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AOL: Beta-Knatsch um neue Software

AOL steht vor einem Systemwechsel. Doch die Betaversion der neuen Software stößt nicht nur auf Gegenliebe. AOL-Manager Jens Pape erklärt die Idee dahinter.

12.12.2005, 18:27 Uhr
DSL-Anschluss© IKO / Fotolia.com

Zehn Jahre gibt es AOL in Deutschland. Fast genau so viele Versionen hat die AOL-Software gesehen. Der Client ist traditionell ein Alleskönner: Er sorgt für den Zugang, ist Browser und E-Mail-Programm in einem. AOL-Kunden haben sich daran gewöhnt, viele sehen den Vorteil darin, nur eine Anwendung für alle Internetaktivitäten zu haben. Doch gibt es auch Nutzer, die mögen es individueller; für sie ist die von Providern wie AOL und T-Online vertriebene Software ein monolithisches Monster.
Spagat am Millerntor
Die Erwartungen der Konservativen zu erfüllen und die Individualisten nicht zu verprellen ist ein Spagat, den die Hamburger jetzt wagen wollen. Denn mit der kommenden AOL Version steht ein tief greifender Systemwechsel ins Haus. Einen ersten Eindruck der bevorstehenden Änderungen bekommen derzeit einige tausend AOL-Nutzer, die die neue Software schon einmal testen dürfen. Die Beta-Tester haben die neue AOL-Software exklusiv vorab in die Finger bekommen.
Die Testversion präsentiert sich im organischen Zukunftslook. Eine Taskbar dockt seitlich oder oben am Bildschirmrand an. Darüber lassen sich die einzelnen Anwendungen starten und beenden. Die Meinungen der Tester zu diesem neuen Ansatz gehen auseinander. Auch im Forum von onlinekosten.de wird über die AOL-Beta diskutiert. Dabei stehen besonders das neue Design und die Performance der Software im Zentrum der Diskussion. Wir sprachen mit Jens Pape über den Betatest und die Idee hinter dem neuen Client. Der Diplomingenieur leitet den Bereich Technology & Operations und ist Mitglied der Geschäftsleitung von AOL in Hamburg.
Kompletter Systemwechsel
Für den Manager kommt die Kritik nicht wirklich überraschend. "Es handelt sich um einen kompletten Systemwechsel", so Pape. "Wir haben seit Version 3.0 die Codebase des Programms immer nur erweitert. Jetzt möchten wir uns öffnen, dafür benötigen wir eine komplett neue Codebase." Der neue AOL-Client wird modular: Das Chatmodul AIM, der Browser, der E-Mail-Client und die Verbindungssoftware laufen auch unabhängig voneinander, setzen aber gemeinsam auf einer offenen Plattform auf.


Diese so genannte "Open Client Platform" (OCP) setzt auf Standardisierung, XML und offene Schnittstellen. "Wir verfolgen damit einen ganz neuen Ansatz", erklärt Pape, mit dem sich AOL auch für potenzielle Partner öffnen will. "So könnten wir zum Beispiel später mal einen Browser quasi im laufenden Betrieb durch einen anderen ersetzen, das konnten wir mit der bisherigen Architektur nicht." Auch optisch unterscheidet sich die Beta stark von den Vorgängern. "Mit der Beta sind wir relativ weit vorgeprescht, um den Kunden mal was ganz Neues probieren zu lassen. Zu sehen, ob sie das gut finden oder nicht."
Einige Tester fanden das auch richtig gut, wie Pape erzählt. "Es gab Leute, die sagen: Klasse, endlich öffnet sich AOL und wird erwachsen." Doch der neue Look hat auch für Irritationen gesorgt. "Wir haben nicht damit gerechnet, dass wir so ein heftiges Feedback bekommen. Ich kann mir vorstellen, dass manche Kunden diese Beta-Version nicht so gut finden, weil sie den alten AOL-Client nicht wiederfinden." Der AOL-Mann sieht das allerdings auch positiv: "Auf der anderen Seite wissen wir jetzt, dass wir da noch was tun müssen und das ist ja auch Sinn und Zweck eines Beta-Tests."
Fahrwerktest
Auch wenn sich AOL über das Feedback zum Aussehen der Beta-Version freut, geht es bei dem Test primär um das neue Rückgrat der Software. "Das ist ein kompletter Neuanfang und sieht deshalb auch nicht aus wie der gewohnte AOL-Client. Das haben wir wohl nicht klar und deutlich genug kommuniziert", gibt Pape auch Versäumnisse zu.
"Stellen Sie sich vor, Sie entwickeln ein neues Auto. Da werden erstmal Fahrwerk und Motor entwickelt und getestet. Es ist völlig egal, wie viele Sitze später drin sein werden und wie die aussehen. Im ersten Schritt gilt es, dass das Fahrwerk funktioniert. Genau in diesem Stadium befinden wir uns gerade." Am Ende werde der Client natürlich so aussehen, wie der Kunde es erwartet. Auf der neuen Plattform ließe sich sogar eine Anwendung aufsetzen, die aussieht wie der Vorgänger.
Auch auf Kritik an der Performance der Anwendung geht der AOL-Manager ein. "Es ist eine Beta-Software, die ist langsamer als die endgültige Version. Es geht erstmal nicht um Performance, sondern um die Usability der Komponenten." Erst dann werde sich eine Gruppe Experten um ordentliche Performance kümmern. Den nicht mehr ganz taufrischen Testrechner in der Redaktion hat die AOL-Beta ganz schön in die Knie gezwungen. Die Ausstattung der Nutzer wird beim Softwaredesign berücksichtigt, erklärt Pape. "Durch Marktforschung wissen wir natürlich, was unsere Kunden für Rechner benutzen."
Kein Stress
Eins ist zu spüren: AOL ist durch die zum Teil heftigen Reaktionen im Rahmen des Beta-Tests für die Bedürfnisse der Nutzer sensibilisiert. Sollte sich im Laufe des Tests weiter herausstellen, dass die neue Oberfläche so gar nicht ankommen will, arbeiten die Hamburger lieber noch ein bisschen länger an der neuen Software. "Bevor wir etwas auf den Markt bringen, von dem wir nicht hundertprozentig sicher sind, dass es beim Kunden gut ankommt werden wir uns lieber noch ein bisschen Zeit nehmen." Große Eile hat Pape nicht, den neuen Client so schnell wie möglich fertig zu stellen. "Die aktuelle Version 9.0 ist der beste Client, den wir je herausgebracht haben. Er läuft sehr stabil, deswegen gibt es keine Probleme und wir haben nicht so den Wahnsinnsdruck."

Auf einen Termin für die neue Software, die übrigens nicht zwingend auch AOL 10.0 heißen muss, will sich Pape nicht festlegen: "Wir sagen 2006". Immerhin Zeit genug, der Anwendung auch noch einen De-Installer zu spendieren, der seinen Namen verdient. Den haben wir vermisst. Aber wir sind da zuversichtlich. Schließlich, so verrät Jens Pape, "wollen wir, dass der Kunde am Ende einen Client nutzt, der seinen Vorstellungen entspricht."

(Volker Briegleb)

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