Testbericht

Condor BoardConnect im Test

Mit dem BoardConnect nutzt Condor als eine der ersten Airlines weltweit eine von Lufthansa Systems entwickelte WLAN-Lösung, die Filme und Musik auf persönliche Endgeräte von Passagieren streamt.

Mit dem BoardConnect nutzt Condor als eine der ersten Airlines weltweit eine von Lufthansa Systems entwickelte WLAN-Lösung, die Filme und Musik auf persönliche Endgeräte von Passagieren streamt.

Laptop© Micha Bednarek / Fotolia.com

Frankfurt Flughafen, Sonntag, 15 Uhr. Eigentlich sollte Condor Flug DE 7228 pünktlich in Richtung Rhodos abheben, doch eine kleine Sensorbox lässt keinen pünktlichen Start zu. Erst nach einem Austausch gibt der Kapitän nach einem erneuten Check der Systeme grünes Licht für den Jungfernflug des Condor BoardConnect. Anders als der Name vielleicht vermuten lässt, handelt es sich dabei (noch) nicht um eine Lösung, die Internetverbindungen an Bord eines Flugzeugs ermöglicht, sondern um einen Streaming-Dienst, der Filme, Dokumentationen, TV-Serien und Musik von einem Server im Flugzeugbauch per WLAN auf Smartphones, Tablets und Notebooks überträgt.

Zunächst nur eine BoardConnect-Maschine

Ab Mitte September wird die BoardConnect-Lösung, die zusammen mit Lufthansa Systems entwickelt wurde, in zunächst einer Boeing 767-300 von Condor (D-ABUZ) auf Langstrecken-Verbindungen getestet. Erst im Anschluss an die bis zum Jahresende dauernde Testphase soll nach Auswertung von Kundenbefragungen entschieden werden, ob noch weitere Jets entsprechend aufgerüstet werden. Wichtig für alle Interessierten: bis auf Weiteres steht BoardConnect, das sozusagen eine Art Intranet im Flugzeug ist, nur Nutzern zur Verfügung, die einen Rechner mit Silverlight-Unterstützung nutzen oder über ein Endgerät mit iOS-Betriebssystem (iPad, iPod Touch, iPhone) verfügen. Erst in einigen Wochen wird es auch eine App für Android-Nutzer geben.

Doch hält das BoardConnect tatsächlich das, was es verspricht? Um es kurz zu machen: durchaus! Sowohl auf dem Notebook als auch auf dem iPhone und den im Flugzeug in einer kleinen Anzahl leihweise zur Verfügung gestellten iPads war eine störungsfreie Nutzung ohne Ruckler möglich. Allerdings wurde das System während unseres Testfluges nur von einigen wenigen Journalisten genutzt und nicht etwa von einem Großteil der Passagiere. Gleichwohl versprechen Condor und Lufthansa Systems, dass über die in der Kabine installierten WLAN-Access Points theoretisch alle 260 Passagiere an Bord der Boeing 767 parallel auf das Audio- und Video on Demand-Angebot zugreifen können.

Momentan wird Zugriff auf 20 Filme gewährt, die aber alle schon ein wenig älter sind. Auswählbar sind zum Beispiel Streifen wie "Rio", "Black Swan" oder "127 Hours". Ergänzend dazu sind einzelne Folgen von TV-Serien wie "Futurama", "Simpsons" und "How I Met Your Mother" zu sehen – alles jeweils auf Deutsch oder Englisch. Das Audio-Angebot umfasst nicht nur ein spezielles Radio-Programm von Condor, sondern auch 26 Musikalben verschiedener Künstler. Mit von der Partie sind zum Beispiel Lady Gaga, Beyonce, David Guetta oder auch Hansi Hinterseer.

Hollywood erwartet Schutzmaßnahmen

In welchem Zeitraum Aktualisierungen der bereitgestellten Inhalte erfolgen, kann Condor selbst entscheiden. Bei Filmen müssen in Zukunft jedoch unter bestimmten Umständen Einschränkungen in Kauf genommen werden. Denn wenn ein an Bord gezeigter Film noch im Kino läuft, darf Condor ihn nicht für das Streaming auf von Passagieren selbst mitgebrachten Endgeräten freischalten. Nur die an Bord erhältlichen iPads, die mit einer speziellen Hülle vor Mitschnitten jeglicher Art geschützt sind, können grundsätzlich alle Inhalte abspielen. Dieses Zugeständnis musste Condor machen, um die Bedenken der Filmstudios aus Hollywood zu zerstreuen, wie Sandra Hammer, Sprecherin von Lufthansa Systems, erklärt.

Die Leih-Tablets sind speziell auf die Nutzung des BoardConnect zugeschnitten. Installiert ist praktisch nur eine einzelne App namens Fly-fi, die Zugriff auf die System-Oberfläche des Streaming-Angebots gestattet. Da das Tablet nur für das WLAN-Streaming genutzt werden soll, wird es an Passagiere mit der bereits gestarteten Applikation übergeben. Das Auswählen anderer iPad-Funktionen ist nicht möglich, da die Schutzhülle unter anderem auch die Home-Taste verdeckt.

Schweres Pad mit Stand-Funktion

Insgesamt sind die in das Case gehüllten iPads vergleichsweise schwer. Aus diesem Grund wurde bei der Entwicklung auch gleich ein Stand-Vorrichtung integriert, mit der das Tablet (nur) im Querformat zum Beispiel auf dem kleinen Esstisch platziert werden kann.

Abstriche müssen Passagiere bei der Qualität des zur Verfügung stehenden Videomaterials machen. Wer eine HD-Auflösung erwartet, wird schnell auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Zwar will Norbert Müller, Leiter Programm-Management BoardConnect bei Lufthansa Systems, keine Angaben dazu machen, in welcher Auflösung die Filme bestenfalls übertragen werden können, versichert aber, dass sich die Bitrate automatisch an die Menge der parallelen Stream-Abrufe anpasst. Automatisch werden alle Audio- und Video-Verbindungen unterbrochen, sobald eine Lautsprecherdurchsage durch die Kabinenbesatzung oder einen der beiden Piloten erfolgt.

Wurde ein Film einmal gestartet, ist es jederzeit möglich, vor- oder zurückzuspulen. Auch der Wechsel von der deutschen auf die englische Tonspur oder umgekehrt wird angeboten. Die Lautstärke ist wahlweise über den Touchscreen oder über die entsprechenden Lautstärketasten der Apple-Hardware anpassbar. Schade: wer ein Notebook nutzt, muss bei vielen Inhalten auch im Vollbildmodus mit schwarzen Rändern leben. Außerdem wird oft im 4:3- statt im geläufigeren 16:9-Format übertragen. Dafür ist die Menüführung über die Browser-Oberfläche noch ein bisschen übersichtlicher gestaltet als auf mobilen Endgeräten.

Lufthansa Systems testet das BoardConnect auch mit anderen Airlines

Ob Condor irgendwann in Zukunft auch Internet an Bord gestattet, ist nach Angaben von Condor-Sprecher Johannes Winter zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht absehbar. Viele Faktoren würden bei einer Entscheidung eine Rolle spielen. Theoretisch ist das BordConnect auch für Internetverbindungen gerüstet, allerdings fehlt es den Condor-Maschinen an der notwendigen Antennentechnik. Lufthansa Systems ist derweil dabei, das BordConnect auch mit anderen Fluggesellschaften zu testen. Zum Beispiel mit der australischen Qantas oder Virgin America.



Viel Wert legt Lufthansa Systems auch auf umwelttechnische Aspekte. Eine Boeing 767-300 spart dem Vernehmen nach 80 Tonnen Kerosin pro Jahr, wenn auf die BoardConnect-Lösung statt auf verkabelte Inseat-Monitore gesetzt wird. Dank eines geringen Installationsaufwandes eignet sich die Lösung nicht nur für Langstreckenjets, sondern auch für kleinere Flugzeuge wie die A320-Familie von Airbus oder die Boeing 737. Zudem hat jede Airline die Möglichkeit, die Inhalte und das Design der BoardConnect-Oberfläche individuell zu gestalten. So ist es zum Beispiel auch denkbar, das Einkaufen an Bord über das WLAN-System zu steuern, die Bestellung von Getränken zu ermöglichen oder Informationen zu Umsteigemöglichkeiten zu integrieren.

Auf welchen Strecken die BoardConnect-tauglische Boeing 767-300 von Condor unterwegs ist, kann in Kürze auf der Condor Homepage eingesehen werden.

(Hayo Lücke)

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