Testbericht

Das bessere iPhone? - Palm Pre im Test

Endlich ist es in Deutschland angekommen - das Palm Pre. Von der Medienwelt jubelnd empfangen, stellt sich die Frage wie sich das Smartphone wirklich im Alltag schlägt. Wir haben den Neuanfang von Palm auf Herz und Nieren getestet.

Palm Pre

Nach dem iPhone ist das Palm Pre das zweite Smartphone, das von der Fachwelt regelrecht mit Lobeshymnen überschüttet wurde. Palm, das kränkelnde PDA-Urgestein, soll damit aus der Krise gehievt und mit altem Glanz versehen werden. Ob das Pre ausreichend Potential zum besseren iPhone hat und ob es zu Recht als Palm-Retter gepriesen wird, haben wir ausführlich getestet.

Erstes Kennenlernen

Da liegt es nun. Das kleine Schwarze. Es dominiert Hartplastik, Metallbauteile wie beim iPhone sucht man vergebens. Die Knöpfe an der Außenseite aus schnödem matten Plastik, die Rückseite schon nach kürzester Zeit mit Fingerabdrücken gespickt. Kurz gesagt: die Kennenlernphase mit dem als iPhone-Killer gehandelten Palm fällt ernüchternd aus. Da kann auch die stilvolle Verpackung nicht drüber hinwegtäuschen. Immerhin: das Ladegerät gefällt durch Form sowie hochwertige Verarbeitung und erhebt ebenso wie das weiße Gegenstück von Apple den Anspruch, neue Maßstäbe beim mitgelieferten Zubehör zu setzen.

Doch ist es das Handy, das man fast immer bei sich trägt und etliche Male am Tag in die Hand nimmt. Eher selten, dass man sich an der Haptik des Ladegeräts erfreut. Selten? Bei Smartphones immerhin öfter, als bei üblichen Handys. So kommt auch der Pre-Nutzer keineswegs selten mit dem Lader in Berührung. Doch dazu später mehr.

Nachdem das erste Aufeinandertreffen keine Begeisterungsstürme auslöst, wird der Schiebemechanismus des Hightech-Gerätes ausprobiert. Zugegeben, das Ausfahren funktioniert recht gut und das Scharnier macht einen soliden Eindruck. Mit der Zeit fällt aber auf, dass die glatte Klavierlack-Oberfläche des Pre der Griffigkeit keinesfalls zuspielt - so kommt es immer wieder vor, dass der Daumen abrutscht oder äußerst viel Druck nötig ist, um die nötige Kraft aufzubringen, den Slider auszufahren.

Die vollwertige QWERTZ-Tastatur, die zum Vorschein kommt, fühlt sich gut an. Die Knöpfe sind gummiert und bieten einen ordentlichen Druckpunkt. Es dauert zwar eine Weile, bis man sich an das sehr eng aneinander liegende Format gewöhnt hat, doch geht das Tippen nach ausgiebiger Übungszeit leicht von der Hand. Lediglich beim Tippen von SMS passiert es immer wieder, dass aus Versehen die Enter-Taste ein voreiliges Absenden der Nachricht herbeiführt.

Schiebemechanismus durchwachsen, Hartschale Flop, Tastatur top - so fällt das Fazit des ersten Aufeinandertreffens aus. Bevor wir tiefer in das Gerät vordringen und die Software unter die Lupe nehmen, wollen wir uns ansehen, was unter der Haube des Pre seinen Dienst tut.

Zeitgemäße Hardware

Im Herzen des Palm Pre steckt ein ARM Cortex-A8-Prozessor aus dem Hause Texas Instruments (OMAP3430), der mit 600 Megahertz getaktet ist. Diesem stehen 256 Megabyte Speicher zur Seite. Der interne Speicher des Pre ist acht Gigabyte groß, wovon 7,1 Gigabyte zur freien Verfügung stehen. Leider lässt sich die Kapazität nicht durch eine Speicherkarte ausbauen. Der Touchscreen des Smartphones fällt mit 3,1 Zoll eher klein aus. Er stellt 320 mal 480 Pixel dar und ist Multitouch-fähig.

Auf der Rückseite des Gerätes ist eine 3-Megapixel-Kamera verbaut, die sogar über einen LED-Blitz verfügt. An der Oberseite findet sich ein Klinkenstecker, an dem handelsübliche Ohrhörer angeschlossen werden können. An der Seite ist eine Micro-USB-Buchse zum Anschluss an den PC versteckt. Das Pre funkt in 3G-Netzen, unterstützt HSDPA ebenso wie den GSM-Beschleuniger EDGE. Außerdem beherrscht das Gerät Bluetooth 2.1, AGPS sowie WLAN nach 802.11 b/g-Standard. Der Akku ist 1150 mAh stark.

Zusätzlich hat Palm zahlreiche Sensoren verbaut. Neben einem Beschleunigungs- und Annäherungssensor, wurde auch ein Lichtsensor integriert. Die Sensoren-Vielfalt ermöglicht es dem Gerät, das Display während Telefonaten automatisch auszuschalten oder die Helligkeit den Lichtverhältnissen anzupassen.

Zweites Kennenlernen: Die Software

Weiter geht's im Programm. Jetzt gilt es, die Software auf Herz und Nieren zu testen. Nach dem Anschalten zeigt sich uns aber erst einmal das Bild eines Akkus, das darauf hindeutet, dass das Pre an Strommangel leidet. Aus diesem Grund fährt das System nicht hoch, die Ladeanzeige bleibt. Erst nach Minuten findet sich die Ladebuchse an der Außenseite, versteckt hinter einer äußerst schwer zu entfernenden und absolut unzeitgemäßen Gummi-Abdeckung. Möglicherweise möchten die Ingenieure von Palm den Nutzer dadurch dazu animieren, den Touchstone - eine rund 50 Euro teure, kabellose Induktion-Ladevorrichtung - plus dann nötigen Nachrüst-Rückdeckel nachzukaufen. Auf Dauer dürfte der nervtötende Plastikstöpsel nämlich so ziemlich jeden in den Wahnsinn treiben.

Doch dann endlich, das Pre startet webOS, das neue eigenentwickelte Touch-Betriebssystem von Palm. Wie schon in unserem ersten Quick-Check dauert es recht lange, bis die Software hochgefahren ist. Nach Eingabe des PIN-Codes zeigt sich webOS mit seinem aufgeräumten Startbildschirm. Anders als bei Android oder iPhone OS finden sich keine direkten Verknüpfungen zu Programmen auf dem Bildschirm. Diese befinden sich auf einem Untermenü, das man erst manuell ausfahren muss.

Lesen bildet

Die Navigation ist zunächst gewöhnungsbedürftig und wenig intuitiv. Ein intuitives Zurechtfinden scheitert, ein Blick in die Bedienungsanleitung ist hilfreich. Anders als bei der Konkurrenz werden Programme nämlich nicht über einen Knopf oder ein von Windows bekanntes X geschlossen, hierfür ist die Ausführung von Gesten in einem dafür eigens eingerichteten Bereich unterhalb des Displays nötig. Die Gesten sind einfach und logisch, in kürzester Zeit hat man sie verinnerlicht und kann webOS erkunden.

Leider zeigt sich sofort eine Schwäche. Das Scrollen durch die Menüs ist nicht im Ansatz so weich wie beim iPhone. Sogar Android hat hier mittlerweile große Fortschritte gemacht. Beim Pre hakt es ein wenig. Bleibt zu hoffen, dass dies in späteren Software-Versionen besser klappt - schließlich steckt webOS noch in den Kinderschuhen.

Schön ist die Möglichkeit, mehrere Programme geöffnet zu lassen. Im Gegensatz zum iPhone können somit der Kalender in einem Tab, sowie SMS und E-Mail in jeweils einem eigenen Tab geöffnet bleiben. Ganz ähnlich, wie bei aktuellen Browsern. So kann der Nutzer leicht zwischen den einzelnen Applikationen hin und her springen oder Messenger dauerhaft offen lassen. Mit der Zeit macht die Gestensteuerung richtig Freude, ebenso die Möglichkeit des Multitaskings.

Hingegen nervt es, dass bei jeder Texteingabe - auch im wirklich überzeugenden webOS-Browser - die Tastatur ausgefahren werden muss. Es existiert nicht einmal die Option, für kleinere Eingaben eine Software-Tastatur einzublenden. Dieses Manko hatte Android in den ersten Versionen mit dem G1 auch, besserte jedoch nach. Wer weiß, ob Palm ähnlich schnell reagiert.

Ein weiterer Bug zeigt sich im "App Catalog", über den Zusatzsoftware geladen werden kann. Vom Aussehen her ähnelt die Oberfläche sehr der des "Android Market". In der Anwendung unterscheiden sich die App-Märkte aber. Wählt der Pre-Nutzer ein Programm aus, klickt auf "Herunterladen", beginnt der Download. Wird jetzt allerdings nicht auf dem Auswahlbildschirm verharrt, beispielsweise um nach weiteren interessanten Programmen zu sehen, brechen Download und Installation ab. Ein Glück, dass der "App Catalog" noch Betastatus besitzt.

Bestücken mit Tücken

Wer das Pre mit Dateien, beispielsweise Musik, bestücken will, kann dies über das mitgelieferte USB-Datenkabel tun. Der PC erkennt das Smartphone beim Verbinden als Massenspeicher - auf dem Display des Pre hat der Nutzer dann die Auswahl, ob das Gerät nur geladen oder als Massenspeicher ausgegeben werden soll. Auch kann der Benutzer die Mediensynchronisation starten. Großes Manko: webOS und damit Telefonie, SMS, Apps und Co. sind im Datenträgermodus nicht nutzbar. Während die MP3-Dateien also auf den Speicher kopiert werden, ist das Pre quasi tot. Das können alle anderen Smartphones, ob Windows Phone oder iPhone sehr viel besser.

Wo wir gerade bei "phone" sind. Die Telefoniefunktion des Pre ist als eigenständige Applikation in webOS integriert und muss geschlossen werden, wie alle anderen Programme auch. Der Gesprächspartner wird sehr schnell angewählt. Leider klingen besonders weibliche Gesprächspartner immer wieder blechern, so als sei der Lautsprecher am Ohr überfordert.

Ähnlich durchwachsen zeigt sich der Akku. Maximal fünf Stunden Dauergespräch erlaubt dieser nach Angaben von Palm - kein sonderlich herausragender Wert. Und das, obwohl der Näherungssensor des Pre das Display bei Telefonaten automatisch ausschaltet. In unserem Test ging der Akku besonders bei der Nutzung des vorinstallierten YouTube-Clients in die Knie. Hier sank der prozentual angegebene Ladezustandswert jeweils um etwas über ein Prozent pro Minute Videogenuss. Bei Normalnutzung verlangt das Pre denn auch täglich neuen Strom.

Zum Schluss noch all jene Punkte, die uns am Pre und am neuen webOS wirklich außerordentlich gut gefallen haben. Zunächst sticht das sehr scharfe, farbenfrohe und perfekt ausgeleuchtete Display ins Auge. Dann wäre da das E-Mail-Programm, das wirklich leichter nicht einzurichten wäre - Adresse und Passwort eingeben, kurz warten, fertig. Schon ist das Pre bereit für digitalen Postverkehr. Ähnlich eingängig zeigt sich der Browser. Websites sind nach kurzer Wartezeit schnell geladen und werden korrekt angezeigt - dank Multitouch ist das Zoomen kinderleicht. Nur Flash unterstützt der webOS-Browser nicht, doch das ist noch lange kein Standard bei Smartphones.

Kabellos synchronisieren

Auch der Kalender hinterlässt einen guten Eindruck, erinnert den Nutzer optional durch eine Info am unteren Bildschirmrand an bevorstehende Termine und synchronisiert sich auf Wunsch vollautomatisch, beispielsweise mit Google. So klappte auch der Abgleich der Kontakte über eine Google-Mailadresse problemlos, ohne Murren und vor allem ohne Kabel.

Fazit: Viel Licht, viel Schatten

Das Palm Pre ist ein wirklich gutes Smartphone, so viel ist sicher. Das neue Betriebssystem webOS spielt konzeptionell in einer Liga mit iPhone OS, Google Android und Windows Mobile - für eine komplette Neuentwicklung eine beachtliche Leistung. Leider enttäuscht Palm bei der Verarbeitung des Gerätes. Das Pre ist ein Stück Plastik, das keine Emotionen weckt. Da kann die vollwertige Tastatur auch noch so gut sein.

Zum Vergleich: Apple verbaut beim iPhone echtes Mineralglas, ebenso Metall an Außengehäuse und Knöpfen. Beim Berühren wird dadurch eine außergewöhnlich hohe Wertigkeit vermittelt. Palm hingegen setzt voll auf Plastik. Entsprechend knarzt und knackt es, sobald man Druck auf die Außenschale ausübt.

Doch all den Negativpunkten zum Trotz: Palm hat gute Arbeit geleistet und liefert ein neuartiges Softwarekonzept, das im Alltag überzeugen kann. Dadurch wird das Pre mit Sicherheit seine Fans finden, wenngleich aber (leider) nicht in einer Liga mit dem iPhone spielen. Medienhype hin oder her.

(Michael Müller)

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