Testbericht

Nokia Lumia 710 im Test - Neuer Handschmeichler

Mit dem Nokia 710 ist das zweite Windows Phone-Handy des finnischen Handykonzerns ab sofort auf dem deutschen Markt erhältlich. Wir haben das Mittelklassetelefon auf die Probe gestellt.

Nokia Lumia 710© Nokia

Seit einigen Tagen ist es soweit: Nokia geht nach dem Lumia 800 mit dem zweiten Smartphone auf Basis von Windows Phone 7.5 Mango an den Start. Noch ist das Lumia 710 nur in ausgewählten Ländern erhältlich - unter anderem in Deutschland. Ob das Multimediatelefon nicht nur äußerlich, sondern auch durch seine inneren Werte überzeugen kann, haben wir genauer untersucht.

Neues Smartphone auf Basis von Windows Phone

Wichtigste Kernbotschaft vorab: das Telefon ist zwar mit einem Windows-Betriebssystem ausgestattet, doch das hat nichts mehr mit dem alten, häufig gescholtenen Windows Mobile zu tun. Windows Phone wurde von Grund auf neu entwickelt und kann mit einer übersichtlichen Menüstruktur überzeugen. Im Hauptmenü sind alle Apps und Verknüpfungen untereinander angeordnet, die Lieblingsprogramme können zudem auf dem Startbildschirm in beliebiger Reihenfolge in zwei Spalten unter- und nebeneinander platziert werden. Daran muss man sich zweifelsohne gewöhnen, genau das ist aber erfreulich schnell möglich. Man muss es nur ausprobieren (wollen).

Seitens der Hardware liefert Nokia mit dem Lumia 710 einen kleinen Handschmeichler aus. Abgerundete Kanten, spiegelglatte Rückseite und das bei einem Gewicht von nur 126 Gramm und Abmessungen von 119 x 62 x 12 Millimetern. Insgesamt kann das Smartphone eine schöne Haptik vorweisen, Abzüge in der B-Note gibt es aber für die wenig griffige Akkuabdeckung. Als Nutzer muss man stets Vorsicht walten lassen, dass das Telefon nicht aus der Hand flutscht. Wer sein Lumia 710 ein wenig personalisieren möchte, kann nicht nur die Farben des Menüs anpassen, sondern auch die Akku-Abdeckung (Cover) austauschen. Dann erstrahlt die Rückseite beispielsweise in hellblau, pink oder gelb.

Kleines, aber reaktionsschnelles Display

Vergleichsweise klein ist das verbaute Display, das als kapazitiver Touchscreen verwendet wird. Es misst in der diagonalen Abmessung nur 3,7 Zoll und ist damit genauso groß wie der Bildschirm des Lumia 800. Zum Vergleich: das iPhone 4 S bringt es auf 3,5 Zoll, das Samsung Galaxy S II auf 4,3 Zoll. Ausreichend, aber kein Highlight ist die Display-Auflösung von 800 x 480 Pixeln. Die Display-Oberfläche besteht aus gehärtetem Corning Gorilla Glas.

Das alles ändert aber nichts an der Tatsache, dass der Touchsreen schnell und zuverlässig reagiert und durch eine durchaus beeindruckende Bildschärfe und ordentliche Kontraste einfach Spaß bei der Bedienung macht. Auch das Schreiben von E-Mails, SMS oder Instant Messenger-Nachrichten geht sowohl im Hoch- als auch im Querformat über eine virtuelle QWERTZ-Tastatur schnell und ohne nennenswerte Probleme von der Hand. Etwas störend ist manchmal allerdings die automatische Rechtschreibkorrektur. Außerdem ist regelmäßiges Putzen der Display-Oberfläche notwendig, weil Fingerabdrücke sehr schnell sichtbar werden.

Die Bedienung des Lumia 710 erfolgt in großen Teilen über den Touchscreen, aber auch physische Tasten kommen zum Einsatz. So haben die Nokia-Designer ihrem Mittelklasse-Smartphone an der rechten Seite nicht nur eine Lautstärke-Wippe spendiert, sondern auch eine separate Kamerataste, die als Auslöser dient. Auf der Kopfseite finden sich ein Micro-USB-Anschluss für eine Kopplung mit Ladegerät oder Datenkabel sowie ein 3,5-Millimeter-Audioausgang und eine Taste zum Ein- und Ausschalten des Telefons. Der Lautsprecher ist auf der Geräterückseite zu finden.

Keine Sensor-Menütasten

Unterhalt des Displays kommen außerdem drei physische Menütasten zum Einsatz - eine Zurück-Taste, eine Taste zum Aufrufen des Home-Screens und eine Taste zum Aktivieren der Bing-Onlinesuche. Verglichen mit modernen Sensorelementen - wie sie auch beim Lumia 800 zum Einsatz kommen - wirkt das alles andere als modern. Auch beim Bedienkomfort hakt es ein wenig. Während bei Sensortasten ein sanftes Antippen ausreichen, um beispielsweise im Windows-Menü einen Schritt zurück zu navigieren, muss beim Lumia 710 schon recht massiv Druck auf die entsprechende Taste ausgeübt werden. Interessant auch: die Hintergrundbeleuchtung der Menütasten schaltet sich nur sporadisch ein. Gewöhnungsbedürftig, mit zunehmender Nutzungsdauer aber von keiner bedeutenden Relevanz, weil die Bedienung ohnehin zur Routine wird.

Ziemlich überraschend ist, dass Nokia dem Telefon nur eine Triband-GSM-Antenne spendiert hat. Im Frequenzbereich um 850 Megahertz ist das Lumia 710 nicht nutzbar, was teilweise eine Nutzung auf dem amerikanischen Kontinent unmöglich macht. Ergänzend dazu kann aber auf UMTS-Netze zugegriffen werden. Mobile Datenverbindungen sind auf Basis von HSDPA mit bis zu 14,4 Megabit pro Sekunde oder über die integrierte WLAN-Schnittstelle möglich.

Flotte Performance

Angetrieben wird das Telefon durch einen 1,4 Gigahertz-Prozessor von Qualcomm - flankiert durch 512 Megabyte Arbeitsspeicher. In der Praxis erweist sich das als mehr als ausreichend. Beeindruckend ist nicht nur das flotte Laden von Apps, sondern vor allem auch die schnelle Bootzeit: nur rund 15 Sekunden müssen bis zur PIN-Eingabe verstreichen. Voraussetzung für die uneingeschränkte Nutzung ist eine so genannte Live-ID, ohne die zum Beispiel ein Zugriff auf die App-Marktplatz Market Place nicht möglich ist. Apropos Apps: davon gibt es noch nicht so viele wie auf dem iPhone und auf Android-Geräten, die wichtigsten Handy-Programme sind aber inzwischen auch für Windows-Handys erhältlich.

Der Speicherplatz ist auf 8 Gigabyte begrenzt, wovon wiederum nur rund 6 Gigabyte als tatsächlich nutzbarer Speicher zur Verfügung stehen. Das ist zwar für Otto-Normal-Nutzer ausreichend, wer aber viele Musik- und Videodateien auf seinem Smartphone speichern möchte, stößt beim Lumia 710 schnell an Grenzen. Ärgerlich ist in diesem Zusammenhang auch, dass eine Speichererweiterung über eine MicroSD-Karte nicht möglich ist. Immerhin stellt Microsoft aber 25 Gigayte Speicherplatz für den Cloud-Dienst SkyDrive kostenlos zur Verfügung.

Ein kleines Ärgernis ist - wie bei fast allen Smartphones - der mitgelieferte Akku mit einer Kapazität von 1.300 mAh. Wer sein Smartphone als solches zu nutzen gedenkt, ist in der Regel nach 18 bis 24 Stunden gefragt, eine Steckdose aufzusuchen, um den Energiespeicher aufzuladen. Bei ausführlichen mobilen Datenverbindungen in Bus und Bahn ist das Ende der Akkukapazität recht rasch auch schneller erreicht. Um überhaupt in Mobilfunknetzen kommunizieren zu können, wird nicht etwa eine Standard-SIM, sondern vielmehr wie beim iPhone eine Micro-SIM-Karte in das Handy eingelegt. Das funktioniert nur, wenn der Akku aus dem Gerät genommen wird. Bei einem Wechsel der SIM-Karte ist Fingerakrobatik gefragt.

Kamera mit Schwächen

Abstriche müssen Käufer auch bei der integrierten Kamera machen. Sie löst im Fotomodus mit maximal 5 Megapixeln auf und hinkt damit diversen Smartphones mit 8-Megapixel-Auflösung hinterher. Auch hat Nokia anders als beim Lumia 800 darauf verzichtet, eine Linse von Carl Zeiss zu integrieren. Die Folge: insbesondere bei weniger guten Lichtverhältnissen kommt es zu einem deutlich sichtbaren Bildrauschen. Da kann auch das LED-Fotolicht nicht viel helfen. Gute Arbeit verrichtet der Autofokus, der Bilder schön scharfstellt, wenn die Kamerataste vorsichtig nur ein Stück nach unten gedrückt wird. Im Videomodus sind Aufnahmen in HD-Qualität mit maximal 720p möglich.

Nach wie vor das wohl größte Ärgernis ist aber, dass jedes Windows Phone-Smartphone am PC nicht als Wechseldatenträger erkannt wird. Auch beim Lumua 710 muss zunächst eine PC-Software namens "Zune" installiert werden, ehe Fotos und / oder Videos vom Handy auf einen Rechner übertragen werden können. Das ist umständlich, ärgerlich und einfach nicht zeitgemäß. Vor allem stellt es aber weniger versierte Smartphone-Nutzer vor fast schon unüberbrückbare Hürden, weil das Dateimanagement in der Software selbst nicht wirklich intuitiv ist.

Fazit: Günstiges Mittelklasse-Telefon in schönem Design

Trotzdem ist das Lumia 710 ein rundum solides Mittelklasse-Smartphone, das kleine Schwächen elegant kaschieren kann. Wer schon immer einmal in die Welt von Windows Phone 7 eintauchen wollte, findet in Nokias neuestem Lumia-Telefon eine geeignete Alternative, die vor allem mit einer starken Performance aufwarten kann. Hinzu kommt ein insgesamt sehr gutes und zuverlässig arbeitendes Display - auch wenn es vielleicht ein bisschen klein ausfällt. Eine Frage des Geschmacks ist das komplett aus Kunststoff gefertigte Äußere.

Im Online-Fachhandel wird das Lumia 710 zu Preisen ab circa 295 Euro gehandelt (Stand: Ende Januar 2012). Wer bei Amazon zuschlagen möchte, muss ohne Vertrag und ohne zusätzliche Versandkosten 314,98 Euro auf den Tisch legen. Zu haben ist es sowohl in Weiß, Schwarz, Pink oder Blau. Eine Alternative kann das HTC Radar sein, das aktuell ab circa 290 Euro angeboten wird.

Name: Lumia 710
Hersteller: Nokia
Internet: www.nokia.de
Preis: ab ca. 295 Euro
Technische Daten:
Betriebssystem: Windows Phone (Version 7.5 Mango)
Prozessor: 1,4 Ghz. Qualcomm MSM8255
Arbeitsspeicher: 512 Megabyte
SIM: MicroSIM
Antenne: GSM Triband, UMTS, HSDPA
Abmessungen: 119 x 62 x 12 Millimeter
Gewicht: 126 Gramm
Display: 3,7 Zoll, 800 x 480 Pixel, 16,8 Mio. Farben
Speicher: 8 GB intern (nicht erweiterbar)
Schnittstellen: Bluetooth, WLAN
Digitalkamera: 5 Megapixel Kamera, 4 x Digitalzoom, HD-Videofunktion (720p)
Lieferumfang: Akku, Ladegerät, Stereo-Headset, USB-Kabel
SAR-Wert: 1,30 W/kg (hoch)
Extras: MP3- und Videoplayer, Bluetooth, Radio, GPS, WLAN, HD-Unterstützung
Akkulaufzeit im Test: 6-7 Stunden Sprechzeit
18-24 Stunden Bereitschaftszeit (bei normaler Smartphone-Nutzung)
Pro & Contra:
starke Performance
schönes Design
scharfes TFT-Display
schnelles Internetsurfen möglich
kostenlos nutzbares Kartenmaterial
Akku mit geringer Ausdauer
Gerät wird nicht als Wechseldatenträger erkannt
Speicher nicht erweiterbar
kein NFC
nur Triband-GSM-Antenne

Bewertung:
Bedienung (30%): gut
Ausstattung (20%): gut
Verarbeitung (20%): befriedigend
Akkulaufzeit (20%): ausreichend
Telefonfunktion (10%): sehr gut
Gesamtnote befriedigend (2,5)
Preis-Leistung: gut

(Hayo Lücke)

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