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Digitales Wettrüsten: "Cyberwar" als Horrorszenario

Im Krieg der Zukunft wird nicht nur geschossen, sondern auch gehackt: Weil unsere Gesellschaft von Informationstechnik abhängig ist, könnten Cyberangriffe immense Schäden anrichten, warnt Forscher Sandro Gaycken im Buch "Cyberwar".

19.05.2012, 09:01 Uhr (Quelle: DPA)
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Man stelle sich vor, die Cyberkrieger einer feindlichen Macht hätten sich in die Computer-Netzwerke deutscher Kraftwerke eingeschleust. Erst manipulieren sie einige Meiler, bis diese explodieren, dann erpressen sie die Bundesregierung: Wenn Deutschland sich nicht aus der Nato zurückzieht, werde man weitere Kraftwerke in die Luft jagen.

Unsichere Informationstechnik

Dieses drastische Szenario ist erfunden. Doch der IT-Spezialist Sandro Gaycken hält es nicht für abwegig: Unsere moderne Gesellschaft sei auf unsicherer Informationstechnik aufgebaut, warnt der Forscher von der Freien Universität Berlin im Buch "Cyberwar. Das Wettrüsten hat längst begonnen". Hochgerüstete Angreifer wie Geheimdienste oder Hacker-Einheiten von verfeindeten Staaten könnten mit gezielten Attacken immense Schäden anrichten, etwa mit der Sabotage von wichtiger Infrastruktur.

Derzeit seien die Cyberkrieger noch in einer "Selbstfindungsphase", schreibt Gaycken. Trotz schwieriger Quellenlage geht er aber davon aus, dass mehrere Staaten derzeit schlagkräftige Einheiten aufbauen, neben den USA etwa auch China. "Für den Preis eines einzelnen Eurofighters kann man bereits eine Hackertruppe aufstellen, die Angriffe in einer erheblichen Stärke und auf eine ganze Bandbreite von Zielen durchführen könnte."

Komplexe IT-Systeme

Das Problem sieht Gaycken in der hohen Komplexität der IT-Systeme: Diese werden immer umfangreicher, Fehler sind daher nicht zu vermeiden - schnell tun sich Einfallstore für Hacker auf. Viele Programmierer hätten zudem nur eine rudimentäre Ausbildung in Sachen IT-Sicherheit: Sie war bislang immer "ein zeitaufwendiges, ungewolltes und zu vernachlässigendes Feature".

Auf 256 Seiten beschreibt Gaycken, welche Gefahren modernen Gesellschaften drohen: Wirtschaftsspionage, die vor allem die in Deutschland so aktiven und bei IT-Sicherheit oft arglosen Mittelständler treffe; Sabotage von wichtigen Systemen wie Kraftwerken oder Börsen; Propaganda; und nicht zuletzt Angriffe, die ähnlich verheerend sein können wie militärische Aktionen.

Ennetzung als Lösung

Die Lösung, die Gaycken vorschlägt, ist unbequem und ziemlich teuer: Zum Schutz gegen Cyberkrieger fordert er die Entwicklung einer "hochsicheren IT". Diese ist weitaus weniger komplex als die heutigen kommerziellen Systeme und damit leichter zu beherrschen und zu kontrollieren. Allerdings ist sie auch weitaus weniger komfortabel. Zudem fordert der Forscher eine "Entnetzung": die Abtrennung kritischer Strukturen vom Internet.

Das Buch lenkt den Blick auf ein wichtiges Thema, das neben den Hackerangriffen von öffentlich viel beachteten Gruppen wie Anonymous schnell in Vergessenheit gerät. Zumal weder die Angreifer noch die Opfer die Öffentlichkeit suchen - welches Unternehmen, welche Behörde will schon zugeben, dass Hacker eindringen konnten?

(Hayo Lücke)

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