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Cybermobbing-Studie: Jeder fünfte Schüler ist Opfer

Mobbing bekommt über das Internet eine neue Dimension. Üble Gerüchte, peinliche Fotos und Videos werden vor aller Augen verbreitet. Eine Cybermobbing-Studie zu Schülern gibt Aufschluss über die Attacken, Opfer, Täter und die Rolle von Eltern und Schulen.

20.05.2013, 12:01 Uhr (Quelle: DPA)
Internet© arquiplay77 / Fotolia.com

Ein Riesenschock. Der 13-jährige Tom hat ein Sexvideo gepostet. Sein Facebook-Freund schreibt ihm entsetzt: "Spinnst du total? Was für ein ekliges Video". Aber: Tom hat gar nichts gepostet, jemand will ihn reinlegen, fertigmachen. "Das war so megapeinlich", erzählt er. "Jemand muss meinen Account geknackt haben. Und ich konnte das Video nicht löschen." In der Schule gab es hämische Kommentare. "Ich wusste nicht, was ich machen soll und hab' mich ganz aus Facebook abgemeldet und eine Woche später mit neuem Passwort wieder angemeldet."

Cybermobbing ist Alltag vieler Kinder

Cybermobbing gehört zum Alltag vieler Kinder und Jugendlicher in Deutschland. "Mädchen werden gerne in die Schmuddelecke gestellt, als Schlampe diffamiert", sagt Soziologin und Psychologin Catarina Katzer, Mitautorin einer am Donnerstag präsentierten umfassenden Studie zum Thema Mobbing im Netz. "Jungen werden oft als "Homosau" fertiggemacht. Man versucht, ihnen Pornos mit Männern anzuhängen", schildert die Forscherin eines Kölner Instituts für Cyberpsychologie.

Katzer, die auch Mitbegründerin des Bündnisses gegen Cybermobbing ist, betont: "Das Cybermobbing kann viel schlimmer und dramatischer sein, als Mobbing auf dem Schulhof im kleinen Kreis. Früher fühlten sich die Opfer zuhause sicher. Aber heute gibt es keinen Schutzraum mehr. Die Cybermobber kommen ins Kinderzimmer." Der Terror laufe oft über einen langen Zeitraum.

"Das Schamgefühl, das Verletztsein ist so schlimm wegen der großen Öffentlichkeit", weiß Katzer. Sogar vermeintlich gelöschte, bloßstellende Fotos von Partys tauchen irgendwo anders plötzlich wieder auf - manchmal Jahre später. "Das macht die Opfer so hilflos und schutzlos. Sie fühlen sich blamiert, verlieren das Vertrauen, wollen die Schule wechseln, auch ihr Freundschaftsbegriff ändert sich mitunter." Die jugendlichen Opfer allein können es nicht schaffen, betont Katzer. "Die Kids sind heute in Sachen Internet zwar im Handling sehr fit, aber ihnen fehlt die Lebenserfahrung." Dass sich im Internet auch Mobber, Störenfriede, Sexualtäter und Menschen mit kriminellen Absichten tummeln, sei dem Nachwuchs oft nicht bewusst.

Privates wird auf Sozialen Netzwerken preisgegeben - Täter haben leichtes Spiel

Gerade auf Jungen und Mädchen in der Pubertät übten soziale Netzwerke wie Facebook auch deshalb große Anziehungskraft aus, weil sie sich dort selbst darstellen könnten. Viele geben daher Privates aller Art preis - und teilen obendrein noch ihre Passwörter mit anderen oder plaudern sie arglos aus. Die Täter haben leichtes Spiel mit den "angebotenen" oft intimen Infos im Netz. Die Anonymität lasse sie hemmungsloser vorgehen. Manche nutzen gezielt fremde Mobiltelefone oder Accounts für ihre Attacken, sagt Katzer, die auch Fortbildungs- und Unterrichtskonzepte für die Schulen zu dem Thema erarbeitet.

In der Praxis zeige sich, dass Freunde und Eltern wichtige Stützen für die Opfer sein können. "Ein erfolgreicher Ansatz sind die jugendlichen Mobbingberater, also ältere Schüler, die Jüngeren zum Beispiel erklären, was passieren kann, wenn man ein Bikini-Foto postet." Zu tun gibt es noch viel, betont die Expertin: "Das Thema wird uns alle noch richtig lange beschäftigen und fordern."

Weiter auf Seite 2: Jeder fünfte Schüler ist schon einmal Opfer von Mobbing im Internet geworden

Fast jeder fünfte Schüler in Deutschland ist schon einmal Opfer von Mobbing im Internet geworden. Schikane, Hetze und Beleidigung vor allem über soziale Netzwerke werden zunehmend zum Problem. Das geht aus einer umfangreichen Studie (PDF) mit Angaben von bundesweit 9.350 Schülern, Eltern und Lehrern aller Schulformen hervor, die das Bündnis gegen Cybermobbing am Donnerstag in Köln vorstellte.

"Tatorte" sind meist Facebook & Co.

Viele Schüler gaben auch zu, selbst schon einmal gemobbt zu haben. Knapp 60 Prozent der befragten Pädagogen kennen demnach Fälle von Cybermobbing unter ihren Schülern. An etwa einem Drittel der Schulen tritt mindestens einmal pro Woche ein solcher Fall auf.

In der repräsentativen Erhebung gaben 17 Prozent der Schüler an, Opfer geworden zu sein. Und 19 Prozent der Schüler räumen ein, dass sie selbst einmal Mobbing-Täter waren. Häufig angegebene Motive sind "Langeweile" oder "Spaß", aber auch das Ziel, jemanden "fertig zu machen". Die Tatorte sind zu 80 Prozent soziale Netzwerke wie Facebook.

Opfer sind häufig 14- bis 16-Jährige Jugendliche

Anbieter dieser Plattformen müssten ihre Verantwortung stärker wahrnehmen, verlangte Uwe Leest, Vorstandsvorsitzender des Bündnisses - einem Zusammenschluss aus Forschern, Medizinern, Pädagogen, Juristen und Eltern. Sie sollten Hinweise auf Gefahren und Risiken geben und bei Mobbing-Meldungen sofort handeln. Am stärksten betroffen sind laut der Studie Jugendliche von 14 bis 16 Jahren. Aber schon mit elf und zwölf Jahren zeigt sich eine deutliche Zunahme. "Die Ergebnisse zeigen, dass Cybermobbing ein deutliches Problem an allen deutschen Schulen ist", lautet ein Ergebnis. In Haupt- und Realschulen wurden dabei vergleichsweise viele Fälle beobachtet. Es geht aber schon in der Grundschule los. Als Präventionsexpertin des Bündnisses warnte Catarina Katzer: "Die Grundschulen sind immer weiter auf dem Vormarsch." Idealerweise müsse die Aufklärung schon in der Kita einsetzen. Das Phänomen tritt insgesamt in den ostdeutschen Bundesländern seltener auf als in den westdeutschen.

Zu Cybermobbing gehören Beschimpfungen, üble Gerüchte und Verleumdungen, die überwiegend Täter aus dem eigenen Schulumfeld im Internet verbreiten. Zunehmend würden peinliche Fotos und Filme gestreut. Die beobachteten Folgen bei den Opfern: Bedrückte Stimmung, Konzentrationsprobleme, Leistungsabfall, plötzliche Verschlossenheit, Rückzug, Angstzustände, Kopf- und Magenschmerzen, Wut. Gut ein Fünftel fühlt sich durch die Attacken dauerhaft belastet. "Cybermobbing tut weh", betonte Katzer.

Weiter auf Seite 3: Anonymität macht das Internet zu einem idealen Tatort

Immer häufiger werden zum Mobben internetfähige Handys benutzt, die laut Untersuchung zwei Drittel aller Schüler besitzen. Die hohe Anonymität mache das Internet "zu einem idealen Tatort". Die Hemmschwelle im Netz sei geringer.

Deutschlandweite Hotline-Nummer gefordert

Leest sagte, das Problem werde von den Schulen ernst genommen und es gebe vielerorts Aktivitäten, allerdings oft unstrukturiert. Noch recht selten seien feste Institutionen wie Anti-Mobbing-Beauftragte. Der Bündnisvorsitzende forderte die Einführung einer deutschlandweit zentralen Hotline-Nummer, an die sich Opfer wenden könnten. An den Schulen solle ein spezielles Unterrichtsfach eingeführt werden. Lehrer bräuchten mehr Schulung und Unterstützung. In der Befragung gibt die Mehrheit der Pädagogen an, dass ihnen das Fachwissen fehlt.

Auch Eltern müssten gezielter informiert und eingebunden werden. Denn: "Bei Eltern, die ihre Kinder intensiver in ihrem Internetkonsum begleiten, sind weniger Cybermobbingfälle zu beobachten." Nur eine Minderheit der Väter und Mütter kontrolliere aber Internetnutzung ihrer Kinder und fühle sich hier kompetent, sagte Katzer. Freunde und Eltern sind für Schüler die wichtigsten Helfer nach Attacken im Netz. Nur wenige melden Vorfälle an die Betreiber der Plattformen.

Laut Bündnis handelt es sich um die umfassendste Studie - unterstützt von der Arag-Versicherung - im deutschsprachigen Raum zu dem Thema. Für den 11. September organisiert die ehrenamtliche Organisation den nach eigenen Angaben hierzulande ersten internationalen Cybermobbing-Kongress in Berlin.

(Jörg Schamberg)

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