Testbericht

Motorola Xoom Test: Das erste Honeycomb-Tablet

Apple behauptet sich bereits mit der zweiten iPad-Generation auf dem Tablet-Markt, bekommt nun aber durch Android-3.0-Tablets Konkurrenz. Das erste seiner Art ist das Motorola Xoom mit Nvidia Tegra 2 – zurzeit exklusiv bei der Telekom.

Motorola Xoom 2© Motorola

Während Apple bereits mit seiner zweiten iPad-Generation alles daran setzt, seinen Vorsprung im Tablet-Markt auszubauen, versucht die Android-Konkurrenz, sich mit Honeycomb an die Fersen des US-Herstellers zu heften. Im Smartphone-Bereich ist das von Google initiierte Mobil-Betriebssystem klar auf dem Vormarsch, auf Tablet PCs ausgerichtet ist Android aber erst seit der neuen Version 3.0 alias "Honigwabe". Als erster Hersteller mit einem Android-3.0-Gerät zur Stelle war Motorola mit dem Xoom Tablet. Seit dem 30. April ist das Xoom 3G mit 10,1-Zoll-Display bei der Deutschen Telekom mit oder ohne Vertrag erhältlich – und zwar drei Monate lang exklusiv. Wir haben das Xoom 3G ausprobiert.

Motorola Xoom 3G Test – Inhalt

  • Seite 1: Design, Schnittstellen und Bedienung
  • Seite 2: Hardware, Android 3.0, Apps, Kameras und Tastatur
  • Seite 3: Flash, Browser, Fazit und Info-Tabelle

Das Motorola Xoom ist deutlich größer als ein Dell Streak oder Samsung Galaxy Tab: Das 249x168x13 Millimeter (mm) große Gerät mit abgerundeten Ecken und gewölbter Rückseite bringt stattliche 730 Gramm auf die Waage. Ein Blick in unseren Tablet PC Vergleich lässt bezüglich dieser BMI-Daten Ähnlichkeiten mit dem ersten Apple iPad (243x190x13,4 mm bei 730 Gramm) erkennen. Das iPad 2 hingegen ist mit 8,8 mm Dicke und 613 Gramm mit 3G-Modul deutlich dünner und leichter. Bei einem 15-Zoll-Notebook muss nicht um 100 Gramm mehr oder weniger gefeilscht werden und auch ein paar Millimeter Unterschied wären Haarspalterei. Bei einem Tablet, das die meiste Zeit über festgehalten wird, fallen derartige Abweichung buchstäblich ins Gewicht. Nach längerer Nutzung verursacht das Xoom lange Arme.

Fast tastenlose Bedienung

Die Vorderseite besteht ausschließlich aus dem HD-Display, in dessen etwa 1,3 Zentimeter dickem Rahmen eine Webcam eingebaut ist. Der Bildschirm liefert eine gute Qualität und ermöglicht eine zielgenaue Bedienung, verschmiert aber schnell und spiegelt sehr stark – besonders im Freien. Um das einzudämmen, muss die Helligkeit erhöht werden, was zu Lasten der Akkulaufzeit (bis 10 Stunden) geht. Auf physische Tasten wird fast gänzlich verzichtet, was eine der Errungenschaften von Android 3.0 ist. Die einzigen Tasten dienen zum Ändern der Lautstärke und sind ziemlich schwergängig. Unten sind HDMI und USB im Mini- statt im Standardformat sowie ein ebenfalls winziger Anschluss für das Netzteil aufgereiht, der Einschaltknopf mit Hold-Funktion, eine weitere Kamera und die Lautsprecher befinden sich hinten im Aluminium-Gehäuse. Das hat zur Folge, dass der Sound leiser wirkt als er ist und außerdem, dass der Powerknopf blind getroffen werden muss, wenn sich das Display nach einer Zeitspanne von minimal 15 Sekunden oder maximal 30 Minuten automatisch abstellt. Da er aber nah am Rand sitzt, klappt das. Die Oberfläche ist widerstandsfähig, ein Fingernagel kratzt hier nichts kaputt. Auch das samtige Kunststoffmaterial, das im oberen Bereich Verwendung findet, ist kratzfest.

Android 3.0 hilft beim App-Zapping

Abgesehen von den fehlenden Tasten zeigt sich die Umgestaltung von Android auch im Betrieb sofort. Neue Symbole, eine geänderte Anordnung der einzelnen Elemente, mehr Interaktivität und diverse Verbesserungen schicken den Androiden ins Tablet-Zeitalter. Hauptsächlich navigiert wird über drei On-Screen-Punkte unten links: Home, zurück und letzte Apps. Diese Verknüpfung dürfte eine der Funktionen sein, die andere Android-Nutzer auch gerne hätten: Sie sammelt wie eine bebilderte Browser-History die fünf zuletzt ausgeführten Anwendungen und ermöglicht endlich praktisches Multitasking, ohne immer ins Menü zurück springen zu müssen.

Unten rechts zeigt Android 3.0 alle Statusinformationen an, die sich bei Vorgängerversionen wie ein Rollo aus dem oberen Displayrand ziehen ließen. Uhrzeit, Signalstärke und Akkuzustand sind immer sichtbar, auch über Ereignisse wie eingegangene E-Mails hält das System auf diese Weise jederzeit – auch innerhalb von Apps – auf dem Laufenden. Wer seine Ruhe haben möchte, kann die Benachrichtigungen abstellen. Zu weiteren Einstellungen gelangt man nach dem Antippen, leider lassen sich WLAN- und 3G-Empfang nicht direkt einzeln abwechseln. Oben links bietet das neue Android-System die Google Suche und eine Sprachsuche. Oben rechts lassen sich alle Apps anzeigen, das Plus-Symbol ist das Türchen zum Bildschirm nach Wunsch. Auf fünf Screens kann der Nutzer Widgets, die in Android 3.0 mehr Spielraum bieten, und Verknüpfungen arrangieren und sie mit unterschiedlichen Hintergrundbildern schmücken.

Damit nicht nur der theoretische Weg von einem Screen oder einer App zur nächsten möglichst kurz ist, sondern auch die Hardware-Leistung mitspielt, ist wie beim neuen iPad 2 ein Dual-Core-Prozessor eingebaut. Mit dem Nvidia Tegra 2 Chip mit zweimal 1 Gigahertz lassen sich Programm spürbar schneller laden als auf einem Einkern-Smartphone. Wartezeiten beim Zappen zwischen den Apps entfallen. Beim Wechseln zwischen der Hochkant-Ansicht und dem Breitformat macht dem iPad aber offenbar immer noch niemand etwas vor. So vergeht stets ein kurzer Augenblick, bis passend zum Gerät auch der Bildschirminhalt gedreht erscheint. Im Hardware-Fach liegen außerdem 32 Gigabyte (GB) interner Speicher. Mit einer micro-SD-Karte können noch bis zu 32 GB hinzugefügt werden, was aber erst nach einem künftigen Software-Update funktionieren wird. Bei der Konnektivität spaltet sich die Xoom-Palette in Modelle mit WiFi und solche, die zusätzlich HSDPA/HSUPA für mobiles Internet unterstützen. Trotz Mobilfunkmodul bleiben eine Telefoniefunktion und SMS aber aus, kommuniziert wird per VoIP mit Google Talk.

Motorola Xoom 3G Test – Inhalt

  • Seite 1: Design, Schnittstellen und Bedienung
  • Seite 2: Hardware, Android 3.0, Apps, Kameras und Tastatur
  • Seite 3: Flash, Browser, Fazit und Info-Tabelle

Mehr Übersicht in Apps und Market-Zugang

Auch die Apps sind in Android 3.0 auf Tablet getrimmt und teilen sich in Spalten – so zum Beispiel YouTube, der übersichtliche Kalender und Google Mail. Das neue Google Maps 5.0 bietet 3D-Ansichten und eine Offline-Nutzung. Was wir vermissen, sind Anwendungen zur Videobearbeitung, Textverarbeitung und für E-Books. Die Version für den Handel soll zumindest einen Dokumentenbetrachter enthalten. Für Android Apps sämtlicher Art steht natürlich ein Zugang zum Android Market bereit. Leider lässt sich das Angebot nicht speziell nach Tablet-Apps durchsuchen und auch nicht nach kostenlosen und kostenpflichtigen Programmen abstufen. Die Market-Kategorien nach rechts zu verfrachten, wirkt unlogisch.

Videokamera und Webcam

Google Talk zieht die 2-Megapixel-Frontkamera für Videochats heran und holt alle Freunde auf den Bildschirm, die sich bei Google Talk angemeldet haben. Apples Pendant FaceTime klammert sich hingegen an die frische Hardware aus Cupertino und sperrt im Umkehrschluss alle aus, die kein iPhone 4, iPad 2 oder einen neuen iPod touch besitzen. Die Bilder der Webcam sind eher pixelig, mit der rückwärtigen 5-Megapixel-Linse lassen sich feinere Fotos (auch mit Blitz) und Videos in Auflösungen bis zur HD-Qualität 720p aufzeichnen. Mit einem so großen und recht schweren Gerät ist das natürlich umso weniger komfortabel, je länger das ganze dauert. Geschmackssache ist wohl der Fokussierrahmen, der nun das ganze Bild umschließt und daher schlechter ins Auge springt als der kleinere Rahmen in Android 2.2 (FroYo). Eine richtig gute Kamera ersetzt das Motorola Xoom nicht, so wie es auch kaum ein Handy, Smartphone oder anderes Tablet kann. Die Farben sind oftmals zu leuchtend oder zu blass und dunkle Bereiche grieselig. Insgesamt schlägt sich die Fotofunktion aber ganz gut. Kleinere Arbeiten wie Farbfilter, Zuschnitte und Drehungen sind direkt am Xoom möglich.

Tastatur und Spracheingabe

10-Finger-Schreiben fällt auf dem Tablet flach, auch wenn sich die große Android-Tastatur im QWERTZ-Format öffnet. Hält man das Xoom quer, klappt das Tippen am besten mit dem Zeigefinger. Um mit beiden Daumen die Buchstaben bequem zu erreichen, ist das Tablet zu breit. Hochkant gehalten schreibt es sich mit den Daumen gut, dann drückt aber das Gewicht stärker auf die Arme. Alternativ lässt sich die Spracheingabe bemühen, der auch Satzzeichen diktiert werden können. Je komplizierter der Text, desto schlechter versteht sie das Gesprochene, einfache Phrasen sind aber okay. Verbesserungen gegenüber Android 2.2 lassen sich auch beim Bearbeiten von Texten finden. Der Cursor lässt sich leichter steuern, was das Kopieren oder Umsetzen von Textstücken vereinfacht.

Der Flash-Support erfordert noch das Zutun des Nutzers. Nach dem Download des Adobe Flash Players aus dem Android Market beherrscht der aufgemöbelte Android-eigene Browser zwar das Abspielen entsprechender Inhalte, wie flüssig die Videos tatsächlich laufen, ist aber von Website zu Website verschieden. Ab und an gerät ein Filmchen ins Ruckeln, wenn nebenher noch Browser-Fenster oder Apps Leistungsreserven stehlen. Videos auf youtube.com spielt der Browser nicht ab, daher muss zwangsläufig auf die YouTube-App ausgewichen werden. Eine verbesserte Flash-Integration in den Browser und hardwarebeschleunigtes Abspielen von Videos verspricht ein kommendes Honeycomb-Update.

Motorola Xoom 3G Test – Inhalt

  • Seite 1: Design, Schnittstellen und Bedienung
  • Seite 2: Hardware, Android 3.0, Apps, Kameras und Tastatur
  • Seite 3: Flash, Browser, Fazit und Info-Tabelle

Verbesserter Android-Browser

Einen deutlichen Sprung in die Gegenwart hat der Browser gemacht, indem er endlich Tabs unterstützt. Sinnigerweise werden Videos pausiert, sobald das Tab gewechselt wird. Neu ist der "Inkognito"-Modus, der Tab-weises Surfen ohne Speicherung der besuchten Webseiten und Cookies erlaubt. Lesezeichen können nun mit dem Google Chrome Browser synchronisiert und Formulare automatisch ausgefüllt werden. Gewöhnungsbedürftig ist, dass der Browser Ladezeiten überbrückt, indem er Text erst einmal verschwommen darstellt und dann nachträglich schärft. Genau wie auf Smartphones lädt der Android Browser auch auf dem Motorola Xoom bevorzugt die Mobilversionen von Websites, trotz des großen Displays.

Fazit: Gute Leistung, weniger Inhalte

Verglichen mit den bisherigen Android-Versionen macht sich das neue Honeycomb eindeutig besser, wenn es um den Einsatz auf dem Tablet geht. Das Motorola Xoom umarmt Android 3.0 mit einer hochwertigen Verarbeitung, einem scharfen Breitbild-Display und viel Speicherplatz. Performance-Schnitzer leistet sich das Tablet nicht, es bietet flottes Multitasking und spielt HD- sowie Flash-Videos flüssig ab. Die Flash-Integration ist bis zum Honeycomb-Update allerdings noch nicht vollständig abgeschlossen und der Speicherkarten-Einschub ohne Funktion, bis Motorola die versprochene Aktualisierung nachschiebt. So perfekt wie beim iPad zeigt sich der Auslieferungszustand demnach nicht. Auch mit der Vielzahl an Inhalten im geschlossenen Apple-Ökosystem kann Android nicht mithalten. Zwar gibt es Zehntausende Android Apps, das Angebot an Download-Inhalten wie Videos, Musik und E-Books sowie Tablet-Magazinen ist jedoch kleiner beziehungsweise auf verschiedene Anbieter (wie Amazon MP3, Kindle App usw.) aufgeteilt.

Ist das Xoom nun ein iPad-2-Herausforderer? Ja: Wer iPhone, iMac und iPod besitzt, greift zwar ohnehin zum iPad, wer aber kostenlose Inhalte bevorzugt und sich nicht an iTunes ketten will, wird sich bei Android umschauen. Verglichen mit vielen Windows-Tablets fällt die Akkulaufzeit lang aus, die von Motorola angegebenen 10 Stunden WiFi-Betrieb sind durchaus realistisch. Leider lädt das Tablet nur über die Steckdose, nicht aber per USB. Insgesamt macht das Motorola Xoom seine Sache gut, nach einiger Zeit verspürt der Nutzer aber das dringende Bedürfnis, das schwere Gerät zwecks Armschonung auf dem Tisch abzulegen. Preislich liegt zumindest das Xoom 3G auf einem Niveau mit dem iPad 2: Beide kosten ohne Vertrag mit 32 GB Speicher 700 Euro. Die WiFi-Variante ist teurer (629 gegen 579 Euro) und eine noch günstigere Variante wie das iPad 2 WiFi mit 16 GB für 479 Euro gibt es von Motorola nicht. Daher streift das Xoom knapp am Preis/Leistungs-"gut" vorbei.

Name: XOOM
Hersteller: Motorola
Internet: www.motorola.com
Preis:
für 599 Euro
(Stand: 07/2011)
Technische Daten
Chipsatz/Prozessor: Nvidia Tegra 2 - Dual-Core-Prozessor mit 1,0 GHz
Bildschirm: 10,1 Zoll WXGA (1.280x800 Pixel) TFT Touchscreen, 150 Pixel pro inch
Speicher: 32 GB Flash Speicher
Akku: Herstellerangaben: WiFi Browsing 10 Stunden, 3G Browsing 9 Stunden, Videowiedergabe 10 Stunden, Standby 14 Tage
Kommunikation: WiFi 802.11b/g/n, Bluetooth 2.1+ EDR, GSM/3G/HSDPA/HSUPA
Betriebssystem: Android 3.0 (Honeycomb)
Abmessungen: HxBxT: 249x168x13 mm Millimeter; 730 Gramm
Anschlüsse: Micro-USB, Mini-HDMI, Kopfhörer (3,5 mm Klinke), SIM-Slot, microSD-Slot (benötigt Update)
Formatunterstützung: AAC, AAC+, AMR NB, AMR WB, MP3, OGG, XMF, H.263, H.264, MPEG4
Sonstiges: GPS, Gyroskop, Lichtsensor, 5-Megapixel-Kamera für Fotos und Videos (720p) mit Fotolicht und Autofokus, 2-Megapixel-Webcam, Flash-Support (benötigt Update)
Scharfes Display
gute Leistung
Multitasking
lange Akkulaufzeit
zwei Kameras
GPS
WLAN
HSDPA/UMTS
Bluetooth
Flash-Support
starke Spiegelungen
anfällig für Fingerabdrücke
zu schwer
vollständige Flash-Integration und micro-SD erst nach Update
ab Werk wenige Apps
lädt nicht über USB
hoher Preis
Bewertung:
Geschwindigkeit (20%): gut
Ausstattung (20%): sehr gut
Display (20%): gut
Bedienung/Handhabung (15%): gut
Akkulaufzeit (15%): gut
Verarbeitung (10%): gut
Gesamt: gut (1,8)
Preis-Leistung: befriedigend

(Saskia Brintrup)

Weiterführende Infos zum Thema:
Zum Seitenanfang