Testbericht

Test: Handy-Shops im Weihnachts-Stress

Smartphone© goodluz / Fotolia.com
Ein Handy kaufen ist nicht schwer. Der Verkauf dagegen sehr. Behalten die Verkäufer im Weihnachts-Streß ihre Freundlichkeit oder verlieren sie die Geduld? Wir fragten nach: Ein Kamerahandy sollte es sein, mit dem man Musik hören kann zu möglichst günstigen Konditionen, für die Freundin. Also machte sich ein einsamer Mobilfunk-Redakteur auf die Socken, um die Handy-Verkäufer zu stressen.

Oh ja, ein Mobilfunk-Vertrag ist eine sehr subtile Art, einen Mann zu binden. Zwei Jahre ist er, oder besser gesagt: seine Geldbörse ihrer Willkür ausgeliefert. Denn er ist, wenn er sich nicht geschickt anstellt und einen Gutschein schenkt, derjenige, dem die Rechnung zukommt. Das sind fast ehegleiche Verhältnisse, Scheidungsgrund inklusive.

Die Frau braucht ein neues Handy

Entsprechend langwierig die Überlegungen... Handy-Vertrag suchen, Gutschein schenken und später mit ihr zum Handy-Laden laufen wäre sicherlich die günstigste Möglichkeit. Doch dazu musste erstmal die Lage gecheckt werden. Was lag also näher, als gleichzeitig die Anbieter auf ihre Weihnachts-Tauglichkeit zu testen?

So oder so musste rechtzeitig ein Vertrag her. Und deshalb begab sich der Mobilfunk-Redakteur auch in die Gefahren-, äh... Fußgängerzone. Wir schrieben Samstag, den 20. Dezember 2003, noch vier Tage bis zum FEST DER LIEBE™. Draußen war es bewölkt und das Thermometer zeigte etwa 10 Grad. Was tut man nicht alles für Sex an Heiligabend.

In the Zone

Spaß in der Fußgängerzone: „Aus dem Weg!“ „Arschloch!“ „Tanz nicht aus der Reihe, Du Sau!“ Hach ja, Weihnachten, das Fest der NÄCHSTENLIEBE™. Dingdong, willkommen bei Vodafone. Der Laden völlig überfüllt, mittendrin drei echte Mobilfunk-Spezialisten. Eine lange Schlange. Hinten anstellen, so gehört sich das, und erstmal abwarten.

Etwa dreißig Minuten später war er dann an der Reihe. Vor ihm haufenweise String-Tangas, die aus viel zu engen Wurstpellen-Hosen schauten. Ob man nicht irgendwie den Mindestumsatz streichen könnte, beim Sun-Tarif. Aus den Augen des Verkäufers sprach die Verzweiflung „Warum immer ich?“ Na, das kann ja heiter werden, dachte sich der Mobilfunk-Redakteur und begab sich ins Gespräch.

Vodafone und das P900

„Ja, guten Tag, ich wollte für meine Freundin ein neues Handy besorgen.“ „Löblich!“ Er lächelte, obwohl die Uhr bereits 16 Uhr zeigte. MP3-Spielfunktion zusammen mit Kamera könnte er allerdings nicht bieten, außer beim SonyEricsson P900 für sahnige 350 Euro zusätzlich zum Sun-Vertrag. Das war dann doch etwas teuer.

„Nene, das ist glaub ich nicht das richtige Gerät für Frauenhände“ zog sich der Mobilfunk-Redakteur aus der Affäre. Dachte daran, wie dieses wunderschöne und sauteure Gerät zwischen alten Minzbonbons, Brötchenkrümeln und Taschentüchern ein frühes Ende in der Handtasche seiner Freundin finden würde. Ob’s da nicht was Günstigeres gäbe?

Aber was ist mit der Musik?

„Klar, das SonyEricsson T610“. Rund 30 Euro, das war doch schon eher die gesuchte Preisklasse. „Aber das spielt keine Musik!“ Alternativ wurde das Nokia 3650 angeboten, ebenfalls mit Kamera und ohne MP3-Player. „Aber den kann man, glaub ich, über die Software nachrüsten. Aber ich wüsste nicht, wie’s dann mit dem Stereo-Ausgang ausschaut.“ Also eine Bastellösung und wieder nichts für die Frau.

Also weiter zum nächsten Anbieter, drei Häuser weiter und ungefähr 20 Minuten später, Zonenstau sei Dank. O2 sollte es diesmal sein. Auch hier die Frage nach einem Gerät mit MP3 UND Kamera. Ein freundliches Lächeln der attraktiven Mitarbeiterin: „Wie wär’s denn mit dem XDA II?“ Na klar, 500 Euro, der Mobilfunk-Redakteur hat’s ja. Sieht man als Journalist neuerdings wie Krösus aus?

Weiter zu O2

„Wie wär’s denn mit dem SonyEricsson T610?“ Sie fragte, er antwortete. Ob das auch MP3s abspielen würde? „Nö, aber dafür kann es...“ Nein, danke. Der Mobilfunk-Redakteur winkte ab. 50 Euro waren dann auch nicht so der rechte Preis im Anbetracht der künftigen Belastungen durch zwei Jahre Vertragslaufzeiten. Da hätte er auch bei Vodafone bleiben können.

Noch günstiger? Klar! Das Nokia 3200...“ Ob man beim Ericsson vielleicht was am Preis machen könnte? „Mit dem günstigsten Vertrag? Bitte haben Sie Verständnis, dass wir dieses Jahr schlechten Umsatz gemacht haben.“ „Danke, ich schau noch mal woanders.“ Sprach’s und verließ den Laden in Richtung Eplus, einige Meter weiter.

Nix MP3 und Kamera

Dieses Stück Fußgängerzone wird bei Stadtkennern auch gerne als die Handy-Meile bezeichnet. Zwischen dem Mobilfunk-Redakteur und dem Eplus-Laden lag noch eine Frittenbude, was weitere 15 Minuten Verzögerung bedeutete, Frau mit Kinderwagen sei dank. Und das ohne dass nur einer der fettigen Kartoffelschnipsel gegessen wurde.

Bezeichnenderweise liegt der Eplus-Shop in einem toten Geschäftsteil des lokalen Juweliers. Goldschmuck mit dicken Klunkern ist leider nicht so angesagt bei den jungen Damen heutzutage, sonst wäre die Geschenk-Problematik mit einem Ring erledigt gewesen. Dazu fehlte dann aber das nötige Kleingeld.

Eplus: Pärchenvertrag? Nein Danke!

Der Eplus-Laden war wider erwarten ziemlich leer. Den ersten Verkäufer geschnappt, Problematik geschildert. Handy mit Kamera und MP3-Player und einem günstigen Vertrag. „Ach, für die Freundin? Haben Sie Interesse am Kombi-Tarif für Pärchen?“ Öhm... eher weniger, der Mobilfunk-Redakteur hatte nicht vor, sich selbst einen Zweitvertrag zuzulegen.

Was hätten Sie denn so da? „Also wenn Sie es günstig wollen, kann ich Ihnen den Privat-Tarif Plus empfehlen...“ Klang gut. Und welches Gerät? Der trotz des verhältnismässig dünn besuchten Ladens sichtlich gestresste Mitarbeiter empfahl das Nokia 6100, dumm nur, dass das weder Kamera noch MP3-Player bietet.

Auch bei Eplus: Fehlanzeige

„Vielleicht das Siemens MC 60? Das hat 'ne Kamera integriert und kostet keinen Cent extra.“ Und der MP3-Player? Er überlegte. Und überlegte. Dann: „Haben Sie mal an das Ericsson T610 gedacht?". Langsam kam es dem Mobilfunk-Redakteur wie eine Verschwörung vor. Und den schlimmsten Gang hatte er noch vor sich, fünfhundert Meter durch die überfüllte Fußgängerzone zu T-Mobile.

So winkte er also ab, 130 Euro sprengten dann doch das knappe Geschenke-Budget, zumal Vodafone und O2 das gleiche Gerät für weitaus weniger angeboten hatten. „Das, was sie suchen, gibt es leider noch nicht, aber im Frühjahr kommt ein Gerät von Samsung raus, das hat beides.“ Gute Idee, so zu Weihnachten. Also ab zu T-Mobile.

Was ist mit T-Mobile?

Nach nur einer Viertelstunde schieben und drücken – diesmal hatte er sich in die richtige Spur eingeordnet – war der Redakteur dann am letzten Punkt seiner Reise angelangt. Der T-Punkt war, wie immer, völlig überfüllt mit Menschen, die irgendwelche Beschwerden vorzubringen hatten. Zwei Schalter offen, dahinter zwei überforderte Mitarbeiter.

In der Schlange zwei Biedermänner, die inzwischen den schlechten Ruf der Telekom mitbekommen hatten und voller Inbrunst in der Schlange randalierten. „Geht das nicht schneller?“ „Boar ey, immer das gleiche hier!“ Dabei schauten Sie den Mobilfunk-Redakteur mit einem Blick an, der sagen wollte: „Ich hab doch recht, Scheißladen hier, ODER?“

Gestresste Kundschaft

Sollen sie doch zu Arcor wechseln, mal sehen, was sie davon haben, dachte sich der Mobilfunk-Redakteur und freute sich über die kostenlose Showeinlage, als einer der beiden Randalierer endlich an die Reihe kam und in bester Blockwart-Manier den Verkäufer zur Sau machte. Als ob der was dafür könnte, dass das Computer-System abgestürzt war.

Endlich an der Reihe dann die Frage: MP3 und Kamera mit einem günstigen Vertrag? Kurzes Überlegen seitens des Verkäufers, dann ein dreistes Grinsen: „Vergessen Sie’s, solche Geräte gibt es nicht!“ Ach? Echt? Offenbar hatte der junge Mann einfach keinen Bock mehr. Inzwischen war es fast 18 Uhr und nach dem Blockwart war er natürlich genervt.

Genervter Verkäufer

Doch hatte er sich mit dem Mobilfunk-Redakteur den Falschen ausgesucht. „Das kann doch nicht sein, soll ein Geschenk für meine Freundin werden, ich hab sonst nichts!“ Entnervt führte er den Redakteur zur Handy-Vitrine. „Sehen Sie? Günstig ist nicht. Das einzige, was wir haben, ist der MDA II, der kann beides.“ Dumm, dass der zu teuer ist und echt nichts für das gebündelte Chaos in der Handtasche einer technologie-feindlichen Frau ist.

„Tja, ansonsten gbt’s noch das Motorola V300, das hat ne Kamera und kann MP3.“ Aber leider nur für Klingeltöne, das bringt in etwa gar nichts. Das sagte der Mobilfunk-Redakteur dann auch zum Telekom-Menschen. Der reagierte professionell: „Vielleicht warten Sie dann einfach noch bis zur CeBIT, da sollen solche Geräte rauskommen.“

Fazit

Auch bei der Telekom ist Zuhören keine besondere Stärke. Was nützt die CeBIT im Frühjahr, wenn das Handy Weihnachten unter dem Baum liegen soll? Enttäuscht und mit Blasen an den Füßen bestieg der Mobilfunk-Redakteur einen Bus, nicht ohne fast eine alte Dame zu verprügeln, die den Buseinstieg mit einem Fahrrad und einer riesigen Einkaufstüte blockierte.

Doch was sagt dieser Test nun aus? Die Mobilfunk-Verkäufer sind offensichtlich einiges gewöhnt und geraten selbst im schlimmsten Weihnachtsstress kaum aus der Fassung. Das ist schön. Weniger schön: Es gibt offenbar keine günstigen Geräte mit MP3-Player und Kamera, jedenfalls werden keine angeboten. Also herrscht bei den Herstellern Nachholbedarf. Wer knipsen kann, will auch Musik hören.

Was schenkt der Redakteur?

Die Angebote im Überblick
Anbieter Empfohlener Tarif (Preis) Empfohlenes Handy (Preis mit Vertrag)
Vodafone Vodafone-Sun
(4,95 Euro Grundgebühr,
5 Euro Mindestumsatz)
SonyEricsson T610
(29,05 Euro)
O2 O2-Starter
(4,95 Euro Grundgebühr,
5 Euro Mindesumsatz)

SonyEricsson T610
(49,95 Euro)

Eplus Eplus Privat-Tarif Plus
(9,95 Euro Grundgebühr,
Mindestumsatz inklusive)

Siemens MC 60
(0,00 Euro)

T-Mobile T-Mobile Telly Smile
(4,95 Euro Grundgebühr,
5 Euro Mindestumsatz
Motorola V300
(29,95 Euro)


Der enttäuschte Mobilfunk-Redakteur seinerseits schenkt seiner Freundin jetzt was selbst Gebasteltes mit einer Überraschung drin. Das ist nicht nur romantisch, sondern auch günstig. Und Frauen freuen sich einen Wolf, wenn ihr tumber Neandertaler von Freund sich mal ins Reich der Kunst begibt, statt wie üblich seiner Beschäftigung als Biervernichter nachzugehen.

(Christian Rentrop)

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