Testbericht

Lichtschein im Kindle-Schatten: Der tolino shine im Test

Seit Anfang März offerieren verschiedene deutsche Buchhändler und Deutsche Telekom den tolino shine - einen beleuchteten E-Book-Reader, der Amazon und Co. das Fürchten lehren soll. Wir haben das Gerät getestet.

Tolino Shine© Deutsche Telekom AG

Vor einigen Monaten überrollte eine Welle neuartiger E-Book-Reader den Markt: Amazon Kindle PaperWhite, Kobo Glo oder Bookeen HD Frontlight sind nur die prominentesten Beispiele der Lesegeräte, die sich vor allem durch ihr illuminiertes Display auszeichnen. Mittlerweile ist der Hype um die Leucht-Reader allerdings wieder abgeklungen. Dennoch schwappt überraschend noch ein Nachzügler in den deutschen Handel: der tolino shine. Ins Rennen geschickt wird der 6-Zöller von einer Allianz deutscher Buchhändler und der Deutschen Telekom. Seine Mission: den Vormarsch von Amazon, Kobo und Co. im E-Book-Geschäft stoppen. Kann das gelingen? Wir haben uns das Gerät einmal näher angesehen.

Erster Eindruck: Gute Verarbeitung

Geliefert wird der shine in einer hübschen Verpackung mit Kurzanleitung, Garantiekarte und USB-Kabel. Zumindest darin unterscheidet sich der Reader nicht von seinen Konkurrenten. Was aber soll ihn eigentlich herausheben? Die Antwort findet sich ebenfalls auf dem Karton: Über 11.000 HotSpots, die sich deutschlandweit kostenfrei für den Download neuer E-Books oder Ausflüge ins Internet nutzen lassen und 25 Gigabyte (GB) Cloud-Speicher – beides bereitgestellt von der Deutschen Telekom. Nimmt man den deutlich teureren und auf das Amazon-Ökosystem festgelegten Kindle PaperWhite mit UMTS-Modul einmal beiseite, verfügt der shine in Sachen mobiler Web-Anbindung über ein Alleinstellungsmerkmal, das sich durchaus als kaufentscheidend erweisen kann – wenn denn der Rest stimmt.

Bei der Verarbeitung trifft dies zweifelsohne zu. Die Oberfläche fühlt sich angenehm und rutschfest an; das Kunststoffgehäuse macht einen hochwertigen Eindruck und liegt gut in der Hand. Auch das Gewicht fällt mit 183 Gramm vergleichsweise gering aus. Das Touchscreen-Display basiert auf Infrarot-Technologie und ist aufgrund der damit verbundenen Sensorik ein wenig tiefer in das Gerät eingelassen. Multi-Touch-Unterstützung ist zwar nicht an Bord, bei Ein-Finger-Eingaben gibt es allerdings wenig zu bemängeln - hier reagiert der Bildschirm in der Regel bereits bei der ersten Berührung zuverlässig. Nicht ganz so optimal sieht es bei der Darstellung von Texten oder Grafiken aus. Trotz der HD-Auflösung von 1.024 x 758 Pixeln wirken diese gelegentlich punktuell verwaschen.

Gleichmäßige Beleuchtung

Hin und wieder recht auffällig waren außerdem sogenannte Ghosting-Effekte. Diese sind bei E-Ink-Displays zwar technisch bedingt unvermeidlich, sprangen uns im Test aber wiederholt vergleichsweise deutlich ins Auge. Abhilfe schafft hier normalerweise eine Verkürzung der durch ein kurzes Flackern beim Blättervorgang erkennbaren Auffrischungsintervalle. Anders als etwa bei Kobo und Kindle lassen sich diese beim tolino shine aber leider nicht individuell festlegen.

Die Intensität der zuschaltbaren Beleuchtung ist hingegen fließend regelbar. In der höchsten Helligkeitsstufe bleibt der shine dabei allerdings vergleichsweise dunkel und muss sich etwa dem Kobo Glo deutlich geschlagen geben. Für lichtschwache Umgebungen ist das Display-Licht gleichwohl völlig ausreichend. Die Ausleuchtung ist gleichmäßig, lediglich am unteren Rand sind leichte Schatten erkennbar.

Unterhalb der Anzeige findet sich die zentral angeordnete Starttaste, mit der sich auf dem Gerät jederzeit zum Homescreen springen lässt. Kleines Manko: Diese ist ein wenig schwergängig geraten. Physische Tasten zum Blättern sind nicht vorhanden. Auf der oberen Seite verfügt der shine über zwei weitere Schalter: Eine Schiebe-Ausführung zum Ein- und Ausschalten sowie ein Knopf für die Beleuchtung.

Am unteren Rand hat der Hersteller hingegen eine über zwei Befestigungspunkte verankerte Abdeckung integriert, die sich mit einem Ruck öffnen lässt. Dahinter: ein microSD-Einschub für Speicherkarten mit bis zu 32 GB, der zum Laden des Gerätes notwendige microUSB-Port sowie ein Reset-Knopf, der per Büroklammer ausgelöst werden muss. Sämtliche Öffnungen sind somit vor Staub und Fusseln geschützt.

Im Gegenzug kann es allerdings hin und wieder etwas fummelig werden – vor allem beim Schließen kann sich die kleine Klappe schnell verhaken. Ob sich der Mechanismus auf Dauer als beständig erweist, ist ebenfalls abzuwarten.

Bleibt noch der Blick auf die Software: Hier kommt der tolino-Reader mit einer angepassten Android-Version. Dementsprechend findet sich auf der Startseite auch die von Smartphones und Tablets bekannte Statusleiste mit Uhrzeit, Akkustand, WLAN-Status und weiteren Symbolen. Darunter teilt sich der Bildschirm in zwei übersichtliche Bereiche.

Drei E-Books vorinstalliert

Rund zwei Drittel werden von den drei zuletzt geladenen beziehungsweise geöffneten Büchern belegt, die inklusive Cover angezeigt werden. Zudem finden sich noch ein Menü-Button, eine kombinierte Suche für Reader und Shop sowie der Zugang zur Geräte-Bibliothek. Letztere kann auf 2 GB Speicherplatz zurückgreifen und zeigt vorhandene Bücher wahlweise in Cover- oder Listenansicht. Eine Sortierung ist nach verschiedenen Kriterien möglich, etwa Autor, Titel oder Aktualität. Drei E-Books sind bereits im Lieferumfang inbegriffen: Franz Kafka - "Die Verwandlung", Gustave Flaubert – "Frau Bovary" sowie Wilhelm Buschs Klassiker "Max und Moritz". Weitere Bücher lassen sich über Shop(s), Computer (Gerät wird als Wechseldatenträger erkannt), Speicherkarte oder Cloud-Space hinzufügen.

Der übrige Start-Bildschirm gehört dem vorinstallierten Büchermarkt und verschiedenen Leseempfehlungen. Der integrierte Shop stammt dabei jeweils von dem Händler, bei dem der tolino shine erworben wurde – zur Auswahl stehen damit Telekom, Hugendubel, Thalia, Bertelsmann "Der Club" und Weltbild. Es kann also nicht schaden, vorab einmal einen Blick auf die jeweiligen Angebote zu werfen. Bei unserem Testgerät fungierte Bertelsmann als E-Book-Quelle - und fiel bei der Registrierung zunächst durch umständliches Handling auf. So schicken die Gütersloher ihre Neukunden erst einmal an den heimischen Rechner. Nur dort ist eine Registrierung für den Shop und den damit verbundenen Cloud-Service möglich. Über den Reader selbst lässt sich dies nicht bewerkstelligen – im Unterschied etwa zu Thalia. Hat man diese Zugangsprozedur überstanden, stehen laut Betreiber rund 300.000 Titel zur Auswahl, darunter ebenfalls diverse Gratis-Bücher.

Browser mit Basis-Features

Völlig reibungslos geht das Stöbern im Bertelsmann-Shop aber auch dann nicht vonstatten. So führt einmal der Link auf eine Leseprobe ins Nichts, ein anderes Mal werden die Blätter-Buttons am Seitenende durch eine Leiste überdeckt und sind daher nicht mehr per Finger erreichbar. Insgesamt besteht bei der Shop-Lösung an vielen Stellen noch Luft nach oben. Keine Probleme gab es beim Kauf von Büchern. Zur Sicherheit und als Bestätigung wird dabei generell die Eingabe des Passwortes verlangt. Erworbene Titel landen anschließend automatisch zunächst auf dem Online-Speicher. Erst bei Aufruf erfolgt der Download auf das Gerät. Gelöschte Bücher verbleiben dauerhaft im Cloud-Archiv und können jederzeit erneut auf den Reader transferiert werden. Bietet der Shop-Betreiber entsprechende Apps an, ist der Zugriff auf den Online-Speicher auch via Smartphone und Tablet möglich.

Insgesamt ist die Aufteilung und Anordnung der Startseite gut gelungen – auch ungeübte Anwender dürften sich auf Anhieb zurechtfinden. Will man dennoch unbedingt ein Haar in der Suppe finden, eignet sich dafür vielleicht der fehlende Direktzugriff auf den Webbrowser. Diesen haben die Entwickler ins Menü verbannt. Für das gelegentliche Surfen auf Nachrichtenseiten oder Wikipedia ist der Internetbetrachter allemal ausreichend; was darüber hinaus geht, überlässt man lieber anderen Mobilgeräten. Als Startseite ist Google fest voreingestellt – geändert werden kann das nicht. Abseits des heimischen WLANs lässt sich überall dort kostenlos im Internet stöbern, wo ein Telekom-HotSpot in Reichweite ist. Der Verbindungsaufbau erfolgt automatisch – ersichtlich über das WiFi-Symbol in der Statusleiste. Im Test gelang das stets zuverlässig.

Eine Übersicht vorhandener Funknetzwerke steht in den WLAN-Einstellungen zur Verfügung. Diese sind ebenfalls im zentralen Menü zu finden – neben Geräte-Konfiguration, Verwaltung von Speicherplatz, E-Book-Shop beziehungsweise Cloud-Zugang und Adobe ID sowie einer vollständigen Bedienungsanleitung. Auch die Firmware lässt sich hier direkt via OTA-Schnittstelle (Over the Air) aktualisieren.

Bequemes Lesen mit einer Hand

Legt man das Gerät zur Seite, wechselt es nach einer im Menü vorab festgelegten Zeit in den Ruhezustand. Bei erneuter Nutzung wird automatisch das zuletzt geöffnete Menü beziehungsweise Buchkapitel aufgerufen. Die Hintergrundbeleuchtung schaltet sich – sofern zuvor aktiviert - ebenfalls selbstständig wieder ein. Wird ein Buch geöffnet, teilt sich der Bildschirm in drei Touch-Funktionsbereiche. Während durch kurzes Antippen der Mitte zusätzliche Optionen sichtbar werden, befinden sich links und rechts die Seitenwechsel-Zonen. Auch dort genügt meist eine leichte Berührung, um zur nächsten beziehungsweise vorherigen Seite zu gelangen.

Wer den shine beim Lesen bequem mit nur einer Hand bedienen möchte, kann alternativ auf eine Wischgeste zurückgreifen, die das Vor- und Zurückblättern mit dem Daumen am linken oder rechten Display-Rand sowohl für Rechts- als auch Linkshänder ermöglicht. Dabei gilt das reale Buch als Vorgabe: Ein Wisch nach links blättert nach vorn und umgekehrt. Im Test funktionierte dies meist zuverlässig, lediglich in einigen wenigen Ausnahmefällen reagierte der Reader etwas verzögert oder erst nach mehrmaligem Versuch auf die Eingabe.

Für PDF-Dateien nur bedingt geeignet

Im Optionsmenü besteht die Möglichkeit, zwischen sechs Schriftarten und sieben Größen zu wählen. Darüber hinaus lassen sich Inhalte auf Facebook teilen, Lesezeichen setzen oder Helligkeitswerte der Hintergrundbeleuchtung regulieren. Auch kann ein Blick ins Inhaltsverzeichnis geworfen, nach Begriffen im Text gesucht oder zu einer bestimmten Seite gesprungen werden. Nicht mit an Bord sind allerdings Standard-Features wie Markierungs-, Notiz- oder Übersetzungsfunktion. Ein Wörterbuch zum Nachschlagen unbekannter Begriffe fehlt ebenfalls. Eine automatische Silbentrennung ist zwar vorhanden, kann vom Nutzer aber nicht konfiguriert beziehungsweise deaktiviert werden. Ergo sucht man noch alles vergebens, was über grundlegende Funktionen hinausgeht. An dieser Stelle haben die meisten Konkurrenzgeräte deutlich mehr zu bieten. Das gleiche gilt für die Formatunterstützung: Mit EPUB (DRM), PDF (DRM) und TXT kann der shine zwar mit den wichtigsten, jedoch nur vergleichsweise wenigen, Dokumenttypen umgehen; bei Bildern muss das Gerät völlig passen.

Auch die PDF-Darstellung gehört nicht unbedingt zu den Stärken des shine. Da der Reader ohne "Reflow"-Funktion auskommen muss, also PDF-Dateien nicht automatisch an die beschränkten Platzverhältnisse des 6-Zoll-Displays angepasst werden, heißt es hier grundsätzlich Scrollen und Zoomen, was das Zeug hält. Ein Wechsel ins Querformat ist nicht möglich. Die Hardware scheint mit dem Adobe-Format zudem gelegentlich etwas überfordert. Beispielsweise bestand die Schrift nach dem Öffnen eines Buches im Test gelegentlich für Bruchteile aus "Pixelmatsch".

Um die Anzeige trotz allem ein wenig komfortabler zu gestalten, haben die tolino-Entwickler einen Sonderweg implementiert: So lassen sich PDF-Titel während des Lesens über das Optionsmenü in TXT-Dateien umwandeln. Dies hat den Vorteil, dass sich anschließend wie bei EPUB-Büchern verschiedene Schriftarten– und –größen wählen lassen und der Text für augenschonende(re)s Lesen an den Bildschirm anpassbar ist. Ohne Nachteile läuft die Konvertierung jedoch leider nicht ab. So werden nicht nur alle Formatierungen eingeebnet, im Versuch fehlte uns bei einem Titel auch gleich eine komplette Buchseite. In einigen Fällen mag die PDF-TXT-Umwandlung daher sinnvoll sein, als Ersatz für eine "Reflow"-Funktion taugt diese nicht. Wer eine E-Book-Bibliothek mit zahlreichen PDF-Titeln sein Eigen nennt, sollte sich also eher bei der Konkurrenz umschauen. Für diese Zwecke besser geeignet ist zum Beispiel Bookeens HD FrontLight, der ebenfalls bei Thalia erhältlich ist.

Beim Thema Akkulaufzeit sind die Unterschiede zu den Wettbewerbern hingegen marginal: Laut Hersteller läuft der shine pro Energieladung bis zu sieben Wochen. Ähnliche Werte führen auch Amazon, Kobo oder Bookeen für ihre Leucht-Reader an. Wirklich vergleichbar sind diese freilich nicht – ein einheitliches Messverfahren fehlt. Teilweise bleibt zudem unklar, unter welchen Bedingungen die angeführten Laufzeitwerte zustande kommen - so auch beim tolino shine. Eine genaue Überprüfung der Angaben war während unseres Tests aufgrund der Kürze der Zeit nicht möglich.

Fazit: Einstand nicht perfekt, aber gelungen

Summa summarum ist der tolino shine immer dann eine gute Wahl, wenn es darum geht, auch unterwegs häufiger E-Books auf das Gerät zu laden oder per Browser kurz ins Internet zu schauen; ein Amazon-Reader mit UMTS-Anbindung aufgrund des geschlossenen Kindle-Ökosystems oder höheren Preises aber nicht in Frage kommt.

Durch Unterstützung des weit verbreiteten EPUB-Formates lassen sich E-Books aus verschiedenen Shops beziehen oder bequem ausleihen – eine Bindung an einen einzigen Anbieter gibt es nicht. Begrenzt beeinflussen lässt sich zudem, welcher Shop auf dem Gerät fest vorinstalliert ist. Nichts zu meckern gibt es bei Verarbeitung und Haptik; der kostenfreie Zugriff auf mehr als 11.000 Telekom-HotSpots ist ein zusätzliches Extra, das seinesgleichen sucht.

Grobe Schwächen zeigt der tolino-Reader zwar nicht, allerdings werden zumindest bisher nur wenige E-Book-Formate unterstützt und auch die allgemeine Performance lässt hier und da zu wünschen übrig. Zahlreiche Standard-Features wie eine Markierungs- und Notizfunktion oder ein Wörterbuch fehlen ebenfalls. Ob der Hersteller hier noch nachlegt, bleibt abzuwarten. Ausführung und Stabilität der Firmware des Testgerätes gaben derweil nur wenig Anlass zur Kritik. Lediglich in einem Fall ließ sich der Reader trotz halbvollem Akku ohne ersichtlichen Grund nicht mehr aus dem Ruhezustand erwecken – nach einem Neustart, der durch die Stromzufuhr via Ladekabel ausgelöst wurde, lief wieder alles normal. Solche Kinderkrankheiten dürften sich schnell beheben lassen. Alles in allem macht der shine seine Sache gut: Einstand nicht perfekt, aber gelungen. Ob das reicht, um Kindle und Co. gefährlich zu werden, muss sich aber noch zeigen.

(Christian Wolf)

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