Testbericht

Grundig Sixty im Test: DECT-Telefon für Retro-Fans

Seit kurzem ist das schnurlose Retro-Telefon Grundig Sixty im Handel erhältlich. Optisch ein Hingucker, stellt sich die Frage, ob das Design-Gerät auch technisch überzeugen kann. Wir haben die Neuinterpretation des klassischen Wählscheiben-Apparates getestet.

Datenaustausch© violetkaipa / Fotolia.com

Schlaghosen, Sonnenbrillen, Autos oder polarisierende Frisuren. Was in der Vergangenheit erfolgreich war, kommt nicht selten irgendwann als aufgehübschte Retro-Replik zurück und findet oftmals ähnlich reißenden Absatz wie Jahrzehnte zuvor. Ein Grund: Während die Älteren fast automatisch in Erinnerungen schwelgen, erhalten die Jüngeren bewährtes Design in zeitgemäßer Aufmachung. Auch bei Festnetzapparaten macht dieser Trend nicht halt. Eines der jüngsten Beispiele ist das Grundig Sixty des französischen Herstellers Sagemcom – ein analoges, schnurloses DECT-Telefon in Wählscheiben-Optik. Das in den Farben Schwarz und Orange seit einigen Wochen in Deutschland für rund 90 Euro (UVP) erhältliche Gerät ist zwar augenscheinlich ein echter Hingucker, ob es allerdings auch abseits der auffälligen Fassade überzeugen kann, zeigt unser Testbericht. Im YouTube-Channel von onlinekosten.de steht zudem ein Video zur Verfügung, das verschiedene Funktionen auch in Bild und Ton vorstellt.

Umfangreiche Ausstattung & Eco-Modus

Zum Lieferumfang des Sixty gehören neben dem Schnurlos-Hörer sämtliche Anschlusskabel, zwei Nickel-Metallhydrid-Akkus der Größe AAA mit einer Leistung von jeweils 450 mAh sowie eine großformatige Bedienungsanleitung in deutscher Sprache. Die wichtigsten Ausstattungsmerkmale des hochwertig wirkenden, gut verarbeiteten Fernsprechers umfassen einen Anrufbeantworter mit bis zu 20 Minuten Aufzeichnungszeit, Freisprechen, Paging, ein integriertes Telefonbuch für 150 Einträge mit jeweils maximal zwölf Buchstaben, einen Wecker, Timer respektive Countdown sowie einen Eco-Modus, der die Sendeleistung der Basis je nach Entfernung des Hörerteils adaptiv reguliert und für eine minimale Strahlenbelastung sorgen soll.

Aufbau und Einrichtung stellen auch technische Laien vor keine wirklichen Herausforderungen. Strom- und Telefonkabel werden auf der Unterseite des Gerätes in die jeweilige Buchse eingesteckt, wobei eine Verwechslung der Anschlüsse durch unterschiedliche Formen ausgeschlossen ist. Selbst die bei neuen Akkus vor erstmaliger Nutzung üblichen langwierigen Ladevorgänge entfallen, da die beigelegten Exemplare aufgeladen geliefert werden. Der zudem bereits ab Werk an der Basis registrierte Hörer lässt sich daher sofort ausprobieren. Insgesamt können bis zu fünf GAP-kompatible Hörer gleichzeitig verwendet werden. Bevor allerdings das Telefon selbst Betriebsbereitschaft signalisiert, ist zuvor noch die Einstellung von Sprache, Datum sowie Uhrzeit notwendig. Diese Daten bleiben auch bei Stromausfall erhalten.

Lichteffekte als Wählscheiben-Simulation

Die Nummernwahl erfolgt ausschließlich an der Basis über die, wie bei einer Wählscheibe, kreisförmig angeordnete und von einem LED-unterlegten Chromring umgebene Zahlentastatur. Sobald eine der Ziffern gedrückt wird, blinken dabei einige Leuchtdioden auf und vermitteln die optische Illusion einer drehenden Wählscheibe. In der Mitte des Telefons befindet sich ein sogenanntes Touch-Panel mit sechs berührungsempfindlichen Funktionstasten und einem zweizeiligen invertierten Monochrom-Display mit Hintergrundbeleuchtung. Diese erlischt allerdings nach wenigen Sekunden und macht das Ablesen der im Stand-by angezeigten Uhrzeit anschließend zum Ratespiel.

Im lichtaktiven Zustand informiert die Anzeige hingegen deutlich sichtbar und mit verschiedenen Symbolen über den Gerätestatus, gibt Auskunft zum Ladezustand des Hörers und zeigt Datum sowie Uhrzeit. Auch Ereignisse in Abwesenheit wie Anrufe oder Sprachnachrichten werden dem Nutzer hier über den Schriftzug Neue Ereignisse ! sowie über eine zusätzlich blinkende Leuchtdiode automatisch gemeldet. Die ober- und unterhalb befindlichen Touch-Felder dienen dabei der Menünavigation beziehungsweise sind mit Sternchen sowie Raute belegt. Ebenfalls frontseitig verbaut wurde zudem eine Freisprechtaste. Etwas versteckt im Zwischenraum auf der Rückseite des Sixty fallen neben dem als Metallplakette eingelassenen Gerätenamen noch Lautsprecher und Paging-Knopf ins Auge.

Über allem thront der kabellose Hörer, der sich kaum von seinen regulären Schnur-Pendants unterscheidet und mit einem Gewicht von 43 Gramm inklusive der beiden Akkus auch bei längeren Gesprächen gut in der Hand liegt. Laut Grundig beträgt die maximale Dauer für Telefonate dabei zehn Stunden; im Stand-by soll der orangefarbene Sprechknochen abseits der Ladegabel bis zu 120 Stunden auf Empfang bleiben. In welcher Richtung dieser nach Gesprächsende aufgelegt wird, spielt im Übrigen keine Rolle; für etwas Orientierung sorgt aber ein Punkt auf der Oberseite, der die Hörmuschel markiert.

Hörer mit eigener Annahmetaste

Optisch meldet das Sixty den Hörerkontakt mit der starren Metallgabel durch ein Aufleuchten aller vorhandenen LEDs. Zu erwähnen bleibt außerdem die auf der Innenfläche integrierte Annahmetaste, die ein separates Ablegen des Hörers erlaubt, wobei eingehende Anrufe auf Knopfdruck entgegengenommen werden können. Einziges Manko: Da dieser nicht über eigene Ruftöne verfügt, ertönt lediglich ein Piepston, der relativ leise geraten ist. Steht die klingelnde Basis weiter entfernt oder in einem anderen Raum, kann es somit durchaus passieren, dass eingehende Kontaktversuche einfach überhört werden.

Abhilfe schafft hier allerdings meist die Wahl eines eindringlichen und weit schallenden Basis-Signals: sieben Tonfolgen und vier Lautstärkestufen stehen dabei zur Verfügung – von synthetischen Melodien über Fahrradklingel- und Hupe bis hin zu einem traditionellen "Ring Ring" aus den Anfangstagen der Telefonie (auch zu hören in unserem YouTube-Video zum Grundig Sixty). Insbesondere letzterer Ton erzeugt in der lautesten Einstellung eine ohrenbetäubende Geräuschkulisse, mit der die Mehrheit der Nutzer mit ziemlicher Sicherheit keinen Anruf mehr unwillentlich verpassen dürfte; Schrecksekunde inklusive. Soll der ausgewählte Klingelton hingegen eher als Warnung vor bestimmten Gesprächspartnern dienen oder, im Gegenteil, liebsame Personen gesondert ankündigen, kann er auch kontaktspezifisch zugeordnet werden. Dies setzt allerdings voraus, dass die Nummer des eingehenden Anrufes nicht unterdrückt wird und im Telefonbuch des Sixty eingetragen ist.

Sprachqualität kann überzeugen

Wessen Gehör nicht mehr ganz so zuverlässig arbeitet, der dürfte sich davon abgesehen ebenfalls über die stufenweise einstellbare Hörerlautstärke freuen. Diese lässt sich während des Gesprächs für Hörer oder Lautsprecher über das Displaymenü regulieren. Die allgemeine Sprachqualität gab dabei im Test unabhängig von der gewählten Stufe zu keinem Zeitpunkt wirklich Grund zur Klage. Das akustische Gegenüber war jederzeit klar und ohne Störgeräusche zu verstehen. Lediglich im Freisprechmodus gelangte das Mikrofon abhängig von Umgebungslärm und Entfernung mitunter schnell an seine Kapazitätsgrenze.

Apropos: Um während eines Gespräches von Hörer zu Freisprechen zu wechseln, ist durchaus etwas Geschick gefragt. So muss die Freisprechtaste gedrückt gehalten werden, während man den Hörer auf der Gabel positioniert. Andernfalls ist das Telefonat abrupt beendet. In umgekehrter Richtung genügt ein einfaches Abheben des Hörers und das Sixty wechselt automatisch in den Normalmodus. Während einer Plauderei eintreffende Telefonate können per "Anklopfen"-Funktion angenommen beziehungsweise laufende Verbindungen "geparkt" oder als Dreierkonferenz zusammengelegt werden. Die zugehörigen Menüpunkte sind in diesem Fall selbsterklärend.

Leider trifft dies nicht immer zu. So sind in der deutschen Sprachversion eine Reihe von Menübezeichnungen äußerst unglücklich gewählt und nötigen durch ihr semantisches Verwirrungspotenzial häufiger als eigentlich notwendig zur Konsultation der Bedienungsanleitung. Insgesamt kommt dabei der Eindruck auf, dass der Konzeption des Menüs oder zumindest der deutschen Übersetzung vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit zuteil wurde - wenn auch die meisten Fauxpas als Schönheitsfehler durchgehen.

Rästelraten im Menüdialog

Um beispielsweise das Mikrofon während eines Telefonates kurzzeitig für Rückfragen oder ähnliches stummzuschalten, muss der Punkt Geheim ausgewählt werden - ein in diesem Kontext reichlich unüblicher Begriff. Gleiches gilt für die Displayanzeige bei Anrufen mit unterdrückter Nummer. Hier vermutet das Sixty offenbar konspirative Mächte am Werk und meldet eine Geheimnummer. Andere Menüeinstellungen sorgen durch ihre Begriffsunschärfe für Mehrdeutigkeit oder Missverständnisse. So taucht im Konfigurationsdialog des Anrufbeantworters etwa die Option Anrufe filtern auf. Wer nun glaubt, es handele sich um eine Art Sperrliste um ungebetene Kontakte auszusortieren, liegt nicht ganz falsch, aber eben auch nicht richtig: Gemeint ist vielmehr, dass sich Nachrichten bereits während ihrer Aufnahme laut mithören lassen.

Etwas sprachliche Kreativität ist wiederum notwendig, um spontan die Tastentöne zu deaktivieren. Statt die zugehörige Einstellung einfach genauso zu überschreiben, hat Sagemcom sie unter der kryptischen Bezeichnung Pieps versteckt. Beliebig wirkt zudem die Schreibweise mancher Begriffe. Unverständlich bleibt etwa, warum die Oberkategorie "Anruflisten" trotz ausreichendem Displayplatz mit Anrufl. abgekürzt wird, das längere Wort Einstellungen jedoch nicht. Diese Inkonsequenz setzt sich auch in der Verwendung von Umlauten fort: Während Zurück oder Menü in gewohnter Weise mit "ü" erscheinen, wurde für Gespraechsende die Ersatzform "ae" gewählt.

Spezialfall Anrufliste: Erst wählen, dann abheben

Gleichermaßen gewöhnungsbedürftig sind Teile der Menüführung. Besonders die Wahl von Rufnummern, die zwar (noch) nicht im Telefonbuch jedoch in den Anruflisten der Wahlwiederholung beziehungsweise der Abwesenheitsereignisse gespeichert sind, fiel im Test durch ihre wenig intuitive Gestaltung auf. Grund: Statt es dem Nutzer selbst zu überlassen, ob er eine solche Nummer mit abgehobenen oder noch aufliegendem Hörer anwählt, gibt das Sixty zwangsweise eine Richtung vor. Dabei ist es generell erforderlich, zunächst die gewünschte Rufnummer im Menü herauszusuchen, anschließend über Optionen auf Anrufen zu klicken und dann entweder den dadurch startenden Freisprechmodus zu nutzen oder per Hörer zu telefonieren.

Wer hingegen, wie ironischerweise gerade auch bei den schnurgebundenen Sixty-Ahnen absolut üblich, zuerst den Hörer abhebt und dann die Nummern über den Optionsdialog der Anruflisten anwählen will, findet plötzlich statt dem Befehl Anrufen nur noch die Möglichkeit Anzeigen vor. Dann heißt es auflegen und den Vorgang wiederholen - oder doch wie früher einfach per Hand eintippen.

Fazit: Design-Telefon mit Retro-Charme

Trotz kleiner Schwächen - alles in allem kann das Grundig Sixty durchaus überzeugen. Auffällig im Design, hochwertig in der Verarbeitung und auch technisch auf der Höhe der Zeit ist das Gerät nicht nur für Retro-Fans eine erfrischende Alternative im oft langweiligen Einerlei heutiger Schurlos-Telefone. Pluspunkte sammelt das Sixty durch seine umfangreiche Ausstattung, die handelsüblichen und damit einfach wechselbaren Akkus, die gute Sprachqualität sowie den Eco-Modus.

Getrübt wird der gute Eindruck vor allem durch die mitunter eigenwilligen und unpassenden Menübezeichnungen, eine teils unlogische und nicht immer intuitive Bedienung sowie das im Stand-by ohne aktive Hintergrundbeleuchtung äußerst schlecht ablesbare Display. Auch der vergleichsweise hohe Preis von rund 90 Euro dürfte nicht unbedingt jedermanns Geschmack entsprechen. Allerdings ist davon auszugehen, dass dieser in den nächsten Monaten noch deutlich sinken wird.

Name: Grundig Sixty
Hersteller: Sagemcom
Internet: http://www.sagemcom.com
Preis: 89,99 Euro (UVP)
Technische Daten:
Abmessungen: 220 x 63 x 39 Millimeter (Hörer)
176 x 130 x 89 Millimeter (Basis)
Gewicht: 43 Gramm (Hörer)
172 Gramm (Basis)
Anschlussart: Analog
Display: Alphanumerisch mit inverser schwarz / weiß Darstellung, beleuchtet
Telefonbuch: 150 Einträge
Anrufbeantworter: ja (bis 20 Minuten)
Freisprechen / Lauthören: ja
Tastaturbeleuchtung: nein
Signalisierung verpasster Anrufe: ja (Hinweis an der Basis)
Reichweite: bis zu 300 Meter im Freien
bis zu 50 Meter in Gebäuden
Extras: Touch-Tasten, Paging, Ton- und Lichteffekte
Maximale Akkulaufzeit (laut Hersteller): 10 Stunden Sprechzeit
120 Stunden Bereitschaftszeit
Akkus: 2 x NI-MH AAA, 1,2 V 450 mAh
Pro & Contra:
Anrufbeantworter integriert
reduzierte Strahlung durch Eco-Modus
Freisprechen, Paging, Wecker & Timer
hochwertige Verarbeitung
Hörer mit separater Annahmetaste
handelsübliche, wechselbare Akkus (Hörer)
Display spiegelt / unbeleuchtet kaum ablesbar
Menüführung teilweise umständlich
unpassende Menübezeichnungen
Hörer-Signal sehr leise & nicht einstellbar
Bewertung:
Bedienung (30%): befriedigend
Ausstattung (20%): gut
Verarbeitung (20%): sehr gut
Akkulaufzeit (20%): gut
Telefonfunktion (10%): gut
Gesamtnote gut (2,1)
Preis-Leistung: befriedigend

(Christian Wolf)

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