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Dauertest: Nokia 9500: WLAN-Märtyrer aus Gasbeton

Der etwas andere Dauertest über den Nokia 9500 Communicator. Ein Jahr im rauhen Alltag: das Gerät bewies seine Einzigartigkeit.

29.07.2006, 15:19 Uhr
SMS schreiben© Andres Rodriguez / Fotolia.com

Ja, ich weiss, was Sie jetzt denken: ein Handytest über den Nokia 9500 Communicator? Und dann noch ein Langzeittest? Ist dieser Backstein überhaupt ein Handy, bei den Dimensionen? Da muss beim Tester doch eine masochistische Ader vorhanden sein! Aber Sie irren - dieses Gerät hat mich im Testzeitraum, der sich immerhin über ein Jahr erstreckte, vollends überzeugt. Ein Backstein mit WLAN - das ist wirklich einzigartig. Doch der Reihe nach.
Vergangenheit…
Ich bin seit fast zehn Jahren ein grosser Communicator-Fan. Den ersten Brocken erhielt ich 1997, nachdem das Gerät mit der Produktbezeichnung "9000" bereits 1996 auf der CeBIT für Furore gesorgt hatte. Ich war glücklich, einer der ersten sein zu können, die die verbesserte Version "9000i" geliefert bekamen. Mein örtlicher Hemd- und Hosendealer war ebenfalls glücklich. Denn mit geschmeidigen 397 Gramm lag das Telefon eher wie eine Telefonzelle in der Tasche und half unermüdlich bei der frühzeitigen Abnutzung meiner Kleidung.
Auch eine spezielle Handytasche am Gürtel half nicht wirklich weiter: jeder Handwerker, der sich einen Zimmermannshammer ins Werkzeugholster schiebt, weiss, wovon ich rede. Die Trageweise in einer Sakkoinnentasche verbat sich aufgrund der Grösse und des Gewichts sowieso. Es sei denn, man wollte den disqualifizierenden Eindruck erwecken, seine Mitmenschen erscheinungsbildmässig zu beleidigen. Es kehrte schließlich und endlich dann doch – nach vielen verschiedenen kreativen Lösungsansätzen, die allesamt kläglich scheiterten - eine Art Wild-West-Tragestil am Gürtel ein, der für schief hängende Hosen sorgte, gepaart mit dem zeitweiligen Verstecken des Gerätes in tiefen Jackeninnentaschen oder im Rucksack. So ging es irgendwie. Der Communicator trug sich im Winter unter der Daunenjacke am besten, doch dort war zugleich am schlechtesten zu vernehmen, dass jemand anrief. Aufgrund dieser Praxisinkompatibilität löste ein kleineres Nokia-Handy den Communicator nach wenigen Monaten als Erstgerät ab. Der Knochen hatte mich in punkto Alltagstauglichkeit so verschreckt, dass ich etwas später dem Nokia 8310 am längsten die Treue hielt. Damals wollte man schließlich vor allem noch telefonieren und nicht surfen, faxen oder Multiplayergames zocken. Grösser ist doch nicht immer besser.
…und Gegenwart
Mit dem Nokia 9500 wurde mein Interesse wieder geweckt. Kleiner, leichter, in Farbe und mit WLAN? Das kann diesmal nur gut werden, so der Gedanke. Daher wurde das Gerät kurz nach seinem Erscheinen auch gleich geordert. Und der erste Eindruck war wirklich gut: edles Aussehen, hochwertige Verarbeitung, gute Haptik, deutlich verringertes Gewicht und ein gestochen scharfes Display begeisterten von Anfang an und verdrängten die Traumata der Communicator-Frühzeit. Auch der erste Praxistest fiel positiv aus: die Fotos in "VGA-Qualität" (siehe unten: Schnappschuss am Wannsee in Berlin) waren leicht zu erstellen, die Software arbeitete erstaunlich gut und Abstürze kamen in den ersten Tagen nur vor, wenn das Gerät überlastet wurde – vor allem durch den Userwunsch nach einer "eierlegenden Wollmilchsau", die Musik, Telefon sowie Internet zugleich aufbieten können muss. Dieser Communicator ist trotzdem das erste Gerät von Nokia, welches ich nicht zum Firmwareupdate in einen Shop getragen habe. Eine derart reibungslos arbeitende Betriebssystemsoftware habe ich zuvor von den Finnen noch nicht geboten bekommen. Als erste Erkenntnis blieb somit hängen: out of the box – und es gibt eigentlich nichts zu meckern.
Kontaktfreudige Reizfigur
Das Gerät machte also von Anfang an viel Spaß. Und was sich im Laufe der Zeit als absolutes Topfeature herausstellte, war die WLAN-Funktion. Kurz mal auf der CeBIT ins Internet, mit einem vollwertigen Browser? Kein Problem mit dem Communicator! Und man ist nie allein mit dieser Maschine auf der Handfläche. Trifft man auf weniger technikaffine Mitmenschen, so sind auch dumme Sprüche keine Seltenheit, sozusagen als Kollateralschaden des exotischen Auftretens. "Wie, das Ding hat WLAN?" oder "Funktioniert das denn?" sind zwei der meistgehörten Sätze dieser Art. Ja, es hat WLAN – und ja, es funktioniert tadellos. In geselligen Nerd-Runden kommt es immer wieder mal vor, dass alle Anwesenden in ihren Laptop-Cases kramen und ihr PowerBook, ihr ThinkPad oder auch ihre Discounter-Quetsche rausholen – und ich mit einem gekonnten Handgriff in die Tasche eintauche und den Communicator herausfische. Wer dann noch Witze über den "zu heiss gewaschenen Laptop" macht, der verstummt in der Regel beim WLAN-Einsatz.
Wenn jemand gar die Dreistigkeit besitzt, das gemütliche Belegen eines Notebookarbeitsplatzes in der Flughafen- oder Bahnlounge zu kritisieren ("Sie arbeiten hier doch gar nicht! Wo ist denn ihr Notebook?"), so wird dieser Banause entrüstet gemaßregelt mit dem Hinweis, dass er doch null Ahnung von Technik habe und besser ehrfürchtig schweigen solle – vor ihm stünde schließlich die neueste Generation von "Sub-Sub-Sub-Notebooks", nur für echte Profis und "Very very early adopters" mit hohem Sehvermögen. Erstaunlich oft kehrt umgehend Ruhe ein.
Auf Diät gesetzt
Der Hosendealer freute sich nicht mehr so wie früher, als er erfuhr, dass ich wieder einen Communicator habe, denn aufgrund von frühzeitigen Verschleisserscheinungen musste ich bisher kein Beinkleid mehr ersetzen – das 9500 wiegt mit 222 Gramm nur noch knapp die Hälfte dessen, was seinerzeit das 9000i auf die Waage brachte. Und kleiner ist es obendrein. So wirklich stylish ist das Rumschleppen in der Jackentasche im Sommer zwar immer noch nicht und auch die Handytasche erinnert eher an ein Kellnerportemonnaie, gleichwohl fällt es nun doch deutlich leichter, das gesamte Büro mit sich herumzutragen.
Der moderne Alltag
Aus dem altmodischen Backstein wurde quasi ein moderner Gasbetonstein – das nennt man dann wohl Evolution. Und diese war auch dringend notwendig, denn der Alltag wurde nicht leichter und es kann auch mal Blessuren fürs Gerät geben. Besondere Nehmerqualitäten durfte der Communicator bereits desöfteren beweisen. Gut ein halbes Dutzend Stürze aus Höhen zwischen einem halben und anderthalb Meter quittierte er mit gekonnter Absprengung der äusseren Hülle, was zwar zu einigen Macken und Lackschäden führte, die Elektronik aber stets märtyrerhaft verschonte. Die Umgebung war ihm dabei völlig egal – sowohl im Linienbus als auch auf Kopfsteinpflaster schmiss sich das Cover für die empfindlichen Innereien selbstlos in den Kampf. Ob Nokia bei der Entwicklung wohl Crashtests gemacht hat, so wie die Automobilindustrie? Vielleicht hatte ich auch nur Glück und das Gerät fiel stets im richtigen Winkel. Auf weitere Versuche lasse ich es aber lieber nicht ankommen.
Gute Unterhaltung kommt nicht nur aus dem Internet, sondern auch vom MP3-Player, den Nokia spendiert hat. Dieser erfüllt seine Aufgabe gut, doch da er die Lieder im jeweiligen Verzeichnis bei jedem Programmaufruf erneut entdecken und sortieren muss, geht pro Lied gut eine Sekunde drauf. Solange muss man warten, bis das ausgewählte Verzeichnis durchsortiert ist. Das kann bei einer eingelegten MMC-Karte mit einem Gigabyte Songs durchaus eine Weile dauern. Abhilfe konnte geschaffen werden mit einem Open-Source-Player, der gleich eine ganze Reihe von Formaten bedient und die Playlist dauerhaft abspeichert. Nachteil: kommen neue Lieder hinzu, müssen diese ebenfalls erst komplett indexiert werden. Mit beiden Playern in Kombination kann man letztlich gut leben. Perfektion in Sachen Musik sieht allerdings anders aus.
Ton ab!
Filigrane Fingerfertigkeiten erfordert dann nur noch der Stecker für die Kopfhörer. Da keine Klinkenbuchse verbaut wurde, muss man sich mit einem sieben bis 15 Euro teuren Adapter aushelfen, der prompt alle Nachteile eines Adapters kunstvoll in sich vereint: er ist wackelig konstruiert, klobig, auffallend hässlich und das Stück Kabel zwischen Communicator-Stecker und Buchse hat eine Un-Länge von wenigen Zentimetern. Das erste, was immer wieder abrutscht, ist somit der Adapter – Kabelbruchgefahr inklusive. Passiert dieses Abrutschen unbeabsichtigt – so wie es meist der Fall sein dürfte -, verwandelt sich unser Schrumpfnotebook in eine blecherne Jukebox, die genervte Bus- und Bahnfahrer von pubertierenden männlichen Problemkindern auf dem Schulweg kennen. Bis man den Sicherheitscode des Gerätes eingegeben, den Player gestoppt und den Schweiss von der Stirn gewischt hat, vergeht eine Weile. Und versuchen Sie erst gar nicht, den Stecker wieder draufzupfriemeln! Das dauert nicht nur länger als der Softwarestopp, sondern wirkt auch bei weitem nicht so fingerfertig und kompetent – ja, nennen wir das Kind beim Namen: es sieht ziemlich bescheuert aus, denn es erinnert an das selbstmörderische Stochern mit einem Schraubenzieher im Toaster. Zudem klingt es ähnlich.
Smartphone-Zen
Die Philosophie des erprobten Communicator-Users könnte also nach einem Jahr Dauertest so aussehen: man sollte für die Wünsche des Alltags, die der Communicator auch bei grösster Anstrengung nicht erfüllen kann – ein Handy für die Hosentasche sein, vibrieren, keinerlei Aufmerksamkeit erregen, einen einfachen MP3-Player bereitstellen – stets ein Zweitgerät parat haben. Der Communicator ist ein wunderbares Gerät für all die, die ihn sich leisten können – und das ist noch nicht einmal monetär gemeint. Als eierlegende Wollmilchsau ist der Communicator schlicht ein Kompromissgerät, so wie alle Wollmilchsäue. Denn diese zeichnen sich bekanntlich vor allem dadurch aus, dass es sie eigentlich gar nicht gibt.
Dem Gerät fehlen einerseits wichtige Features wie der Vibrationsalarm oder ein vernünftiger Kopfhöreranschluss. Andererseits hat er auch zuviel: so wurde unter Businessusern die Kamera beklagt – nicht, weil sie einfach miese Bilder macht, sondern schlicht und ergreifend, weil sie da ist. So landet das Gerät bei vielen Firmen gleich am Haupteingang im Safe, denn diese haben sehr häufig Angst vor Wirtschaftsspionage. Nun gut, wer die VGA-Kamera jemals erlebt hat, wird diese Gefahr schnell relativieren. Ebenso ist der Communicator als blosser MP3-Player über- und als Videoplayer unterdimensioniert. Auch hier kann er nie die volle Punktzahl erreichen, egal, wie sehr er sich anstrengt.
Fazit: Trotz allem eine eindeutige Liebeserklärung
Der Communicator kann vieles nur mässig, ist unhandlich, immer noch viel zu schwer, viel zu gross und ersetzt tatsächlich weder ein Handy noch ein Notebook. Doch genau deswegen schätze ich ihn sehr. Die Geräteidee ist genial und mit Liebe zum Detail umgesetzt – der Communicator ist eine Klasse für sich. Mit etwas gutem Willen kann man das Gerät durchaus an die eigenen Anforderungen anpassen - vorausgesetzt, man stellt ehrlicherweise bereits beim Durchlesen der Gerätespezifikationen eine hohe Deckungsgleichheit fest. Das macht es einfacher.
Tausende Emails hat man dann in der Tasche, dazu einen vollwertigen Browser, WLAN und auf Wunsch gigabyteweise Musik – all das gepowert von einem kraftvollen Lithium-Polymer-Akku, unterstützt von einer wirklich guten Tastatur und einem kristallklaren Display. Man grenzt sich ausserdem ab vom allgegenwärtigen Touchscreen-PDA-Blackberry-Wahn – und kann ganz nebenbei auch telefonieren.
Seien wir doch ehrlich: es gibt eigentlich gar keine Konkurrenz für den Communicator. Der WLAN-Märtyrer aus Gasbeton ist in jeglicher Hinsicht eine einzigartige Erfahrung – und deswegen fiel mir der Dauertest auch überhaupt nicht schwer.

(Stephan Humer)

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