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Die GuttenPlag-Story: Schwarm schlägt Polit-Promi

Das GuttenPlag-Wiki startete als Projekt weniger Netzaktivisten. Am Ende waren es Tausende, die Plagiate oder kritische Stellen in der Doktorarbeit zu Guttenbergs sammelten. Jetzt erhielt die Plattform den Grimme Online Award. Unterdessen müssen weitere Prominente einen Titel-Verlust befürchten.

25.06.2011, 11:01 Uhr (Quelle: DPA)
Datenübertragung© envfx / Fotolia.com

Er galt als Lichtgestalt der Politik. Karl-Theodor zu Guttenberg wurde schon als kommender Bundeskanzler gehandelt. Dann deckten Internetnutzer auf, dass "KT" in seiner Doktorarbeit im großen Stil abgeschrieben hatte. Akribisch trugen sie die Plagiate in einem Wiki zusammen. Am Mittwoch wurde dieses Guttenplag-Wiki mit dem renommierten Grimme Online Award ausgezeichnet.

Mehr als 20.000 Autoren beteiligt

"GuttenPlag war ein Projekt, das gezeigt hat, dass unter den richtigen Umständen auch ganz normale Bürger Probleme dokumentieren und dadurch auch gegen erheblichen Widerstand etwas bewegen können", erklärt der Initiator, ein Doktorand, der weiter anonym bleiben möchte. Hinter der Erfolgsgeschichte steckt das Prinzip der Schwarmintelligenz. Was einer allein nicht schafft, wird durch die Arbeit vieler möglich. "Da der Preis der Community gebührt", habe er einen Ausdruck der Namen aller beteiligten Autoren dabei gehabt", erklärt Tim Bartel, der den Grimme Online Award in Köln in Empfang nahm. Bartel ist der Deutschland-Verantwortliche für Wikia, einen Dienst, der die technische Infrastruktur des GuttenPlag-Wikis bereitstellte.

Mehr als 20.000 Autoren hätten sich an der Suche nach den Plagiaten beteiligt, erklärt Bartel. Als die großen Medien über das GuttenPlag-Wiki berichteten und dort immer mehr Fundstellen auftauchten, stieg der öffentliche Druck auf Guttenberg beinahe täglich - bis er zu groß wurde. Der schillernde Verteidigungsminister musste zurücktreten, weil ein Haufen namenloser Nutzer in Kleinstarbeit sein Fehlverhalten aufdeckte und öffentlich machte. Das Projekt hat bereits Nachahmer: Auch die FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin gab alle politischen Ämter auf, nachdem das VroniPlag-Wiki sie des Abschreibens überführt hatte. Was kommt noch? "GuttenPlag ist in meinen Augen ein Projekt mit einem klaren Ende", sagt der Gründer. "Was danach kommt, ist noch nicht ganz genau definiert. Aber es wird etwas kommen." Methodik und Werkzeuge für die Suche nach Plagiaten würden derzeit noch verbessert.

Wer ist der Nächste? - Der "Schwarm" entscheidet spontan

Aber auch das ist eine Eigenschaft des "Schwarms": Er wird nicht zentral gesteuert, niemand bestimmt. Seine Aufmerksamkeit bewegt sich spontan von einem Brandherd zum nächsten. Wer weiß, wen er sich als nächsten vornimmt? Derzeit konzentrieren sich die Plagiatsjäger des VroniPlag-Wikis jedenfalls primär auf Politiker aus der zweiten und dritten Reihe. Um ihre Titel fürchten müssen etwa der baden-württembergische CDU-Landtagsabgeordnete Matthias Pröfrock, der EU-Parlamentarier Georgios Chatzimarkakis (FDP) und der Bundestagsabgeordnete Bijan Djir-Sarai (FDP). Als Plagiator bereits überführt wurde der Hamburger SPD-Politiker Uwe Brinkmann. Rund ein Viertel seiner Dissertation besteht aus fremden Textelementen. Brinkmann gab daraufhin vergangene Woche einen Verzicht auf seinen Titel bekannt. Besonders brisant ist zudem der Fall der Potsdamer Universitätsprofessorin Margarita Mathiopoulos, die sich bereits Ende der 80er-Jahre entsprechenden Vorwürfen zu ihrer Doktorarbeit ausgesetzt sah - damals jedoch ohne größere Konsequenzen.

Zumindest hellhörig dürften die prominenten Doktoren des Landes also geworden sein. "Die Diskussion über Plagiate hat generell die Sensibilität gegenüber wissenschaftlichem Fehlverhalten erhöht", findet PlagDoc, wie sich der GuttenPlag-Betreiber im Chat einer Online-Pressekonferenz am Morgen nach der Preisverleihung nennt. Auch die Unis müssen sich unangenehme Fragen stellen. Bartel sagt: "Guttenberg war ein Fall, der im wahrsten Sinne des Wortes Maßstäbe gesetzt hat."

(Christian Wolf)

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