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Der Pate: Ein Angebot, das man nicht ablehnt

Mit "The Godfather" wagt sich EA an den Film-Klassiker von Francis Ford Coppola. Wir haben uns in Gangsterklamotten geschmissen und in New Yorks Unterwelt begeben.

30.04.2006, 09:01 Uhr
Arbeitsplatz© Brad / Fotolia.com

Mit "Der Pate" (DVD von Paramount im Handel erhältlich) gelang Francis Ford Coppola vor fast 35 Jahren ein Riesenerfolg im Kino. 1972 machte Marlon Brando als Don Vito Corleone zum ersten Mal ein Angebot, dass man nicht ablehnen konnte. Es folgten zwei erfolgreiche Fortsetzungen.
Teures Projekt
Weitere 16 Jahre nach Ende der erfolgreichen Filmtrilogie will die US-amerikanische Spieleschmiede Electronic Arts mit "Der Pate - Das Spiel" den Gamer zurück ins New York der 40er und 50er Jahre holen. Und wie es scheint, haben sie keine Kosten und Mühen gescheut. Die reinen Produktionskosten des Spiels inklusive der Portierung für Playstation 3 und Xbox 360 sollen 30 bis 40 Millionen US-Dollar betragen. Experten gehen von einem Beinahe-Nullgeschäft für den Spielehersteller aus.
Die Programmierer um Creative Director Philip Campbell alles daran gesetzt, die Atmosphäre der Filme aufzugreifen. Auch wenn sich die Spielgeschichte nicht genau mit der Handlung der Filme deckt, treffen wir auf die bekannten Familienmitglieder. Diese entsprechen ihren "realen" Vorbildern nicht nur optisch, EA konnte Marlon Brando noch vor seinem Tod 2004 als Synchronsprecher gewinnen. Neben Brando arbeiteten auch die Schauspieler James Caan (Sonny Corleone) und Robert Duvall (Tom Hagen) mit den Spieleentwicklern zusammen.
Die Story
Die Story des Spiels ist sehr variabel. Der Spieler startet nicht mit einer der etablierten Familienmitglieder aus den Filmen, sondern muss sich mit eine selbst erstellten Figur vom untersten Ende der Gangster-Hierarchie hocharbeiten. Erfolgreich erledigte Aufträge und das Mafia-Tagesgeschäft (zum Beispiel Schutzgelderpressung) verschaffen dem Spieler die nötigen Respekt-Punkte, die ihn im Ansehen der Unterwelt steigen lassen.
Neben seinen eigenen Aktivitäten wie Banküberfällen oder Auftragsmorden holt sich der Nachwuchsgangster Aufträge von Vertretern der Familie Corleone, die ihn in der Story voranbringen. "Anstatt das Gameplay ganz an der Story des Films zu halten, erschufen wir eine 'Pate'-Welt. Und in dieser Welt sind der Film und das Buch nur eine Geschichte", erklärte Creative Director Philip Campbell auf der Preview-Party des Spiels im Februar, "Und an verschiedenen Punkten wirst du auch in die originale Story des Films mit einbezogen".
Das Gameplay des Spiels erinnert stark an eine Mischung aus Rockstars "GTA"-Serie und dem Take2-Spiel "Mafia", dass 2002 für den PC erschien. Doch "Der Pate" geht neben einer starken Lizenz mit verbesserter Grafik und Spiele-Physik an den Start. Der Spieler kann sich in den fünf von unterschiedlichen Familien beherrschten Stadtteilen New Yorks frei bewegen und dabei zu Fuß gehen oder ein Auto nehmen.
Der Weg zum Don
Im Prolog des Spiels werden wir Zeuge, wie der Vater eines kleinen Jungen von der Mafia getötet wird. Der Spieler übernimmt den Part des erwachsenen Jungen, der seinen Vater rächen will. Zuerst muss er sich dafür bei der Kreation einer Spielfigur austoben. Ein umfangreicher Editor lässt von der Nasenspitze bis zur Schuhfarbe keine Details aus. Anfangs stehen leider nur eine spärliche Anzahl an Kleidungsvariationen zur Auswahl, schicke Klamotten gibt es erst bei Erfolg im Spiel.
Durch Luca Brasi, der den Spieler in einem kleinen Tutorial in den Faustkampf einweist, wird man zum Handlanger für die Familie Corleone. Das Kampfsystem bei "Der Pate" ist dabei weitaus umfangreicher als bei Titeln wie GTA. Für den "Paten" ließ sich EA die so genannte "Blackhand Control" einfallen. Dabei werden verschieden Schläge und Tritte mit der Maus durchgeführt. Natürlich kann man seine Gegner auch mittels Tastatur vermöbeln oder vom Dach schmeißen.
Mafiosi-Alltag
Die Feuertaufe für den frisch gebackenen Gangster ist die Schutzgelderpressung in einer Schlachterei. Sträubt sich der Besitzer noch bei verbalen Drohungen, kann ein Schlag mit dem Baseballschläger auf die Einrichtung wahre Wunder bewirken. Zwar macht das umfangreiche Geprügel in "Der Pate" viel Spaß, jedoch sind Faustkämpfe meist zu einfach. Hat man sich den Gegner einmal geschnappt, kann sich dieser kaum noch wehren und ist ohne fremde Hilfe ein leichtes Opfer.
Im weiteren Spielverlauf erhält der Spieler monatlich einen Anteil seiner "Einnahmen" aus den Schutzgeldern. Manche Geschäfte oder Bars beherbergen im Keller oder Hinterzimmer eine weitere Einnahmequelle, wie ein illegales Kasino oder eine Geldwäscherei. Dazu gibt es Transporter, Warenhäuser und Banken, die sich für Überfälle anbieten. Während Transporter meist nur von zwei Gangstern bewacht werden, sollte ein Bankraub schon etwas besser geplant werden. Neben Dynamit für den Tresorraum sollte auch genug Munition und ein schnelles Fluchtfahrzeug zur Verfügung stehen.
Wie in den beiden Vergleichstiteln "GTA" und "Mafia" gibt es auch in "Der Pate" einen "Wanted-Level", der sich je nach Strafmaß erhöht. Während Streifenpolizisten bei kleineren Alltagsdelikten gegen ein kleines Schmiergeld auch mal wegsehen, verstehen sie bei Bankraub keinen Spaß. Der Spieler hat dann nicht nur mit dem Wachpersonal zu tun, sondern auch mit einem respektablen Polizeiaufgebot, das ihn bis zu seinem Unterschlupf hartnäckig verfolgt.
Unterschlupf
Über die ganze Stadt verteilt sind neben den Händlern auch Hotels und Wohnungen, in die sich der Spieler einmieten kann. Hier kann er das Spiel speichern und seinen Vorrat an Waffen und Munition auffüllen. Medizinfläschchen sorgen für die schnelle Heilung des angeschlagenen Gangsters. Außerdem dient der Unterschlupf als Lager für Raubgut oder als Rückzugmöglichkeit bei Verfolgungen durch die Polizei.
Das Spiel wird besonders am Anfang oft durch filmische Cutscenes oder Dialoge unterbrochen. Diese treiben die Story jedoch hervorragend voran und verleihen dem Spiel erst das richtige "Pate"-Flair. Einige Szenen sollten den Fans des Films bestens bekannt sein. Sie werden im Spiel detailgetreu nachempfunden und um eine Rolle für die Spielfigur erweitert. Nach dem Anschlag auf den Paten ist es zum Beispiel die Aufgabe des Spielers, den Krankentransport zu eskortieren oder später Sohn Micheal Corleone beim Racheakt gegen Solozzo zu unterstützen.
Film-Flair
Während des Spiels bleibt es dem Spieler völlig selbst überlassen, ob er sich den Respekt der Unterwelt durch Erpressung, Raub und Mord verdient oder ob er dem Handlungsstrang folgen möchte und sich in der Familie Corleone hocharbeitet. Nicht nur die Fans des Romans und der Filmreihe sollten die Auftritte von Don Vito Corleone nicht verpassen. Er und die anderen lizenzierten Figuren verleihen dem Spiel erst das richtige Flair.
Der Schwierigkeitsgrad der Missionen steigert sich mit der Übernahme der Etablissements konkurrierender Familien. Die dazu nötigen Waffen, wie eine Tommy Gun, Schrotgewehre oder Dynamit, gibt es bei den in der Stadt verteilten Schwarzmarkthändlern. Wird man während einer Mission getötet, erwacht man, wie bei GTA, im Krankenhaus und muss die Mission neustarten. Im Gegenteil zu Rockstars Spiel behält man bei "Der Pate" jedoch gnädigerweise sein Waffenarsenal.
Grafisch kann "Der Pate" durchaus überzeugen. Die Charaktere sind sehr detailliert gestaltet und machen durch ihren Realismus einen Großteil der Atmosphäre aus. Die Grafikengine selbst ist nicht die aktuellste. Auf großartige Shadereffekte oder High Dynamik Range Lightning wurde hier verzichtet. Die Darstellung von Explosionen und Feuer ist trotzdem durchaus sehenswert. Auf Wettereffekte wurde leider gänzlich verzichtet. Zwar gibt es einen Wechselnden Tag-und-Nacht-Rhythmus, Regen oder verschiedene Bewölkungsgrade wurden jedoch vernachlässigt.
Wachsame New Yorker
Die Stadt selbst ist detailreich und wirkt lebhaft und dynamisch. Umherwehende Zeitungen, brennende Tonnen am Straßenrand und jede Menge Fußgänger lassen das New York der Sechziger wieder aufleben. Jeder Passant ist ansprechbar und reagiert, je nach Ruf des Spielers, freundlich oder ängstlich. Doch scheuen die Einwohner nicht davor, die nahen Streifenpolizisten zu alarmieren. Sechs verschiedene Autotypen fahren in der Stadt umher und können ohne weiteres, egal ob mit Vorbesitzer oder ohne, benutzt werden.
Etwas schade - aber bei einem derart umfangreichen Leveldesign verständlich - ist die Eintönigkeit der begehbaren Gebäude im Spiel. Bars, Läden und Lagerhäuser haben immer die gleichen Baustrukturen. Meist sind sogar die Wachposten in den Hinterzimmern an den gleichen Stellen positioniert. Ein Überfall wirdso schnell zur Routine. Höchstens die variierende Anzahl an Wachen der gegnerischen Familien können den Spieler dann noch überraschen. Die Gegner sind dabei verschieden stark, so dass manche Betriebe doch erst übernommen werden können, wenn der Spieler ausreichende Fähigkeiten im Laufe des Spiels erlangt hat.
Fazit
Die meisten Filmumsetzungen für Konsole oder PC sind eher enttäuschend. Oft hat man das Gefühl, die Entwickler ruhen sich auf den starken Lizenzen aus und vernachlässigen dadurch Gameplay und Design. Halbwegs erfolgreich konnte sich zuletzt die Matrix-Adaption "Path of Neo" und das Online-Spiel der Reihe zeigen. An einen Publisher wie Electronic Arts sind die Anforderungen dementsprechend hoch.
Mit "Der Pate" ist den Entwicklern ein echter Ausnahmetitel gelungen. Gameplay und Grafik sind zwar nicht besonders innovativ, doch wissen es die Jungs von EA die teuer Eingekaufte Lizenz im wahrsten Sinne "schlagkräftig" zu verarbeiten. Das umfangreiche Kampfsystem macht Prügeln zum Spaßfaktor Nummer eins. Die Stimmung wird durch die geschickt eingebauten Filmanlehnungen kräftig angeheizt. Die lizenzierten Charaktere um Marlon Brando tragen den Rest bei. Auch in Sachen Langzeitmotivation sind aus dem Spiel noch nach Beendigung der Story die ein oder andere Stunde rauszuschlagen. Kleiner Wermutstropfen ist für uns das etwas eintönige Design der Innenräume und die fehlenden Wettereinflüsse. Auch wurden Missionsziele gern etwas weiter auseinander gelegt, sodass man teilweise mehr Zeit, als einem lieb ist damit verbringt durch die Straßen von New York zu fahren.

(Philip Meyer-Bothling)

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