Testbericht

Nokia Lumia 800 im Test - Gelungenes Comeback

Das erste Windows-Handy aus dem Hause Nokia kann rundum überzeugen. Saubere Verarbeitung, starkes Display, gute Kamera. Wir haben das Lumia 800 auf die Probe gestellt.

Nokia Lumia 800© Nokia

Es wurde sehnsüchtig erwartet, vielerorts sogar herbeigesehnt, jetzt ist es da: das Nokia Lumia 800. Es ist das erste Smartphone des finnischen Handyherstellers, das auf dem neuen Betriebssystem Windows Phone von Microsoft aufsetzt und soll so etwas wie der Heilsbringer für den immer wieder heftig gescholtenen Nokia-Konzern sein. Was mit Symbian nie so wirklich gelingen wollte, soll mit Windows Phone nun endlich möglich werden: echte Kassenschlager am Smartphone-Markt platzieren. Und so viel sei an dieser Stelle schon einmal verraten: mit dem Lumia 800 kann Nokia ein eindrucksvolles Comeback feiern; wenn auch mit Abstrichen.

Windows Phone ist nicht Windows Mobile

Die vielleicht wichtigste Neuigkeit vorab: die Oberfläche des installierten Windows Phone 7.5 Mango hat nichts mehr mit jenem Windows Mobile zu tun, das einst auf Smartphones installiert wurde. Windows Phone gleicht nicht mehr dem klassischen Bildschirmmuster von Windows XP, sondern setzt auf eine einfache, klare Menüstruktur. Im Hauptmenü stehen alle installierten Apps und Menüpunkte in einer Spalte untereinander, auf der Startseite informieren so genannte Live-Kacheln in zwei Spalten über alles, was in sozialen Netzwerken passiert und sobald E-Mails, SMS und verpasste Anrufe auf dem Telefon eingegangen ist. Allerdings: eine Status-LED, die auch im Stand-by-Betrieb per Lichtsignal einen optischen Hinweis gibt, fehlt.

Das Besondere am neuen Betriebssystem von Microsoft: Windows Phone setzt nicht auf starre Icons, sondern auf viel Dynamik auf dem Handydisplay. In der "Kontakte"-Kachel rotieren zum Beispiel Fotos von Freunden, die zuvor von Facebook auf das Telefon geladen wurden. In der "Bilder"-Kachel werden Ausschnitte von Fotos sichtbar, die mit der integrierten Kamera aufgenommen wurden. Und auch in einzelnen App-Kacheln ändert sich der dargestellte Inhalt regelmäßig. So wird zum Beispiel bei Foursquare ein Zwischenstand der gesammelten Punkte angezeigt. Wie bei iOS und Android sind Startbildschirm und Hauptmenü nur im Hochformat zu betrachten, in vielen anderen Situationen lässt sich das Handy aber auch im Querformat nutzen - zum Beispiel beim SMS- oder E-Mail-Schreiben.

Was wird geliefert?

Erhältlich ist das Lumia 800 in drei Farben: in Himmelblau, Lila oder komplett in Schwarz. Beim Design hat sich Nokia in verschiedenen Punkten stark am iPhone von Apple orientiert. So wurde der Akku fest in das Gerät integriert und kann entsprechend nicht gewechselt werden. Ferner muss über einen kleinen Schiebeadapter eine Micro-SIM (!) in das Telefon eingelegt werden. Anders als beim iPhone wird dem Windows-Handy neue Energie per MicroUSB-Anschluss zugeführt. Dafür kann das beiliegende Datenkabel genutzt werden. Außerdem im Lieferumfang inklusive: ein kabelgebundenes Stereo-Headset und - außergewöhnlich - eine Handyschutztasche (Bumper) aus Gummi. Mit ihm ist das Telefon zwar besser gegen Stürze auf den Boden geschützt, liegt aber nicht mehr so schön geschmeidig in der Hand.

Ohne Bumper überzeugt das Lumia 800 durch eine sehr saubere Verarbeitung: das gesamte Handygehäuse wurde aus einem Block gefertigt. Durch die nicht abgerundeten Kanten macht es zwar einen etwas markanteren Gesamteindruck, dafür muss man sich als Nutzer kaum Gedanken darüber machen, dass sich Schmutz und Staubpartikel an irgendeiner Stelle absetzen könnten. Als Einfallstor dient eigentlich nur der Audio-Eingang (3,5 Millimeter) auf der Kopfseite, alle anderen Anschlüsse wurden mit Schutzkappen versehen. Nachteil: insgesamt hat das Telefon eine sehr glatte Oberfläche und es besteht dadurch schnell die Gefahr, dass es aus der Hand gleitet. Trotzdem überzeugt das Telefon mit einer tollen Haptik.

Die Bedienung erfolgt fast ausnahmslos über den leicht gewölbten Touchscreen, der mit einer diagonalen Abmessung von 3,7 Zoll zwar nicht sehr groß, aber immerhin größer als beim iPhone 4 S (3,5 Zoll) daherkommt. Schade ist, dass die Auflösung nur bei 800x480 Pixeln liegt. Auch hier ein Vergleich zum iPhone: Apples Multimedia-Handy kann bei einem kleineren Display satte 960x640 Pixel liefern. Der darstellbare Kontrast und die Farbsättigung des AMOLED-Displays sind dafür umso beeindruckender und machen einfach Spaß.

Auch physische Tasten

Für die Navigation durch das Windows-Menü sind direkt unter dem Display drei beleuchtete Sensortasten zu finden: eine Zurück-Taste, eine Home-Taste zum Aufrufen des Startscreens sowie eine Suche-Taste zur Aktivierung von Microsofts Suchmaschine Bing. Komplett auf den Einsatz physischer Tasten hat Nokia aber nicht verzichtet. An der rechten Seite kann das Telefon nicht nur ein- und ausgeschaltet sowie in den Standby-Betrieb geschaltet werden, sondern es wird auch die Klingelton-Lautstärke über eine kleine Wippe reguliert. Außerdem steht eine separate Kamerataste zur Verfügung, die nicht nur den Kameramodus aktiviert, sondern auch als Auslöser dient. Und der Lautsprecher? Der wurde von den Nokia-Technikern an der Fußseite implementiert - genau dort also, wo man bei Nokia-Handys früher die Ladebuchse fand.

Mit Abmessungen von 116 Millimetern in der Länge, 61 Millimetern in der Breite und 12 Millimetern in der Tiefe findet das Telefon ohne Probleme in Hemd- und Hosentaschen Platz. Ein Federgewicht ist es mit 142 Gramm allerdings nicht. Einsetzbar ist das Lumia 800 in GSM- und UMTS-Netzen wobei mobile Internet-Verbindungen auf Basis von HSDPA mit maximal 14,4 Megabit pro Sekunde (Mbit/s) im Down- und auf Basis von HSUPA mit bis zu 5,8 Mbit/s im Upstream erfolgen können - vorausgesetzt, das genutzte Mobilfunknetz wurde entsprechend ausgebaut. Ergänzend dazu steht eine WLAN-Schnittstelle bereit, die auch den schnellen N-Standard unterstützt.

Google-Konto auf dem Lumia 800 nutzbar

Ferner hat Nokia seinem neuen Windows-Flaggschiff eine Stereo-Bluetooth-Schnittstelle und einen GPS-Empfänger spendiert. NFC fehlt allerdings. Dafür wurde softwareseitig nicht nur ein mobiles Office-Paket vorinstalliert, sondern auch umfangreiches und vor allem kostenloses Kartenmaterial von Nokia für die mobile Navigation zu Fuß und im Auto. Über die Live-Kachel "Musik + Videos" lässt sich zudem ein Radio einschalten. Praktisch: wer ein Google-Konto nutzt, kann gespeicherte Kontakte und Kalendereinträge auch mit dem Lumia 800 synchronisieren.

Wie bei vielen anderen Smartphones wieder einmal eine echte Schwachstelle ist der integrierte Akku mit einer Kapazität von 1.450 mAh. Insbesondere dann, wenn regelmäßig E-Mails, Twitter-Accounts oder Facebook-Inhalte synchronisiert werden, verliert der Akku enorm schnell Energie. Wenn dann auch noch WLAN-Schnittstelle und / oder GPS-Empfänger eingeschaltet sind, ist schon nach 12 bis 16 Stunden Feierabend und das Telefon muss wieder an eine Steckdose angeschlossen werden. Das Ladekabel sollte also auf Reisen stets als Begleiter dabei sein.

Herzstück des Telefons ist ein Single Core Prozessor von Qualcomm (MSM8255) mit einer Taktrate von 1.4 Gigahertz. Er sorgt für eine weitestgehend flüssige Navigation durch das Menü. Nur wenn die Zurück-Taste bedient wird, kann es an der ein oder anderen Stelle schon einmal haken. Außerdem an Bord: 512 Megabyte Arbeitsspeicher und 16 Gigabyte Speicherplatz, der allerdings nicht per microSD-Karte erweiterbar ist.

Ordentliche Kamera mit Autofokus

Ein kleines Highlight ist die integrierte Kamera mit 8 Megapixeln Auflösung. Musste man sich bei vielen Symbian-Smartphones der neuesten Generation über fehlenden Autofokus ärgern, hat Nokia beim Lumia 800 dazugelernt. Wird die Auslösertaste nur ein kleines Stück nach unten gedrückt, fokussiert die integrierte Kameralinse von Carl Zeiss auch Dinge aus nächster Nähe sehr ordentlich. Allerdings: bei weniger guten Lichtverhältnissen ist ein Grundrauschen in den Aufnahmen nicht zu übersehen. Nicht gespart wurde an einem LED-Kameralicht und der Möglichkeit, Videos auch in HD-Qualität aufnehmen zu können - wenn auch nur mit 720p und somit nicht im Full HD-Modus. Ärgerlich: wie alle Windows Phone-Handys wird das Gerät nicht als Wechseldatenträger erkannt. Dadurch ist es für Laien sehr schwierig, geschossene Fotos auf den eigenen Rechner zu laden. Dafür ist die Installation der so genannten Zune-Software notwendig. Eine Frontkamera für Videotelefonate fehlt.

Fazit: Comeback ist gelungen - mit Abstrichen

Nokia hat viel versprochen und auch viel gehalten: das Lumia 800 kann in vielen Punkten überzeugen und durchaus zu einem Erfolg werden. Dafür muss es allerdings gelingen, der potenziellen Kundschaft zu vermitteln, dass Windows Phone nichts mehr mit dem altbackenen Windows Mobile zu tun hat. Eine entsprechende Werbekampagne hat Nokia bereits gestartet, ob das allein ausreicht, muss abgewartet werden.

Überzeugen kann das Telefon mit einem reaktionsschnellen Bildschirm, der im Hoch- und Querformat eine zügige, flüssige Eingabe von SMS, E-Mails und Messenger-Texten ermöglicht. Nur die automatische Rechtschreibprüfung ist zeitweilig etwas nervig, da sie einzelne Wörter auch dann verbessert, wenn es gar nicht notwendig ist. Auch die Kamera und das von Nokia bereitgestellte, kostenlos nutzbare Kartenmaterial machen Spaß. Abzüge gibt es für den alles andere als ausdauernden Akku und die nicht vorhandene Wechseldatenträger-Erkennung. Zu beachten ist auch, dass der Akku nicht getauscht und der Speicher nicht erweitert werden können. Insgesamt stellt das Lumia 800 ein mehr als solides Smartphone dar, das sich aber nicht spürbar aus der breiten Masse an Top-Smartphones abheben kann.

In Deutschland ist das Telefon in Verbindung mit einem Laufzeitvertrag bei allen großen Netzbetreibern erhältlich. Nur bei Vodafone wird es erst Anfang Januar folgen. Ohne Vertrag ist das Smartphone im Online-Fachhandel ab circa 430 Euro zu haben. Bei Amazon kostet es ohne zusätzliche Versandkosten 479 Euro (Stand: Ende November 2011). Ein Preis, der nicht wirklich günstig, aber durchaus angemessen ist.

(Hayo Lücke)

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