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Amazon könnte Polen als Streikbrecher nutzen

Seit Monaten kämpfen Beschäftigte von Amazon für bessere Arbeitsbedingungen. Jetzt wies der Versandhändler deutsche Verlage an, Lieferungen künftig nach Polen umzuleiten. Dort sollen deutsche Bücher umgepackt und reimportiert werden. Amazon bestreitet, damit den Plan zu verfolgen, bestreikte Standorte in Deutschland zu schließen.

11.08.2014, 18:46 Uhr (Quelle: DPA)
Amazon© Amazon

Der Versand-Riese Amazon will Berichten zufolge Bestellungen aus Deutschland zunehmend über Polen abwickeln. Verlage seien in einem Brief informiert worden. Während die Gewerkschaft Verdi betont gelassen reagierte, warnt ein Handelsexperte davor, Amazon wolle verstärkt seine Marktmacht ausnutzen.

40 Prozent Lieferungen über Polen und Tschechien an inländische Kunden

Die Arbeitnehmerorganisation Verdi, seit längerem mit Streit und Streik im Kräftemessen mit Amazon, spielte Befürchtungen zu einer möglichen Verlagerung von Warenströmen von Deutschland nach Polen herunter. "Wir sehen das entspannt. Durch das Lieferversprechen sind Amazon Grenzen gesetzt", sagte Eva Völpel vom Bundesverband der Gewerkschaft am Montag in Berlin. Wenn Lieferungen etwa für den nächsten Tag zugesagt seien, könnten sie nicht weit entfernt versendet werden.

Die Zeitung Welt hatte berichtet, der Online-Händler verlange von deutschen Verlagen, rund 40 Prozent der Lieferungen über neue Logistikstandorte in Polen und Tschechien an inländische Kunden zu schicken. In einem Schreiben würden die Verlage informiert, dass im September zwei neue Vertriebszentren in Polen eröffnen. Amazon äußerte sich bis zum Montag-Mittag nicht zu dem Bericht.

Die Zeitung zitiert einen Sprecher des Versandhändlers, der bestritt, es bestünden Pläne, eines der bestehenden 25 Zentren in Europa zu schließen. Die neuen Zentren sollten vielmehr das Wachstum in Europa unterstützen, weshalb Lieferanten vorab über die neuen Verteilzentren informiert worden seien.

Verband sieht Amazon-Bücher als Klimakiller

Der Dachverband der deutschen Buchbranche kritisierte die mögliche Verlagerung des Versands. "Logistikzentren in Polen bedeuten nicht nur Mehrkosten für die Verlage, sondern wirken sich auch als Klimakiller aus. Schließlich legt ein Buch dann fast zehnmal so viele Kilometer zurück wie bei der Lieferung zur Buchhandlung vor Ort", sagte der Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Alexander Skipis.

Vermutungen, Amazon wolle mit Verlagerungen den seit langem immer wieder laufenden Streiks von Verdi die Spitze nehmen, wollte sich die Gewerkschaft nicht anschließen. "Wir glauben nicht, dass mögliche Streiks ins Leere laufen, wenn Amazon Geschäftsbereiche ausdünnt", macht Völpel seinen Mitgliedern Mut. Die Gewerkschaft sehe insgesamt auch keine Tendenz, dass vermehrt Amazon-Bestellungen von Polen aus abgewickelt werden könnten. Deutschland sei der wichtigste Markt für Amazon in Europa.

Professor: "Herannahende Feuerwalze namens Amazon"

Der Online-Handelsexperte Gerrit Heinemann zeigt sich hingegen überzeugt, dass Amazon das Deutschland-Geschäft zunehmend auch über Polen abwickeln wird: "Amazon wird verstärkt auf die Lager setzen, die gerade in Polen an der Grenze zu Deutschland entstanden sind." Der Professor an der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach sagte auch, der Börsenverein des Deutschen Buchhandels "hat bisher bei Amazon tatenlos zugesehen" und setze dem weltgrößten Versandhändler nichts entgegen.

Amazon versuche mit seiner Marktmacht im Rücken zunehmend die Geschäftsabläufe und -bedingungen zu diktieren, sagte Heinemann. "Warum mobilisiert niemand gegen diese herannahende Feuerwalze namens Amazon?", fragt er sich. "Amazon hat in der Belletristik sowie in den Fachbuchsortimenten mit jeweils rund 40 Prozent Marktanteil bereits eine marktbeherrschende Stellung eingenommen."

(Michael Frenzel)

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