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Dschihad im Internet

Sie führen ihren Heiligen Krieg gegen Ungläubige von der Computer-Tastatur aus: Tausende beteiligen sich weltweit an einem "elektronischen Dschihad" gegen Israel, die USA oder die katholische Kirche.

25.11.2006, 09:01 Uhr
Internet© Anterovium / Fotolia.com

Sie tragen keine Waffen, sie locken GIs im Irak nicht in Hinterhalte - sie führen ihren Heiligen Krieg gegen Ungläubige von der Computer-Tastatur aus: Tausende beteiligen sich weltweit an einem "elektronischen Dschihad" gegen Israel, die USA oder die katholische Kirche. Anleitungen samt Computerviren und Würmern finden sie inzwischen zuhauf auf Islamisten-Websites im weltweiten Datennetz.
Horrorszenarien
Wie effektiv die Cyber-Krieger wirklich sind, ist unklar. Schon kurz nach den Terroranschlägen des 11. September 2001 ging in den USA die Furcht um, die nächste Attacke könnte aus dem Internet geführt werden. Hacker könnten Stromversorgung, Verkehrs- oder Kommunikationssysteme angreifen, Finanzbörsen zum Absturz bringen oder gar Nahrungsmittel durch das Eindringen in Computer der Hersteller manipulieren, malten Experten ein Horrorszenario nach dem anderen aus.
Cyber-Attacken gehören zur Grundausbildung
Doch bis heute gibt es keine Hinweise, dass jemals ein Angriff auf einen derart sensiblen Bereich gelungen ist, wie Thomas Hegghammer vom norwegischen Institut für Verteidigung sagt. "In Islamisten-Foren findet man Bereiche für den elektronischen Dschihad genauso wie Anleitungen zum Bombenbauen", sagt Anne Giudicelli von der Pariser Beraterfirma Terrorisk, die islamistische Internetseiten beobachtet. "Wie man Cyber-Attacken führt, gehört fortan zur Grundausbildung des Dschihad-Kämpfers."
Als Beispiel für eine gelungene Attacke nennt sie die Website der dänischen Zeitung "Jyllands-Posten", die mit der Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen einen Sturm der Entrüstung in der muslimischen Welt auslöste. Die Washingtoner Jamestown Fondation berichtete jüngst, auf einer Website könne ein Virus namens "Electronic Jihad Program 1.5, silver edition" heruntergeladen werden. Dort könne auch ein Browser-Zusatz installiert werden, über den automatisch Daten, Zeiten und Ziele von geplanten Cyber-Attacken bekannt gegeben würden. "Wir erleben eine beeindruckende Dschihadisierung des Internet in der islamischen Welt", sagt der Pariser Politikwissenschaftler Jean-Pierre Filiu, Autor des Buches "Les frontières du jihad" ("Die Grenzen des Dschihad").
Internet hilft bei Verbreitung
"Vor zehn Jahren hat man sich unter Freunden Videos angesehen, die in Tschetschenien oder Algerien gedreht wurden und meist ziemlich blutrünstig waren. Heute findet man im Netz Dokumente, die mindestens genauso entrüstend sind, aber eine weit größere Verbreitung haben." So biete das 2003 gegründete islamistische Weltmedienforum rund 500 Filme zum Herunterladen an.
Zweite Ebene für Eingeweihte
"Es gibt sicher eine zweite Ebene, die nur den Eingeweihten über ausgeklügelte Passwörter zugänglich ist", verweist Filiu auf die Nutzung des Internet durch auch in der Realität agierende Dschihad-Kämpfer. Aber schon die frei verfügbaren Inhalte genügten, "Berufungen zu wecken, sie am Leben zu erhalten und Propaganda in Umlauf zu bringen, deren verheerende Wirkung man im Westen schwer abschätzen kann".
Viele offen islamistische Foren oder Foren arabischer Medien wie dem Fernsehsender "Al Dschasira" führen Listen über Cyber-Angriffe. Als Papst Benedikt XVI. im September bei seinem Deutschlandbesuch das Zitat wiedergab, der Prophet Mohammed "nur Schlechtes und Inhumanes" gebracht, entlud sich der Protest nicht nur auf der Straße. Auch die Internetseite des Vatikans wurde von Cyber-Piraten angegriffen. Dank guter Sicherung hielt sie stand.
"Es gibt keinen Grund zu glauben, dass radikale Islamisten gerissener sind als zum Beispiel professionelle Internet-Piraten aus Osteuropa", sagt Hegghammer. "Sie sind, nur weil sie Dschihadisten sind, nicht auch gefährlicher: Alles hängt von ihrem technischen Know-how ab."

(Denise Bergfeld)

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