Testbericht

Kriegsspiele auf der Konsole

Krieg der Besten: Auf der Xbox treten "Medal of Honor" und "Call of Duty" gegeneinander an. Ein Bericht von der Front.

Laptop© Micha Bednarek / Fotolia.com
Schlimm das. Da haben einen die Eltern nach bestem Gewissen im Geiste der 68er-Generation zu einem friedliebenden Menschen erzogen. Anfangs auch erfolgreich: Friedensdemo, Teestube, Zivildienst. Und jetzt? Jetzt spielt der Junge am liebsten Weltkriegs-Shooter. Ob solo oder online gegen andere Verrückte ist egal. Hauptsache, es knallt. Wie konnte das nur passieren?

Instruktive Ballerei

Wer gerne auch was anderes als Minesweeper oder Solitär spielt, kennt die Faszination, die von virtuellen Kriegsschauplätzen ausgeht. In allen denkbaren Szenarien wird geballert, was das Zeug hält. Solange es ein Spiel ist - wo ist das Problem? Die Eltern werden es schon verkraften. Und vielleicht lernen Sohnemann oder Töchterlein auch was bei der Ballerei - schließlich spielen sie historische Missionen nach.

Wer Weltkrieg spielen will, kann unter zahlreichen Games wählen. Wahre Freunde von WW2-Szenarien kommen allerdings an zwei Titeln nicht vorbei: Dem genre- und stilbildenden "Medal of Honor" (Electronic Arts) und dem ebenbürtigen "Call of Duty" (Activision). Beide Spiele gibt es inzwischen in diversen Fassungen und Fortsetzungen. Zuletzt ist "Call of Duty 2" für die Xbox 360 erschienen - unter allgemeinem Applaus.

Medal of Honor (links), Call of Duty (rechts)


MoH vs. CoD

Unser Ex-Zivi spielt zurzeit Krieg auf einer alten Xbox. Aus der "Medal of Honor"-Familie - MoH wie der Geek abkürzt - hat er das jüngste Konsolenkind "European Assault" (Xbox, PlayStation 2, GameCube) im Laufwerk. Der "Call of Duty" (CoD) ruft den Konsolenbesitzer mit "The Finest Hour" (Xbox, PlayStation 2, GameCube) zu den Waffen.

Bei beiden Konsolentiteln steht der Einzelspieler-Modus im Vordergrund. Während bei MoH der US-Soldat William Holt als Agent des britischen OSS (Office of Strategic Services) im Jahr 1942 eine Kampagne beginnt, die ihn über verschiedene europäische Schauplätze führt, schlüpft der Spieler zur "Finest Hour" auf Missionen in Nordafrika und an der Ost- und Westfront in gleich mehrere, verschiedene Figuren.

Einen großen Unterschied macht das nicht, da auch die der jeweiligen Spielfigur zur Seite gestellten Soldaten von Mission zu Mission wechseln - richtig familiär wird man mit seinen Kampfgenossen bei keinem der Titel, dafür sterben sie in der Regel zu früh. Oder auch gar nicht: So wie die französische Resistance-Kämpferin Manon, an der das Blei einfach abperlt, die dann aber leider einfach verschwindet.

Dumm stirbt schnell

Bei "Finest Hour" ist der Verlust der virtuellen Kameraden selten ein schwerer: Die computergenerierten Mitstreiter stellen sich nicht selten ziemlich dämlich an. Sie rennen wirr ins offene Sperrfeuer oder bleiben in irgendwelchen Ecken kleben, um sich dort von der Wehrmacht ausknipsen zu lassen. Zudem scheinen sie nur einen Befehl zu kennen: Losrennen. Eine große Hilfe sind die Jungs also nicht.

Das können die Kollegen bei MoH schon besser. Den wenigen Befehlen ihres Kommandeurs leisten sie brav Folge und passen dabei auch auf, dass ihnen kein Deutscher die Birne wegschießt. Ihnen allen ist gemein, dass sie eine Menge wegstecken. Zudem kann der Spieler seinen Leuten mit wertvollen Gesundheitspäckchen das Leben verlängern - wenn er welche erübrigen kann.

Medal of Honor (links), Call of Duty (rechts)


Düstere Atmosphäre

Beide Spiele warten mit einer dichten Atmosphäre auf. Grafisch hat "European Assault" die Nase ein bisschen vorn, vor allem die anderen Figuren wirken realistischer und bewegen sich natürlicher. Bei Sounddesign, Effekten, Handhabung der Waffen und Spielphysik geben sich die beiden Konkurrenten nicht viel.

Die CoD-Entwickler von Infinity Ward - übrigens hervorgegangen aus dem Team, das für EA das Original "MoH: Allied Assault" entwickelte - mussten offenbar den begrenzten Ressourcen der Xbox Tribut zollen. "Finest Hour" ist ziemlich dunkel ausgefallen, das ist zwar gut für die Atmosphäre, weniger allerdings für die Augen.

Ein Schwachpunkt beider Titel sind die viel zu selten gesetzten Speicherpunkte - ein altes Konsolenproblem. Besonders im Fall von CoD:FH nervt das. Die Missionen sind streng linear angelegt und lassen wenig Platz für alternative Herangehensweisen. Wer kurz vor seinem Ziel versagt, kann von vorne anfangen. Bei den geskripteten Ereignissen und der schwachen künstlichen Intelligenz (KI) der anderen Figuren ist das schnell ermüdend.

Spieler-Frust

MoH:EA lässt dem Spieler mehr Freiräume, sich durch das Szenario zu bewegen und seine Teilziele zu erfüllen. Allerdings nimmt die Freiheit mit fortschreitender Karriere ab - gerade die schwierigen Schlussmissionen fallen auch bei MoH ziemlich linear aus. Das ist insbesondere dann ärgerlich, wenn das Spielskript ein ganz bestimmtes Vorgehen verlangt und der ratlose Spieler wieder und wieder an der gleichen Stelle vor die Hunde geht. Im Zweifelsfall retten die im Internet verfügbaren Lösungshilfen.

Grundsätzlich können aber beide Games als gelungene Konsolentitel gelten. Interessante Missionen mit zahlreichen Waffen und Fahrzeugen sorgen für Abwechslung und langen Spielspaß. MoH hat in Sachen KI, Grafik und Realismus die Nase vorn, der Schwerpunkt auf Geheimdienstarbeit (Dokumente finden) und Sabotageaktionen lässt aber weniger Raum für Variationen. CoD dagegen überzeugt durch abwechslungsreiche Szenarien in verschiedenen Erdteilen.

Medal of Honor (links), Call of Duty (rechts)


Echte Gegner

Und wenn alle Aufgaben erfüllt sind und das lineare Geballer der Single-Player-Versionen langweilig wird, bleibt immer noch der Multiplayer im Netz. Der Ex-Zivi bevorzugt da allerdings die PC-Version von MoH. Irgendwo auf der Welt finden sich immer ein paar Irre, die sich gegenseitig umnieten wollen.

(Volker Briegleb)

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