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App Menthal warnt vor Handy-Abhängigkeit

Wer zu viel auf sein Handy schaut, könnte bereits abhängig sein. Diese These wollen Forscher der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn überprüfen, indem sie eine weitere App auf das Smartphone laden.

17.01.2014, 15:05 Uhr
SMS schreiben© Andres Rodriguez / Fotolia.com

Wer zu viel auf sein Handy schaut, könnte bereits abhängig sein. Diese These wollen Forscher der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn überprüfen, indem sie eine weitere App auf das Smartphone laden. Die kostenlose App Menthal misst, wieviel Zeit am Tag mit dem Telefon verbracht und welche App dabei am häufigsten verwendet wird.

Belastbare Daten statt Selbsteinschätzung

Menthal lässt sich über Google Play oder menthal.org beziehen und auf einem Gerät mit Android 4.0 oder einer neueren Version installieren. Die Daten werden optisch aufbereitet, aber auch in anonymisierter Form an die Uni Bonn übermittelt, wo sie wissenschaftlich ausgewertet werden.

Die App ist Teil eines größeren Forschungsprojekts zur Untersuchung des Handygebrauchs. Die meisten Studien verlassen sich dazu bis jetzt auf Selbsteinschätzungen der Nutzer. Diese Angaben sind aber unzuverlässig. "Menthal liefert zum ersten Mal belastbare Daten", so Alexander Markowetz, Juniorprofessor für Informatik an der Universität Bonn. "Die App kann uns detailliert zeigen, wie der durchschnittliche Mobiltelefonkonsum pro Tag ausfällt."

Alle zwölf Minuten der Griff zum Telefon

In einer bislang unveröffentlichten Studie haben die Forscher mit Menthal das Telefonverhalten von 50 Studenten über einen Zeitraum von sechs Wochen untersucht. Ein Viertel der Teilnehmer nutzte das Telefon mehr als zwei Stunden am Tag. Im Schnitt aktivierten die Studienteilnehmer 80 Mal täglich ihr Telefon – tagsüber durchschnittlich alle zwölf Minuten. Bei einigen Probanden fielen diese Zahlen gar doppelt so hoch aus.

Im Durchschnitt telefonierte ein Nutzer acht Minuten am Tag und schrieb knapp drei SMS. Mehr als die Hälfte der Zeit nutzten die Probanden Messenger oder soziale Netzwerke. Alleine WhatsApp schlug mit 15 Prozent zu Buche, Facebook mit neun Prozent. Spiele brachten es auf 13 Prozent, wobei einige Probanden mehrere Stunden am Tag spielten.

Depressionen frühzeitig erkennen

Das Hauptinteresse der Informatiker und Psychologen an der Uni Bonn gilt dem problematischen Handygebrauch. Die Nutzung eines Handys soll dem Umgang mit einem Glücksspielautomaten ähneln – deswegen werde das Telefon so oft angeschaltet. Bei dieser möglichen neuen Sucht handele es sich aber noch nicht um eine offiziell anerkannte Erkrankung.

"Dennoch wissen wir, dass der Umgang mit dem Mobiltelefon suchtähnliche Symptome hervorrufen kann", betont Dr. Christian Montag, Privatdozent für Psychologie an der Bonner Universität. So könne ein übermäßiger Konsum zur Vernachlässigung von wichtigen täglichen Aufgaben oder des direkten sozialen Umfelds führen. "Bei Nichtnutzung kann es sogar zu regelrechten Entzugserscheinungen kommen."

Die Forscher nutzen bereits eine ähnliche Technik, um Depressionen frühzeitig zu erkennen. Depressionen äußern sich unter anderem in sozialem Rückzug und der Unfähigkeit, sich an Aktivitäten zu erfreuen. Die Krankheit verläuft oft episodisch. "Wir vermuten, dass sich während einer depressiven Phase die Handy-Nutzung messbar ändert", erläutert Prof. Schläpfer. "Der Kranke ruft dann beispielsweise weniger oft an und geht seltener vor die Tür – eine Verhaltensänderung, die Smartphones dank GPS ebenfalls registrieren können."

(Peter Giesecke)

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