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Eitelkeit von Selbstdarstellern beflügelt Web 2.0

Dem Internet schlägt die Stunde der Amateure. Skurrile sowie teils freizügige private Videos, Fotos, Text-Blogs oder noch kaum bekannte Musik stehen hoch im Kurs.

23.12.2006, 09:01 Uhr
Arbeitsplatz© Brad / Fotolia.com

Dem Internet schlägt die Stunde der Amateure. Skurrile sowie teils freizügige private Videos, Fotos, Text-Blogs oder noch kaum bekannte Musik stehen hoch im Kurs und bescheren Anbietern der technischen Plattformen wie YouTube, Flickr, Myspace, Google Video und vielen anderen kräftigen Zulauf.
Eitelkeit beflügelt
"Broadcast Yourself" lockt YouTube, und immer mehr Menschen verlagern Teile ihres Lebens als digitale Existenz in eine "Online-Community". Die Währung dieser Internet-Gemeinden heißt Aufmerksamkeit und Kontakte: Täglich möglichst zahlreiche Besucher und deren Kommentare feuern an. Die Eitelkeit vieler Selbstdarsteller in sozialen Internet-Netzwerken beflügelt die Entwicklung des so genannten Mitmach-"Web 2.0" maßgeblich.
Das "Time Magazine" wählte diesen Monat als "Person des Jahres" den Internetnutzer. "Ja, Du. Du beherrscht das Informationszeitalter," begründete das US-Nachrichtenmagazin seine unkonventionelle Wahl, weil mittlerweile Millionen von Internetnutzern eigene Inhalte für das weltweite Netz schaffen und dem Medium damit zu seinem jüngsten Erfolg verhalfen.
Der Surfer wird mündig
"Wir erleben die Wiederentdeckung des Internetnutzers, der ja vorher eher vernachlässigt wurde, und den man jetzt wieder einbezieht", sagt Franz Neumeier, Chefredakteur des Fachblatts Internet Professionell. Dabei wird den Nutzern zwar das Gefühl vermittelt, sie selbst eroberten sich Teile des Internets. In Wirklichkeit stecken hinter Social-Network-Plattformen aber kommerzielle Anbieter, die damit ordentlich Geld verdienen. Sie haben entdeckt, dass es den Surfern sehr viel Spaß macht, selbst aktiv zu sein. Die eigene Homepage verliert dabei an Bedeutung, solange deren Inhalte nicht in ein Informationsnetzwerk einer gleichgesinnten Community eingebracht werden. Weltweit erleben diese Communitys starken Aufschwung. Wer im Verbund publiziert, hat größere Chancen, mit seinen Angeboten Aufmerksamkeit zu erhalten. Täglich werden bei YouTube 100 Millionen Videos abgerufen. Und jeden Tag laden Internetsurfer 65.000 kurze Videos zumeist aus ihrem privaten Lebensbereich anonym neu auf die YouTube-Plattform hoch.
Anonyme Selbstdarsteller
"Der Reiz scheint vor allem darin zu liegen, dass sich die Leute selbst darstellen können", sagt Neumeier, "dass es ganz einfach ist, in eigenen Fotos oder Videos verrückte Dinge zu tun oder verrückte Meinungen zu äußern, ohne dass man dabei kontrolliert wird". Dabei prickelt auch noch ein wenig der Reiz der wenn auch nur begrenzten Anonymität einer virtuellen Welt.
"Man hat so das Gefühl, man ist nicht direkt verantwortlich dafür, man kann mehr Unfug machen, als man das im realen Leben kann". Das führt auch zu Angeboten, die die Grenze zum Geschmacklosen eindeutig überschritten haben. Andererseits existieren ebenso ernsthafte Plattformen wie Xing(Open BC), eine Businessplattform.
Kommerzieller Hintergrund
Auch wenn Experten davon ausgehen, dass von den Nutzern erzeugte Internetangebote spätestens 2010 den Aufmerksamkeitsgrad professioneller Angebote überflügeln werden, bleibt der Hintergrund in beiden Fällen doch ein überaus kommerzieller. Die technischen Plattformen verdienen Geld mit den Angeboten, die die User kostenlos bereitstellen. "Als Folge entsteht eine unüberschaubare Menge von Inhalten, die in ihrer Qualität sehr fragwürdig sein wird", sagt Neumeier. Die Online-Enzyklopädie Wikipedia hat bereits jetzt damit zu kämpfen, dass einige nicht ausreichend sachkundige ihrer insgesamt fast vier Millionen Mitglieder unkontrolliert Artikel produzieren und redigieren.
Download-Musik und Videostreaming dürften sich als jene Inhalte durchsetzen, für die die Nutzer auch längerfristig noch bereit sind, Geld auszugeben. Auf der für die Nutzer kostenlosen, weil werbefinanzierten Seite des Internets könnte auf kommerziellen Websites ein Kampf um hochqualitative Angebote einsetzen, die sich von der schwappenden Welle der Web-2.0-Amateurinhalte absetzen. Das Web 1.0 war vor allem darauf ausgerichtet, Computer und Menschen weltweit miteinander zu vernetzen. Das Web 2.0 bietet ihnen nun die Möglichkeit, sich weltweit in sozialen Netzwerken zu organisieren, zu inszenieren und eine Fangemeinde zu gewinnen.

(Denise Bergfeld)

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