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AOL: Internet-Pionier zurück an der Börse

Vor acht Jahren galt die Fusion von AOL und Time Warner als Jahrhundert-Hochzeit. Nach erfolglosen Jahren im Medienkonzern und gigantischen Verlusten soll nun ein Neuanfang erfolgen.

10.12.2009, 15:01 Uhr (Quelle: DPA)
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Der Internet-Pionier AOL geht nach acht erfolglosen Jahren unter dem Dach des US-Medienriesen Time Warner wieder an die Börse. Seit Donnerstag ist die AOL-Aktie wieder im Handel in New York. Am Vortag war AOL dafür formell aus dem Konzern herausgelöst worden. Time Warner zieht damit den Schlussstrich unter einem sehr teuren Fehlschlag.
Schwacher Start
Allerdings fiel das Comeback am New Yorker Aktienmarkt ernüchternd aus: Die Aktie verlor im frühen Handel an Wert. Der erste Kurs lag bei 23,27 Dollar und damit 1,7 Prozent unter dem Ausgabekurs von 23,67 Dollar. Kurz darauf drehte die Aktie zwar ins Plus, fiel aber gleich wieder zurück. Zuletzt wurde der Titel mit einem Minus von 1,8 Prozent bei 23,25 Dollar gehandelt, während der Technologie-Index Nasdaq zum selben Zeitpunkt knapp 0,7 Prozent im Plus lag.
Teure Umstrukturierung
Die rund 100 Milliarden Dollar schwere Fusion von AOL und Time Warner war im Jahr 2001 als Jahrhundert-Hochzeit gefeiert worden. Nach dem Platzen der Internet-Blase blieben gigantische Verluste, die Ehe galt als gescheitert. Noch zuletzt hatte Time Warner auch wegen AOL einen Gewinneinbruch hinnehmen müssen. Der Überschuss fiel im dritten Quartal um fast 40 Prozent auf 661 Millionen Dollar (444 Millionen Euro). Die Internetsparte leidet seit längerem unter sinkenden Nutzerzahlen sowie niedrigen Werbeeinnahmen und wies in den ersten neun Monaten dieses Jahres einen heftigen Umsatz- und Gewinnrückgang aus.
Der Leidensdruck bei Time Warner war so groß, dass der Konzern AOL an seine Anteilseigner verschenkt: Für jeweils elf Time-Warner-Aktien erhalten die Aktionäre ein neues AOL-Papier zuzüglich einer Quartalsdividende von 0,1875 Dollar je Anteilsschein.
Auch Warner im Umbau
Nach der Loslösung, das hatte der bisherige Mutterkonzern zuvor angekündigt, muss AOL sein Geschäft auf Vordermann bringen und dafür teuer umbauen. Im November hatte AOL angekündigt, rund 2.500 Stellen und damit ein Drittel aller Arbeitsplätze zu streichen. Die Kosten sollen dadurch um 300 Millionen Dollar pro Jahr sinken. Allerdings soll die Restrukturierung zunächst rund 200 Millionen Dollar kosten. Time Warner selbst steckt bereits seit längerem in einem Umbau. In Europa hat sich der Konzern längst vom AOL-Geschäft mit Internetzugängen getrennt. Auch die Kabelnetz-Sparte ist weg. Zum Kerngeschäft von Time Warner gehören TV-Sender ("CNN"), Magazine ("Time", "Fortune") oder Filmstudios ("Warner Brothers").
Begonnen hatte die Verbindung der beiden Unternehmen auf dem Höhepunkt der Internet-Euphorie zur Jahrhundertwende. Damals hatte allerdings noch der Schwanz mit dem Hund gewedelt: Die viel kleinere Internet-Firma AOL hatte - getragen von dem Höhenflug der Aktien - den "Old-Economy-Veteran" Time Warner übernommen und stieg zum damals weltgrößten Online- und Medienkonzern auf. Die Fusion machte AOL die enormen Medieninhalte des Time Warner-Konzerns zugänglich und eröffnete Time Warner die weltweiten AOL-Onlinedienste. Verbrauchergruppen und Konkurrenten waren damals auch deshalb gegen den Zusammenschluss ­ letztlich erfolglos - Sturm gelaufen. Wirtschaftlich gesehen stand die Elefantenhochzeit von Beginn an unter einem schlechten Stern: Die Aktienkurse beider Gesellschaften fielen nach der Fusionsankündigung deutlich, so dass sich der Wert der Transaktion bis zu ihrem Abschluss bereits deutlich reduziert hatte.
Größtes Werbenetzwerk der USA
Mit dem Platzen der Internet-Blase führte der Deal zu gigantischen Verlusten. Bereits nach dem ersten Ehejahr verbuchte das ursprüngliche Traumpaar ein Minus von knapp 99 Milliarden Dollar. AOL wurde entsprechend seiner neuen, realistischen Bedeutung aus dem Unternehmensnamen getilgt und mutierte zu einer von vielen Sparten des Medienkonzerns.
Künftig will AOL nicht mehr die Tür zum Internet öffnen, sondern Werbung vermarkten. Dafür hat der Konzern aus dem US-Staat Virginia in den vergangenen Jahren neben dem bekannten Portal AOL.com etliche Websites aufgebaut und angekauft: Von Technik-Blogs wie Engadget über Klatsch-Seiten wie TMZ bis hin zu Lifestyle-Nachrichten für Frauen. Auch das Online-Netzwerk Bebo gehört dazu. Neben eigenen Inhalten vermarktet AOL fremde Websites. Mit dieser Mischung aus Nischen- und Massenangeboten hat AOL das größte Werbenetzwerk in den USA - das bescheinigen die Marktforscher von Comscore. Dennoch ist der Umsatz dieser Sparte im abgelaufenen Quartal um 18 Prozent auf 415 Millionen Dollar gesunken. Der Umsatz aus dem Zugangsgeschäft fiel sogar um 28 Prozent auf 332 Millionen Dollar.
Weniger Kosten, neues System
Analysten gehen davon aus, dass der Umsatz auch in den nächsten Jahren weiter sinken wird. Denn im Geschäft mit Internetzugängen bröckeln die Margen weiter. Und bei der Online-Werbung ist die Konkurrenz riesig - nicht nur der alte Rivale Yahoo verkauft Bannerwerbung (Display Ads), sondern mittlerweile auch Google. Ebenso zweigen die derzeit populären Online-Netzwerke wie Facebook Aufmerksamkeit und Werbe-Budgets ab.
Firmenchef Tim Armstrong hat in den vergangenen Monaten bereits die neuen Zeiten eingeläutet. Er will die Kosten um jährlich 300 Millionen Dollar senken, ein neues System soll den Verkauf von Werbeanzeigen effizienter gestalten als bislang. Und ein neues, fetziges Logo soll Geschmack auf die "weltweit aufregendsten Online-Inhalte und Erlebnisse" machen. Armstrong hat Erfahrung mit Online-Werbung - beim Suchmaschinen-Primus Google baute er das erfolgreiche System mit Textanzeigen mit auf. Vielleicht hat der 38-Jährige bei AOL ähnlichen Erfolg. Der Konzern könnte es gebrauchen.

(Michael Posdziech)

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