchen mit einem falschen Kennwort überprüfen.
Im Zweifelsfall schnell Fahrschein kaufen
Der Teufel steckt wie bei vielen technisch einfach gehaltenen Lösungen im Detail. Was macht der Kontrolleur bei einem irgendwie gearteten Ausfall der Technik? Oder wenn man den Bus in der Hetze besteigt und das Ticket nachträglich, also erst, wenn man im Bus sitzt, bezahlt? Fährt man dann schwarz?
Der Bösewicht kann genau diese Problematik nutzen. Der Kontrolleur kann zwar an der SMS sehen, dass sie vielleicht erst im Bus bei seinem Einstieg gelöhnt wurde und den Kunden als Schwarzfahrer beschuldigen. Doch bleibt der Ermessensspielraum bestehen, ob der Fahrgast nun eine weiße Weste hat und schlicht zu spät gezahlt hat, die Technik ausgefallen ist, wie zum Beispiel durch ein Funkloch oder einen Netzausfall, oder ob tatsächlich böser Wille dahinter steckt.
Betrug oder Langsamkeit?
Der Kontrolleur kann mit seinem Smartphone direkt die Handy-Nummer überprüfen und feststellen, ob eine Fahrkarte gelöst wurde. In der Theorie schlüssig, in der Praxis kann der vermeintliche Bösewicht aber die Worte „Technik“ und „Zeitdruck“ sagen und dabei müde grinsen. Und vielleicht ist der Fahrgast ja tatsächlich mit dem Kontrolleur zusammen eingestiegen.
Kaum auszudenken, welchen Effekt die neue Technik auf die Beschwerdestellen haben wird. Denn eines ist klar: Im Nachhinein ist nicht festzustellen, ob der Fahrgast mit gültigem Ticket einfach einem technischen Defekt und der Hetze zum Opfer gefallen ist, oder ob tatsächlich kriminelle Energie dahinter steckt.
Händy-Ticket fördert Arbeitsmarkt
Fest steht auch: Niemand möchte wegen des Wartens auf das Händy-Ticket seinen Bus verpassen. Und Oma Lutz wird es nicht auf sich sitzen lassen, wegen eines erst nach dem Einsteigen bezahlten Tickets 60 Euro zu bezahlen und eine Anzeige zu bekommen. Womit sich ein Fall für die Beschwerdestelle ergibt.
Diese wiederum dürften sich mit der Zeit häufen. Und der Verkehrsbetrieb hat dann nur drei Möglichkeiten: Entweder mehr Sachbearbeiter einstellen, was den Kanzler freuen wird, eine gewisse Kulanz zulassen, die dem Betrug Tür und Tor öffnet oder aber damit leben, dass am Ende niemand das mobile Ticket-System nutzt oder, noch besser: Niemand überhaupt mehr mit dem Bus fährt.

(Christian Rentrop)

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