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50 Jahre Stiftung Warentest: Produkte besser, aber noch immer Mängel

Seit ihrer Gründung vor 50 Jahren hat die Stiftung Warentest in 5.500 Tests rund 100.000 Produkte getestet. Aktuell stehen vor allem Schadstoffuntersuchungen im Fokus.

04.12.2014, 12:01 Uhr (Quelle: DPA)
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Der Chef der Stiftung Warentest beklagt zum 50. Gründungstag der Stiftung weiterhin Risiken für Verbraucher durch einzelne Produkte. Insgesamt habe sich die Produktqualität zwar verbessert, sagte Vorstand Hubertus Primus der "Neuen Osnabrücker Zeitung" (Donnerstag). "Das heißt aber nicht, dass sie in allen Bereichen in Ordnung ist." Prüfer fänden zum Beispiel noch immer Schadstoffe in Spielzeug und Mineralöl in Adventskalendern.

Schadstoffuntersuchungen rücken in den Fokus

In den Anfangsjahren der Stiftung sei es häufig um die Sicherheit und die Funktion der getesteten Produkte gegangen. Inzwischen rückten Schadstoffuntersuchungen immer mehr in den Fokus der Prüfungen, sagte Primus. Für Kunden sei die Welt komplexer geworden: "Der Verbraucher muss heute wesentlich mehr Entscheidungen selber treffen als noch vor 50 Jahren, als es zum Beispiel nur einen Telefonanbieter gab, den lokalen Stromversorger und als die Altersvorsorge durch die Rente und die Kapitallebensversicherung abgedeckt war."

Die Stiftung Warentest wird am Donnerstag 50 Jahre alt. Seit ihrer Gründung am 4. Dezember 1964 hat die Stiftung in 5.500 Tests etwa 100.000 Produkte geprüft. Dazu kommen rund 2.500 Tests von Dienstleistungen. Kaum ein Produkt für Haushalt und Freizeit wurde noch nicht von ihr untersucht. Sogar Schreckschusswaffen, Sexualtonika und aufblasbare Schlitten durchliefen die Prüfprogramme der Stiftung Warentest. Am 4. Dezember 1964 wurde ihre Gründungsurkunde unterzeichnet, zuvor hatte der Bundestag sie per Beschluss ins Leben gerufen. In den 50 Jahren, die folgten, erwarb sich die Stiftung mit ihrer Arbeit ein so hohes Ansehen, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel am Jubiläumstag die Festrede halten wird.

Anfang mit Startkapital von zwei Millionen Mark

Nach dem bescheidenen Anfang mit einem Startkapital von zwei Millionen Mark jährlich wuchs die Bedeutung der Stiftung Warentest mit ihrer Leserschaft. Die verkaufte Auflage des werbefreien Magazins "Test" stieg im Jahr nach der Wiedervereinigung auf fast eine Million Exemplare. Diese goldenen Zeiten sind vorbei. Denn im Internet ist eine Menge Konkurrenz entstanden. Und Kritik an der Arbeit der Tester wird lauter als früher geäußert.

Einen Schlag musste die Stiftung ausgerechnet im Jubiläumsjahr hinnehmen. Im September verlor sie vor Gericht einen Streit mit dem Schokoladenhersteller Ritter Sport. Es ging um eine angeblich irreführende Kennzeichnung eines Vanillearomas. Deswegen hatte eine Schokoladensorte von Ritter die Note fünf bekommen. Die Warentester dürfen den Vorwurf nun nicht mehr erheben. Immerhin verzichtete das Unternehmen auf eine Schadenersatzforderung.

"Die Stiftung Warentest hat im Testbericht nicht präzise und ausführlich genug dargelegt, wie sie zur Beurteilung der Deklaration gekommen ist", gestand der Vorstand der Organisation, Hubertus Primus, damals ein. Der gute Ruf, das Kapital der Warentester, hat unter dem Rechtsstreit gelitten.

Prozesse gegen die Stiftung Warentest sind die Ausnahme

Allerdings sind solche Prozesse die Ausnahme. Nach wie vor gibt es nach Worten von Primus keinen einzigen Fall, in dem die Stiftung wegen einer Testbeurteilung Schadenersatz habe zahlen müssen. Die Prüfstandards hätten sich bewährt, die Zusammenarbeit mit Laboren im In- und Ausland auch.

Dennoch begehren Unternehmen gegen schlechte Beurteilungen gelegentlich auf. So zweifelte die Spielwarenindustrie Ende 2013 die Messergebnisse einer Untersuchung von Holzspielzeug an. Ein Jahr zuvor hatte es Ärger um Spuren von Mineralöl in Schokolade aus Adventskalendern gegeben. Das Bundesinstitut für Risikobewertung hielt das Gesundheitsrisiko für nicht so groß wie die Stiftung Warentest.

Das Beispiel zeigt eine Schwierigkeit der gemeinnützigen Organisation. Sie muss einerseits seriös und glaubwürdig auftreten, zugleich aber auch Eigenwerbung mit manch spektakulärem Testergebnis betreiben. Denn ihre Magazine "Test" und "Finanztest" steuern mehr als zwei Drittel ihrer Einnahmen bei. Seit Jahren sinken ihre Auflagen, auf zuletzt auf 430.000 "Test"-Exemplare und 220.000 "Finanztest"-Hefte.

Stiftung rutschte 2012 in die roten Zahlen

Auch deshalb rutschte die Stiftung 2012 in die roten Zahlen. Im vergangenen Jahr stand unter dem Strich wieder ein Überschuss von einer Million Euro, dank einer kräftigeren Finanzspritze aus dem Stiftungskapital und weil das Geschäft im Internet allmählich in Schwung kommt. Dies weiter auszubauen, ist das wichtigste Vorhaben von Primus, der seit Anfang 2012 an der Spitze der Stiftung steht.

Dazu gehört, die Zahl der Produktfinder zu erhöhen. Das sind Datenbanken zum Beispiel für Matratzen, Waschmaschinen, Fernseher, Handys, Tablets und elektrische Zahnbürsten, die laufend aktualisiert werden. So will sich die Stiftung gegen den bunten Strauß an Internet-Portalen behaupten, die Prüfberichte, Kundenbewertungen und Preisvergleiche veröffentlichen. Diese tun das anders als die Stiftung kostenfrei, ihre Testkriterien sind aber oft unklar und die Bewertungen der Käufer subjektiv.

Bei allem Wandel in 50 Jahren wollen die Warentester aus Berlin an einem festhalten: Die altmodischen Schulnoten für Produkte und Dienstleistungen von "sehr gut" bis "mangelhaft" werden bleiben.

(Jörg Schamberg)

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