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Nokia Lumia 900 im Test - Finnische Wuchtbrumme

Mit dem Lumia 900 hat Nokia ein Smartphone auf Basis von Windows Phone im Angebot, das mit einem 4,3 Zoll großen Display ausgestattet ist. Wir haben es auf die Probe gestellt.

Nokia Lumia 900© Nokia

Auch wenn Nokia in den zurückliegenden Wochen nicht viel zu lachen hatte, schreitet der einstige Marktführer unter den Handyherstellern munter weiter auf der eingeschlagenen Windows-Route. Ob sich diese Strategie am Ende auszahlen wird, ist aktuell schwer abzuschätzen. Denn kein anderes Betriebssystem polarisiert so stark wie die von Nokia für neue Smartphones favorisierte mobile Windows-Version. Die einen lieben die Live-Kacheln und loben das übersichtliche Design. Die anderen lassen keine Möglichkeit aus, über Windows Phone zu lästern. Teilweise so heftig, dass an einer sachlichen Grundlage gezweifelt werden kann. Fakt ist: Nokia baut auch heute noch hochwertige Smartphones und stellt das beim Lumia 900 ein weiteres Mal unter Beweis.

Recht wuchtiges Smartphone

Schon mit dem Lumia 800 zogen die Finnen ein Endgerät aus dem Köcher, das mit Abstrichen überzeugen konnte. Das Lumia 900 ist die konsequente Weiterentwicklung mit gleich schnellem Prozessor aber einem größeren Display. Und um es an dieser Stelle einfach mal vorweg zu nehmen: es ist ein Smartphone, das einfach Spaß macht - trotz einiger Mängel. Wer bereit ist, sich auf Windows Phone einzulassen, findet mit dem Lumia 900 ein Mobiltelefon, das nur wenige Wünsche offen lässt.

Die Einrichtung des Telefons geht in einer Handvoll Schritten über einen Assistenten leicht vonstatten. Wie bei allen Windows-Phone-Smartphones ist es Voraussetzung, bei Microsoft eine so genannte Live ID neu einzurichten oder eine bereits vorhandene zu nutzen. Ohne Live ID ist es nicht möglich, Apps aus dem Marketplace auf dem Telefon zu installieren.

Dynamik mit Live-Kacheln

Sind alle notwendigen Einstellungen abgeschlossen, kommt der übersichtliche Startbildschirm zum Vorschein. Anders als bei Android und iOS besteht der aus nur einer Seite mit zwei Spalten. Die eingangs erwähnten Live-Kacheln sind untereinander angeordnet und zeigen zum Teil dynamische Inhalte an. Zum Beispiel die Anzahl der verpassten Anrufe oder der eingegangenen SMS bzw. E-Mails. In der "Kontakte"-Kachel rotieren sogar diverse Fotos, sofern diese im Adressbuch hinterlegt oder die Kontakte mit Facebook synchronisiert wurden.

Ebenso übersichtlich ist das eigentliche Hauptmenü von Windows Phone angeordnet. Es ist vom Startbildschirm mit nur einem Wischer vom rechten Bildschirmrand nach links aufrufbar und listet alle Menüpunkte und installierte Apps in nur einer Spalte untereinander auf. Einfacher kann man ein Smartphone-Menü im Grunde nicht gestalten.

Apps haben oft einen ganz eigenen Charakter

Anders als bei der Konkurrenz präsentieren sich auch viele Apps. Auf Basis von Windows Phone machen die kleinen Applikationen in vielen Fällen einen frischeren, moderneren Eindruck - zum Beispiel bei der Nutzung von Facebook oder Foursquare. Ob das in allen Fällen auch mit einer übersichtlicheren Bedienung einher geht, muss jeder selbst entscheiden. Größtes Manko: die meisten Apps sind inzwischen zwar auch auf Basis von Windows Phone verfügbar, es gibt aber noch immer viele Anwendungen, die nur für Android-Smartphones bzw. das iPhone verfügbar sind. Das trübt den generell positiven Gesamteindruck.

Äußerlich macht das Lumia 900 mit seinen nur leicht abgerundeten Kanten einen recht wuchtigen Eindruck. Mit Abmessungen von 128 Millimetern Länge, 68 Millimetern Breite und 12 Millimetern Höhe präsentiert sich das Telefon nicht gerade als zierliches Objekt und auch das Gewicht von 160 Gramm unterstreicht die markanten Züge.

Der eigentliche Körper des Telefons wurde in einem Stück aus Polycarbonat gefertigt. Soll heißen: viele Öffnungen gibt es nicht. Der Akku wurde fest in das Smartphone integriert, die Möglichkeit eine MicroSD-Karte zu integrieren gibt es nicht und das Einlegen der SIM-Karte ist nur mit Hilfe des beiliegenden Pins oder einer Büroklammer möglich. Physische Tasten finden sich nur an der rechten Seite: eine Lautstärke-Wippe, eine Taste zum Ein- und Ausschalten sowie eine separate Kamerataste. Kopfhörereingang und USB-Anschluss wurden auf der Kopfseite in das Gehäuse integriert, Lautsprecher am unteren Ende.

Display ragt leicht aus Gehäuse heraus

Bis hier darf die Verarbeitung als rundum stimmig bezeichnet werden. Verwunderlich ist, dass das 4,3 Zoll große Display leicht aus dem Gehäuse herausragt. Das ist nicht weiter störend, aber es sieht zumindest ein bisschen so aus, als sei der Bildschirm mit kratzfestem Gorilla Glas nur aufgeklebt. Dafür gibt es Abzüge in der B-Note.

Rundum überzeugen kann das AMOLED-Display hingegen bei seinen technischen Spezifikationen. Starke Kontraste, satte Farben, schnelle Reaktionsfähigkeit und ein integrierter Helligkeitssensor - das macht Laune. Lediglich die Auflösung von 800 x 480 Pixeln ist für heutige Verhältnisse als eher durchschnittlich zu bezeichnen.

Kamera kann viel - bei viel Licht

Licht und Schatten liefert auch die integrierte Kamera. Sie ist mit einer Linse von Carl Zeiss ausgestattet und nimmt bei guten Lichtverhältnissen am Tag richtig gute Bilder auf - wenn auch zum Teil etwas (zu) dunkel. Wenig überzeugend sind hingegen Fotos, die zum Beispiel auf Partys bei weniger optimal ausgeleuchteten Räumen geschossen werden. Auch, weil das Kameralicht häufig zu schwach ist. Dafür arbeitet der Autofokus sehr zuverlässig und schärft Aufnahmen geradezu optimal. Videos können in HD-Qualität - allerdings nur mit 720p - aufgenommen werden.

Eine kleine Erwähnung ist auch die auf Hochglanz polierte Edelstahl-Leiste auf der Smartphone-Rückseite wert, in die neben der Kameralinse ein Nokia-Logo eingraviert wurde. Sie sieht zweifelsfrei richtig edel aus, zerkratzt aber leider extrem schnell. Das Lumia 900 mit einer Schutztasche auszustatten macht daher durchaus Sinn.

Herzstück des neuen Nokia-Flaggschiffs ist ein Qualcomm-Prozessor, der mit einer Taktrate von 1,4 Gigahertz arbeitet. In Zeiten von Dual- und Quad-Core-Smartphones klingt das nach nicht sonderlich viel, reicht aber mehr als aus. Während unseres Tests konnten wir praktisch keine Ruckler beim mobilen Gaming feststellen und auch das Laden von Apps und Internetseiten funktionierte flott. Dazu tragen auch 512 Megabyte Arbeitsspeicher bei.

Internet-Downloads mit bis zu 42 Mbit

Die in das Gehäuse integrierte Antenne funkt nicht nur in GSM-Netzen, sondern auch überall dort, wo UMTS verfügbar ist. LTE wird hingegen nicht unterstützt - obwohl das Lumia 900 als LTE-Version in den USA verkauft wird. Mobile Internetdownloads sind entsprechend mit bis zu 42 Megabit pro Sekunde möglich, sofern das genutzte Mobilfunknetz entsprechend ausgebaut wurde. Alternativ kann auf eine WLAN-Schnittstelle zurückgegriffen werden. Auf Wunsch kann das Telefon zu einem WLAN-Hotspot umfunktioniert werden, um fünf weiteren WLAN-fähigen Endgeräten Zugang zum Internet zu gestatten.

An weiteren Extras hat Nokia dem Lumia zum Beispiel eine zweite Kamera auf der Vorderseite für Videotelefonate oder Selbstportraits mit einer Auflösung von 1 Megapixel spendiert. Darüber hinaus steht eine Bluetooth-Schnittstelle zur Verfügung (Version 2.1), ein A-GPS-Empfänger gestattet die Nutzung von Ortungsdiensten und mobiler Navigation.

Zugriff auf umfangreiche Song-Datenbank

Musikalische Unterhaltung ist über einen MP3-Player und ein UKW-Radio garantiert. Einzelne Songs können aus dem Nokia Music-Store direkt auf das Handy geladen und im 16 Gigabyte großen Flash-Speicher abgelegt werden. Kostenpunkt: knapp 1 Euro für Einzelsongs, knapp 10 Euro für ganze Alben. NFC wird nicht unterstützt und auch auf eine Status-LED, die über verpasste Anrufe und / oder Nachrichten informiert, müssen Nutzer leider verzichten.

Dass Nokia seinem Highend-Telefon einen Akku mit einer Kapazität von 1.830 mAh spendiert hat, kann man wohlwollend zur Kenntnis nehmen. Allerdings wird im Alltag bei intensiver Nutzung schon nach 12 bis 16 Stunden eine neue Ladung Energie notwendig. Insbesondere GPS-Dienste saugen den Akku des Telefons schnell leer. Merkwürdig verhält sich das Telefon, wenn es komplett entladen wurde. Wir hatten die Möglichkeit, zwei Geräte auf die Probe zu stellen und beide versuchten nach Anschluss an die Steckdose automatisch zu booten, um sich im nächsten Moment wieder auszuschalten - immer und immer wieder. Eines der Testgeräte konnten wir schließlich gar nicht mehr einschalten.

Fazit - Power-Smartphone mit Schwächen

Das Lumia 900 ist ein Smartphone für all diejenigen, die gerne mit Windows Phone 7.5 arbeiten und auf die Vorzüge eines vergleichsweise großen Displays nicht verzichten möchten. Multimedia-Inhalte auf dem 4,3 Zoll großen Bildschirm zu nutzen macht trotz einer eher mäßigen Auflösung sehr viel Spaß, die eher schwache Ausdauer, die nicht rundum überzeugende Kamera und das noch immer etwas eingeschränkte Angebot an Apps trüben das ansonsten gute Gesamtergebnis.

Hübsch ist, dass die Menü-Farbe mit weißem oder schwarzen Hintergrund genutzt werden kann und die Farbe der Live-Kacheln individuell einstellbar ist. Auch das kostenlos zur Verfügung gestellte Kartenmaterial ist eine echte Bereicherung, weil es sogar als Offline-Navigationssoftware nutzbar ist. In ausgewählten Regionen steht darüber hinaus über "Nokia Bus & Bahn" eine Fahrplanauskunft für den öffentlichen Nahverkehr zur Verfügung. Ohne Patzer meistert Nokia auch das häufig so heikle Thema Akustik, denn in Sachen Sprachqualität kann man dem Telefon gar nichts vorwerfen.

Gefahr droht für das aktuelle Flaggschiff derweil von anderer Seite. So steht bereits fest, dass das Lumia 900 nicht auf das jüngst vorgestellte Windows Phone 8 aktualisiert werden kann. Zwar will Nokia ein umfangreiches Update auf Version 7.8 nachschieben, es bleibt aber abzuwarten, ob das ausreicht, damit das Gerät nicht zu einem Ladenhüter verkommt. Preislich ist das Nokia Lumia 900 im Fachhandel ab 485 Euro ohne Vertrag zu haben. Amazon bietet es ohne Versandkosten zu einem Preis von 495 Euro an. Wahlweise steht es in Schwarz, Weiß oder Türkis zur Verfügung.

Name: Lumia 900
Hersteller: Nokia
Internet: www.nokia.de
Preis: ab ca. 485 Euro
Technische Daten:
Betriebssystem: Windows Phone (Version 7.5 Mango)
Prozessor: 1,4 Ghz. Qualcomm APQ8055
Arbeitsspeicher: 512 Megabyte
SIM: MicroSIM
Antenne: GSM Quadband, UMTS, HSDPA
Abmessungen: 128 x 68 x 12 Millimeter
Gewicht: 160 Gramm
Display: 4,3 Zoll, 800x480 Pixel, 16,8 Mio. Farben
Speicher: 16 GB intern (nicht erweiterbar)
Schnittstellen: Bluetooth, WLAN
Digitalkamera: 8 Megapixel Kamera, Digitalzoom, Autofokus, HD-Videofunktion (720p)
Lieferumfang: Akku, Ladegerät, Stereo-Headset, USB-Kabel, PIN zum öffnen des SIM-Fachs
SAR-Wert: 1,49 W/kg (hoch)
Extras: MP3- und Videoplayer, Bluetooth, Radio, GPS, WLAN, HD-Unterstützung
Akkulaufzeit im Test: 5-6 Stunden Sprechzeit
12-16 Stunden Bereitschaftszeit (bei normaler Smartphone-Nutzung)
Pro & Contra:
übersichtliches, modernes Menü
insgesamt sehr gute Verarbeitung
kontraststarkes AMOLED-Display
schnelles Internetsurfen möglich
kostenlos nutzbares Kartenmaterial
Akku mit geringer Ausdauer
Gerät wird nicht als Wechseldatenträger erkannt
Speicher nicht erweiterbar
kein NFC
keine HDMI-Schnittstelle

Bewertung:
Bedienung (30%): sehr gut
Ausstattung (20%): gut
Verarbeitung (20%): gut
Akkulaufzeit (20%): mangelhaft
Telefonfunktion (10%): sehr gut
Gesamtnote gut (2,2)
Preis-Leistung: gut

(Hayo Lücke)

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