Interview

ARD will Privatsender an Video-Plattform beteiligen

Der ARD-Vorsitzende Wilhelm hat in seinem letzten Jahr als Leiter des Senderverbunds noch einiges vor. Unter anderem soll 2019 die geplante Video-Plattform starten. Im dpa-Interview äußert sich Wilhelm zu seinen Plänen.

28.12.2018, 15:15 Uhr (Quelle: DPA)
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München - Der ARD-Vorsitzende Ulrich Wilhelm will im neuen Jahr eine gemeinsame Video-Plattform mit den Zeitungs- und Zeitschriftenverlagen starten. Dies habe für beide Seiten Vorteile, sagte Wilhelm in einem Interview der Deutschen Presse-Agentur in München. Die Verlage könnten mit den Videos der öffentlich-rechtlichen Sender ihre eigene Berichterstattung stärken. "ARD und ZDF würden ihre Herkunftsbezeichnung auf den Videos behalten und insofern auch nichts verlieren." Auch private TV-Sender könnten Teil einer solchen Plattform werden.

Sie werben für eine gemeinsame europäische Plattform von Qualitätsanbietern. Aus der Politik gibt es dafür aber bisher wenig Unterstützung.

Wilhelm: In Frankreich gab es eine sehr positive Resonanz, auch vonseiten der EU in Brüssel. Richtig ist, dass sich die Diskussion in Deutschland noch sortieren muss. Ich werbe für einen ambitionierten Ansatz, der Europa eine Selbstbehauptung im digitalen Raum ermöglicht: eine gemeinsame digitale Infrastruktur, die von unterschiedlichsten Anbietern etwa aus Kultur, Wissenschaft, Bildung und den Medien für die Verbreitung ihrer Inhalte genutzt werden kann, als Alternative zu den Plattformen der US-Giganten. Mitunter wird darüber so diskutiert, als gehe es um ein Entweder-Oder zwischen Regulierung der amerikanischen Plattformen und eigenen Initiativen in Europa.

Worum geht es stattdessen?

Wilhelm: Um ein Sowohl-Als-Auch. Natürlich müssen die amerikanischen Monopolanbieter stärker reguliert werden. Sie sind nicht nur neutrale Plattformen, technische Drehscheiben, wie sie von sich behaupten, sondern natürlich auch Inhalteanbieter. Europäische Marktlösungen allein haben aufgrund des großen Vorsprungs der US-Anbieter nicht die Kraft, dem etwas Gleichwertiges entgegenzusetzen. Hier braucht es einen politischen Rahmen. Denn alles, was in Europa an Start-ups erfolgversprechend ist, wird sonst aufgekauft oder in ein Ökosystem der amerikanischen Anbieter eingemeindet, wenn es zu erfolgreich und damit zu gefährlich werden würde.

Ihr Vorschlag wird oft als "europäisches YouTube" bezeichnet. Trägt der Vergleich?

Wilhelm: Der Vergleich trägt insofern, als Video aktuell die wichtigste Währung im Netz darstellt und wir auch für alle, die Bewegtbild einer großen Mehrheit zugänglich machen wollen, nur YouTube und Facebook haben. Auch Häuser, die wie wir traditionell eine starke Kraft in der herkömmlichen Medienwelt haben, kommen derzeit um die sozialen Medien und damit die US-Plattformen nicht herum, wenn sie ihr Publikum im digitalen öffentlichen Raum erreichen wollen. Daher plädiere ich für eine europäische Alternative. Mir schwebt eine digitale Infrastruktur vor, über die Qualitätsinhalte angeboten werden können und die den Austausch mit den Nutzern ermöglicht, Elemente von YouTube, Facebook und Google bietet sowie unterschiedlichste Geschäftsmodelle zulässt.

Fühlen Sie sich dabei von deutschen Medienpolitikern belächelt?

Wilhelm: Hin und wieder wird das als Träumerei eingestuft. Damit kann ich leben. Wer dies aber abtut, muss eine andere überzeugende Antwort auf die Schlüsselfrage präsentieren: Wie können wir das Entstehen immer neuer Teilöffentlichkeiten und damit die wachsende Polarisierung unserer Gesellschaften abwenden, dieses Maß an Abgrenzung, Hass und Feindseligkeit im Netz, das den inneren Frieden und die Stabilität der Demokratie gefährdet.

Was ist der größte Widerstand gegen Ihre Idee?

Wilhelm: Ich fürchte: das mangelnde Vorstellungsvermögen, dass Europa so etwas überhaupt noch leisten kann. Viele haben sich einfach abgefunden mit einer faktischen Vormacht der US-Anbieter.

In einem weiteren Projekt haben Sie den deutschen Zeitungs- und Zeitschriftenverlagen angeboten, Ihre Bewegtbildinhalte auf eine gemeinsame Plattform zu stellen. Das Echo war ebenfalls verhalten, oder?

Wilhelm: Teil, teils. Verlage, die selber keine Möglichkeit haben, attraktiven Videocontent zu erstellen, haben uns signalisiert, dass sie für eine solche Initiative aufgeschlossen sind und sie gerne verwirklicht sehen. Aber es gibt innerhalb der Gesamtheit der Verlage noch Diskussionsbedarf. Den warten wir ab. Anders als bei der großangelegten europäischen Plattform-Idee geht es hier jedenfalls um ein Modell, das wir ohne Hilfe der Politik allein mit Bordmitteln, mit den Mitteln aller Beteiligten, realisieren könnten. Vorbild wäre dabei ein Lizenzierungsmodell, vergleichbar mit dem Ansatz der Austria Presse Agentur (APA) in Österreich.

Wollen Sie das noch in Ihrer Amtszeit als ARD-Vorsitzender umsetzen?

Wilhelm: Ja, ich würde das gerne verwirklicht sehen, weil ich daran glaube, dass es für beide Seiten Vorteile hat.

Welche denn?

Wilhelm: Die Verlage könnten mit diesen Videos ihre qualitativ gute Berichterstattung ergänzen und stärken und dadurch - soweit die Redaktionen das wollen - den hohen Aufwand vermeiden, in diesem Umfang selbst Videocontent zu erstellen. ARD und ZDF würden ihre Herkunftsbezeichnung auf den Videos behalten und insofern auch nichts verlieren. Wir bekämen dadurch eine weitere Anerkennung in der Gesellschaft für die Leistungen, die wir erstellen. Zudem wäre das Modell offen für weitere Partner.

Auch für private TV-Sender?

Wilhelm: Auch das Modell in Österreich ist ja durchaus offen für weitere Partner. Grundsätzlich würden wir den Weg mitgehen.

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