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Amazon-Skandal: Welche Macht hat der Kunde?

Amazon hat sich von der Sicherheitsfirma getrennt, damit könnte der Skandal beendet sein. Ist er aber nicht. Der Shitstorm der Kunden hält an. Aber kündigen sie auch?

19.02.2013, 15:28 Uhr
Amazon© Amazon

In Bad Hersfeld hat ein Sicherheitsdienst Zimmer durchsucht, Leiharbeiter wurden schikaniert. Die ARD berichtete in der vergangenen Woche in einer Reportage darüber und machte Amazon dafür verantwortlich. Die Leiharbeiter waren dort in der Weihnachtszeit beschäftigt. Mittlerweile hat sich der Onlineversand von der Sicherheitsfirma getrennt, damit könnte der Skandal eigentlich beendet sein. Ist er aber nicht. Er war bloß ein Aufhänger für den Unmut der Kunden, die nun in einem andauernden Shitstorm ihrem Ärger freien Lauf lassen. Aber kündigen sie auch? Im Netz kursieren Anleitungen, wie man sein Amazonkonto loswird. Umatzeinbußen muss Amazon aber nicht fürchten.

Wer hat schon sein Amazonkonto gelöscht?

1995 wollte der Ölkonzern Shell die Brent Spar in der Tiefsee versenken. Greenpeace besetzte den Öltank, der in der Nordsee schwamm, und schaffte Aufmerksamkeit. Die Medien berichteten, die Kunden boykottierten Shell und kauften ihr Benzin woanders. Und zwar massenhaft. Die Shell-Tankstellen waren wie leergefegt. Das Unternehmen knickte ein, ließ die Brent Spar schließlich an Land auseinander nehmen und entsorgen. Es folgte eine breit angelegete Medienkampagne mit einer Entschuldigung und ein grüner Wandel. Im Nachhinein stellte sich dann heraus, dass die ökologische Belastung bei einer Zerlegung an Land höher war. Die Masse hatte geirrt.

Diese Zeiten sind vorbei. Heute wird seltener an der Kasse abgestimmt. Vielen reicht es, ihren Unmut auszudrücken. Dafür gibt es Facebook, Twitter und andere soziale Netzwerke. Die Kunden drohen nur noch statt zu handeln. Wer hat denn schon sein Amazonkonto gelöscht? Oder wer kennt jemanden? Die Anleitungen, die kursieren, sind schnell geschrieben und den Medien ein dankbarer Platzfüller. Schließlich gibt es Tage, wo es einfach nichts zu schreiben gibt. Ohne Wirkung bleibt das natürlich nicht. Amazon konnte zwar gezwungen werden, die dubiose Sicherheitsfirma zu entlassen. Das ist aber bloß eine Reaktion auf die Medien für die Medien, Balsam auf die empfindsame Haut der Nachrichtenjunkies.

Die Alternativen sind da

Doch woher kommt diese Wut auf Amazon? Manch einer sieht in Facebook, Apple oder sogar Google das personifizierte Böse. Aber Amazon? Der Onlinehändler ist ein Ausbund an Zuverlässigkeit. Die Ware kommt pünktlich und wird stets ohne Murren zurückgenommen. Die Kunden sind nicht ehrlich, wenn sie die beste Leistung haben, aber nur wenig dafür zahlen wollen. Diese Mentalität verleitet erst die Unternehmen zur Lohndrückerei – zumindest bei den Aushilfskräften, wie jetzt durch Amazon geschehen. Die Unehrlichkeit der Kunden liegt vor allem darin, dass sie die Alternativen nicht nutzen. Es gibt sie. Vielfältig.

Noch immer gibt es Buchhandlungen. Bücher, die nicht vorrätig sind, werden über Nacht geliefert. Das ist oft schneller als bei Amazon. Der Käufer muss sie nur im Laden abholen. Alternativ gibt es zahlreiche Buchversande im Internet. Auch für die anderen Produkte, die Amazon verkauft (in den letzten Jahren wurde die Palette stark erweitert), gibt es Alternativen. Es ist eben bequem, alles bei einem Händler zu kaufen und nicht jedes Mal ein neues Kundenkonto eröffnen und seine Bankdaten hinterlegen zu müssen.

Ein Alleinstellungsmerkmal hat Amazon jedoch nicht. Wer ein iPhone besitzt, muss die Anwendungen zwangsweise im Apple App Store kaufen. Wer letzte Woche bei Amazon einen Rasierapparat erstanden hat, kann das Paar Schuhe jedoch genauso gut bei Zalando bestellen. Oder im Laden. Beim Kindle mag das anders sein. Es bringt aber nichts, sich nur aufzuregen. Schmerzen empfinden Unternehmen nur an der Kasse.

(Peter Giesecke)

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