Bundestagswahl

Diese vier YouTuber inverviewen Merkel live

Knapp sechs Wochen vor der Bundestagswahl stellen vier junge YouTuber Bundeskanzlerin Angela Merkel eine Stunde lang nicht abgesprochene Fragen. Wer sind die Internet-Stars? Das Format bietet für alle Beteiligten Chancen - und Risiken.

YouTube© YouTube LLC

Berlin - Wie kann die Politik die junge Generation erreichen? Klar, über YouTube. Das hat das Team um Angela Merkel bereits vor zwei Jahren erkannt. 2015 ließ sich die Bundeskanzlerin vom YouTuber LeFloid interviewen. Bis heute wurde das Video rund 5,5 Millionen Mal abgerufen. Doch die Nutzer der Internet-Videoplattform sind ganz unterschiedlich. So werden im Bundestagswahlkampf an diesem Mittwoch (16. August, 13.30-14.30 Uhr) nun nicht einer, sondern gleich vier junge YouTube-Stars die Kanzlerin befragen. Zwei Frauen, zwei Männer, zusammengezählt haben ihre Kanäle um die drei Millionen Abonnenten. Darunter zahlreiche sonst schwer zu erreichende junge Leute und potenzielle Erstwähler.

MrWissen2Go: Cooler Nachhilfelehrer erklärt die Welt

Aber wer sind die von einer Produktionsfirma ausgewählten Interviewer? "MrWissen2Go", der eigentlich Mirko Drotschmann heißt, ist eine Art oberschlauer, aber cooler Nachhilfelehrer. Der 31-Jährige erklärt historische Zusammenhänge und aktuelle Nachrichten, "verständlicher als das, was Eure Lehrer Euch erzählen". So bewirbt der YouTuber seinen Kanal: "Ihr seid schlecht in Geschichte, von Politik habt ihr keine Ahnung, und was in der Zeitung steht, habt ihr noch nie verstanden? Macht nichts, dafür habt ihr jetzt ja mich". Die Themenpalette ist breit: Es geht um Fragen wie: Woher kommen eigentlich die Hipster? Warum ist Afrika so arm? Wie funktioniert die Börse genau? Vor einigen Jahren ging "MrWissen2Go" an den Start, jetzt hat er rund 515.000 Abonnenten.

Ischtar Isik: Clips über Wimperntusche, Nagellack oder Ohrringe

Die 21-jährige Beauty- und Lifestyle-Queen Ischtar Isik, deren Eltern aus dem Irak stammen, plauert in ihren Clips gerne über Wimperntusche, Nagellack oder Ohrringe. Ischtar Isik ist seit 2010 bei YouTube und hat inzwischen mehr als 1,1 Millionen Abonnenten. Sie schminkt sich vor laufender Kamera, präsentiert (werbewirksam) ihre Lieblingsprodukte oder berichtet aus ihrem Alltag mit Bruder oder Freund. Zu ihren Twitter-Followern zählt sogar das Teenie-Idol Justin Bieber. Sie freue sich sehr, dass sie für das Interview ausgesucht worden sei, sagt Ischtar Isik in einem Video. "Ich bin schon ein bisschen aufgeregt!"

ItsColeslaw: 20-jährige Psychologiestudentin Lisa Sophie

Hinter "ItsColeslaw" steckt wiederum die Psychologiestudentin Lisa Sophie, ebenfalls Anfang 20. Bei ihr geht es auch mal um Probleme und Tabuthemen, über die man sich sonst nicht zu reden traut. Sie sagt über sich selbst: "Ich bin ziemlich verplant, weil ich mit dem Kopf in den Wolken lebe. Deswegen stolpere ich meist eher durchs Leben, statt elegant den Weg entlangzulaufen." Die 22-Jährige lebt in Berlin und spricht in ihren Clips über Alltagsgeschichten - mal über peinliche, mal über lustige. "Manchmal quatschen wir aber auch über Probleme und Tabuthemen", denn sie habe als Teenager oft das Gefühl gehabt, mit solchen Dingen alleine dazustehen. Das kommt gut an: "ItsColeslaw" hat mehr als 240.000 Abonnenten. Ein Buch hat Lisa Sophie inzwischen auch geschrieben.

AlexiBexi: Hamburger hat 1,14 Millionen YouTube-Abonnenten

"AlexiBexi", der 28-jährige Hamburger Alexander Böhm, isst vor laufender Kamera Nutella, testet neue Technik-Geräte oder synchronisiert englischsprachige Popsongs. Er ist der dienstälteste der Vier und trat bereits 2006 der Videoplattform bei. Anfangs synchronisierte er englischsprachige Musikclips, inzwischen gibt er auch Technologie-Tipps und erklärt im Format "Erklär-Bär" auch mal politische Zusammenhänge. "AlexiBexi" hat mit 1,14 Millionen die größte Abonnenten-Gemeinde.

"Gerade wir als jüngere Generation sollten unser Wahlrecht nutzen", sagt "AlexiBexi" in einem Clip zum Merkel-Interview. Aber er könne verstehen, dass das Thema Politik kein einfaches sei und dass viele Fragen unbeantwortet blieben. Deshalb, so bekräftigen es alle vier, wollten sie auch ihre Community beteiligen. Daher wurden die Follower aufgerufen, in den sozialen Netzwerken (#DeineWahl) Fragen an die Kanzlerin zu posten.

Was also bewegt die Generation YouTube?

Die Fragen sind bunt gemischt - und oft altersgemäß. Es geht um Umweltschutz und Massentierhaltung, um Forderungen nach einem bedingungslosen Grundeinkommen und nach einer Legalisierung von Cannabis oder um Gerechtigkeitsfragen ("Sehr geehrte Frau Merkel, wie kann es sein, dass es in Deutschland eine so krasse Spaltung zwischen Arm und Reich gibt?"). Einige treibt die Flüchtlingssituation um ("Wie viele Flüchtlinge sollten in den nächsten Jahren nach Deutschland kommen?"). Und natürlich geht es immer wieder um das Bildungssystem ("Warum werden die Schüler nicht fürs Leben vorbereitet?")

Live-Show und nicht vorbereitete Fragen als Bedingungen

Vorab hatten die vier YouTuber nach eigenen Angaben Bedingungen gestellt: "dass das Ganze live stattfinden wird und dass die Kanzlerin unsere Fragen nicht vorher bekommt", erklärt "ItsColeslaw". "Da kann man natürlich auch mal eine Frage stellen die ein bisschen unbequem ist und die man hinterher nicht einfach rausschneiden kann", meint "MrWissen2Go".

Vorbereitet werde das Interview, das in vier Themenkomplexe eingeteilt ist, gemeinsam mit dem zum TV-Konzern ProSiebenSat.1 gehörenden Multiplattform-Netzwerk Studio71. Das Netzwerk, das für die Redaktion verantwortlich ist, hatte auch bei der Kanzlerin angefragt und die YouTuber ausgewählt. Ob es eine ähnliche Aktion mit SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz geben wird, ist laut einem Sprecher unklar.

Chancen und Risiken für Merkel und die YouTuber

Die Chancen für alle Beteiligten sind enorm. Für die vier YouTuber bietet die Aktion einen Popularitätsschub sowie die einmalige Gelegenheit, die Kanzlerin zu interviewen. Und für Merkel? "Das Interview ist eine kluge Strategie", sagt der Kommunikationsforscher Patrick Donges von der Universität Leipzig. "Die Kanzlerin erreicht eine junge Zielgruppe, die sich nicht besonders für Politik interessiert, die mit den traditionellen Wahlkampfmitteln schwer erreichbar ist." Zudem sei ein Interview eine andere Kommunikationssituation als etwa eine Ansprache, da könne auch mal etwas schief laufen. "Aber: «Die Kanzlerin ist Kommunikationsprofi genug, dass sie da keine Fehler machen wird", meint Donges.

LeFloid stand wegen Merkel-Interview in der Kritik

Also eine Win-Win-Situation für alle? Ganz so einfach ist es nicht. LeFloid etwa musste nach seinem Merkel-Interview auch Kritik einstecken. Zu seichte und zu freundliche Fragen, so lautete damals der Vorwurf von Journalisten. Und die Kanzlerin kann nicht automatisch davon ausgehen, dass die jungen Erstwähler bei der CDU ein Kreuz machen werden. So lautete das Fazit von LeFloid nach seinem Kanzlerin-Interview: "Hunderttausende haben dieses Interview gesehen, Hunderttausende haben Antworten auf ihre Fragen bekommen, und Hunderttausende werden auch nach diesem Interview garantiert nicht CDU wählen - mich eingeschlossen."

Der Live-Stream des Internviews der vier YouTuber mit Merkel ist am Mittwoch, 16. August, ab 13.30 Uhr auf dem YouTube-Kanal #DeineWahl zu finden.

Jörg Schamberg / Quelle: DPA

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  • Warum? Zuletzt kommentiert von faceoff am 18.08.2017 um 08:19 Uhr
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