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Das neue "Next Generation Network" von Arcor

Arcor setzt künftig verstärkt auf das Next Generation Network (NGN). Sowohl Telefonie als auch Daten sowie andere Dienste können dann über das Internet-Protokoll realisiert werden.

01.02.2007, 00:01 Uhr
Notebook© Roman Hense / Fotolia.com

Noch im ersten Quartal dieses Jahres will Arcor das neue "Next Generation Network" (NGN) offiziell einführen. Dadurch ergeben sich insbesondere für Neukunden einige Änderungen.
Alles über IP
Arcor setzt künftig verstärkt auf das NGN, wie dies zum Beispiel auch Alice schon seit einiger Zeit teilweise anbietet. Damit entfällt die traditionelle, technische Trennung zwischen Telefon- und Datenanschluss, die aufgrund gebündelter Paketangebote aber nie wirklich zum Vorschein kam. Anstelle der klassischen Leitungsvermittlung im Telefonnetz tritt die Paketvermittlung. Sowohl Telefonie als auch Daten und andere Dienste können dann über das Internet-Protokoll realisiert werden.
Vor- und Nachteile
Ein großer Vorteil ist, dass etwa die lästige Verkabelung mit NTBA und Splitter entfällt. Künftig wird Arcor nur noch ein einziges Gerät bereit stellen. Der Nachteil solcher paketvermittelter Techniken: Da alles über einen einzigen Anschluss läuft, müssen sich nun alle Dienste die maximal zur Verfügung stehende Bandbreite teilen. Dies ist bei den bis jetzt noch vorherrschenden Angeboten nicht der Fall. So haben beispielsweise Sprachsignal und DSL-Anschluss bei dieser Variante einen eigenen Frequenzbereich, sie klauen sich demnach keine Bandbreite. Ein weiterer Wermutstropfen ist, dass der Kunde bei einem Stromausfall nicht mehr telefonieren kann.
Hardwareabhängig
Einige versiertere Nutzer werden sich zudem mit Sicherheit daran stören, dass Alternativ-Hardware anderer Hersteller nicht ganz so einfach anzuschließen sein wird. Sie soll lediglich hinter dem Netzabschlussgerät von Arcor betrieben werden können. Fraglich bleibt hierbei, in welchem Umfang die in der nachgeschalteten Hardware enthaltenen Funktionen genutzt werden können und ob daran dann auch der Sprachanschluss betrieben werden kann. Vergleichbar ist der Arcor-Sprachanschluss über NGN vor allem mit Voice over IP. So wird VoIP-Telefonaten zu Gesprächsbeginn ein Teil der Bandbreite reserviert. Dieser Teil steht dann etwa aufgrund Quality of Servie (QoS, Dienstgüte-Management) nicht mehr für andere Datentransfers zur Verfügung. Reine Sprachtelefonie zwackt jedoch nicht allzu viel Bandbreite ab.
VoIP und IPTV
Ganz anders könnte das jedoch bei Videostreams aussehen, die Arcor bald anbieten möchte. Voraussetzung soll dabei ein Anschluss mit mindestens sechs Megabit pro Sekunde (Mbit/s) Downloadgeschwindigkeit sein. Wenn der Frequenzbereich für ISDN künftig sowieso nicht mehr genutzt wird, wäre die logische Konsequenz, diesen für DSL freizugeben, um mehr Bandbreite zu erreichen.
Mehr Bandbreite durch Annex A?
Dafür bietet die ADSL-Richtlinie "G.992.1" mit Annex A eine Möglichkeit, wovon auch "Dämpfungsopfer" profitieren würden. Diese Variante ist insbesondere in den USA, aber auch in vielen anderen Ländern, die erste Wahl, da die Verbreitung von ISDN dort wesentlich geringer ist als in Deutschland. Hierzulande ist Annex B Standard, was einen großen, unteren Frequenzbereich für ISDN verschluckt - selbst wenn gar kein ISDN genutzt wird.
Eine Umstellung auf Annex A erweist sich jedoch als nicht besonders einfach: Diese Variante muss für die Teilnehmeranschlussleitung erst einmal zugelassen werden. Schließlich sind die beiden Übertragungsarten nicht zueinander kompatibel. Ein Update der Endkunden-Hardware oder gar eine Neuanschaffung wäre in einigen Fällen vonnöten. Neukunden haben laut Arcor künftig keinerlei Einfluss darauf, ob ihr Auftrag wie bisher über den klassischen Telefonanschluss plus DSL oder über NGN realisiert wird. Hier entscheiden die in den Vermittlungsstellen zur Verfügung stehenden Kapazitäten. Arcor möchte jedoch auch weiterhin vorhandene ISDN-Kapazitäten auslasten.
Nicht alle auf einen Schlag
Somit ist also nicht mit einer Schlag-auf-Schlag-Umstellung aller Kunden zu rechnen. Wer lediglich einen reinen Sprachanschluss bestellt, erhält abgesehen davon weiterhin einen normalen Telefonanschluss und eine Starterbox. Unabhängig von der Anschlusstechnik wird Arcor für Privatkunden nach eigenen Angaben "unbedeutende Leistungsmerkmale" bei Paketangeboten streichen, wie etwa "Rückruf bei Besetzt".
Aus ISDN wird Sprache
Damit einher geht konsequenterweise eine Umbenennung der Produkte. Demnach wird fortan nur noch von "Sprache" und "Internet" gesprochen. Arcor sichert aber bei allen Angeboten, gleich welcher Anschlussvariante, ein "einheitliches Produktergebnis" zu. Auch die von Arcor vermarkteten Endgeräte werden angepasst: Künftig wird es auch ein WLAN-Starterset für den Anschluss von ISDN-Endgeräten geben.
Kunden müssen dann zum Beispiel beim Arcor-Sprache-Komfortanschluss (ehemals ISDN bzw. S0-Mehrgeräteanschluss) explizit angeben, ob sie beabsichtigen analoge Telefone oder ISDN-Geräte zu verwenden. DSL-Neukunden bekommen automatisch eine VoIP-Rufnummer, die sie theoretisch zu jedem beliebigen anderen Internetanschluss "mitnehmen" können und darüber dann erreichbar sind.

(Tobias Capangil)

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