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App "Guide4Blind" macht Blinde in Soest mit EU-Hilfe unabhängig

Im westfälischen Soest kommen Blinde mit einem Navigations-System gut ans Ziel. Die Technik wird auch touristisch genutzt. Die Entwicklung hat nicht nur das Land NRW bezuschusst, sondern auch die EU.

05.05.2014, 08:01 Uhr (Quelle: DPA)
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Die Frage, wie sie sich alleine in der Stadt zurechtfindet, löst bei Heike Ferber nur Kopfschütteln aus. "Ich habe doch meine Lebensversicherung dabei", sagt die 49-Jährige, die durch eine Krankheit fast erblindet ist, und zeigt auf ihr Handy. Mit ihrem Blindenhund Anton und der "Guide4Blind"-App auf ihrem Smartphone fühlt sie sich sicher. "Ich komme jetzt hier besser klar als früher als Sehende", sagt Ferber, die seit einigen Monaten in der Soester Kreisverwaltung arbeitet.

Blindennavigation per Smartphone

Hund Anton achtet für sie auf Hindernisse auf dem Weg, den ihr das Ticken auf ihrem Smartphone akustisch anzeigt. "Ich kann mich nicht verlaufen", sagt sie. Das allerdings beschränkt sich auf Soest, wo ein Team um den Vermessungsingenieur Jörn Peters mehrere Jahre Arbeit in die Blindennavigation gesteckt hat.

"Auf andere Fußgänger-Navigationssysteme kann man sich nicht verlassen", sagt Ferber. Dem stimmt Ginger Claassen zu. Der 38-Jährige aus Paderborn ist seit Jahrzehnten mit seinem Taststock unterwegs und lobt das Soester Projekt.

2-Millionen-Euro-Projekt

Es wird häufig ein etwas längerer, aber dafür ungefährlicher Weg ausgesucht. "Ein paar Schritte mehr sind besser als drei Wochen Krankenhaus", sagt Claassen lachend. In anderen Städten komme er häufig nicht ohne fremde Hilfe klar.

Das 2-Millionen-Euro-Projekt wurde zur Hälfte aus dem NRW-EU-Programm "Regionale Wettbewerbsfähigkeit und Beschäftigung" (EFRE) gefördert. 600.000 Euro kamen vom Land, den Rest übernahmen der Kreis und die Stadt Soest.

Den Anstoß gab eine zufällige Begegnung von Peters mit einem jungen blinden Mann. "Mit dem kam ich ins Gespräch und habe mir erklären lassen, wie er sich in der Stadt zurechtfindet", sagt der Vermessungsingenieur. Dann sei ihm die Idee gekommen, die Daten, die er im Katasteramt in Soest ohnehin erhebt, auf die Bedürfnisse Blinder und Sehbehinderter abzustimmen.

Audio-Dateien zu Sehenswürdigkeiten

Es sei zwar etwas mehr Aufwand, die Vermessungen auf zehn Zentimeter genau zu kartieren. Aber von den exakten Daten profitiere man dann beispielsweise auch bei Bauplanungen. Und das Projekt hat noch andere positive Nebenwirkungen: "Wir haben die Blinden-Navigation in ein touristisches Umfeld gebracht", sagt Peters.

An 40 "Points of Interest" können Informationen über Architektur und Geschichte vom Smartphone abgerufen werden. "Wir haben für jeden dieser Punkte bis zu neun Audio-Dateien", erläutert Peters. Auch Geschäfte, Ärzte oder Bushaltestellen lassen sich mit der App finden. Neben Erklärungen für Blinde gibt es auch Versionen für Sehende, für Kinder oder in niederländischer und englischer Sprache. Geplant seien noch eine chinesische Fassung und eine Bilder-Version für Taubstumme, sagt Peters.

"Guide4Blind"-Stimmen von prominenten Schauspielern

Die App ist eines von rund 3.000 Projekten in NRW, die zwischen 2007 und 2013 mit 1,3 Milliarden Euro EFRE-Geldern aus Brüssel unterstützt wurden. Das reichte von der Entwicklung eines Kunstherzens an der Uni Aachen über Energieberatungen der Verbraucherzentrale bis hin zum Breitband-Internet für den ländlichen Raum.

Die "Guide4Blind"-Stimmen aus dem Mobiltelefon dürften die Nutzer kennen, sie gehören Schauspielern: "Wir haben Rufus Beck, Anna Thalbach und Hans-Peter Hallwachs als Sprecher verpflichtet", sagt Peters. Mittlerweile ist die App auch bei Sehenden beliebt. "Blinde sind für uns der höchste Maßstab", sagt Peters. "Wenn Blinde das können, kommen auch andere damit klar."

(Jörg Schamberg)

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