Testbericht

Apple iPod nano mit Videokamera im Test

Der iPod nano kann jetzt auch Videos drehen? Für mich ein Grund, als jahrelanger MP3-Player-Nutzer mal ein Apple Gerät zu testen.

Apple© Apple
Kennengelernt habe ich ihn im Internet. Es ist jetzt über zwei Jahre her. Wie mittlerweile üblich, habe ich seinen Namen in eine Suchmaschine eingetippt, um zu sehen, was andere über ihn sagen. Als wir uns dann nach ein paar Tagen zum ersten Mal persönlich getroffen haben, habe ich sofort gemerkt: Es passt! Seitdem kann ich gar nicht mehr auf meinen MP3-Player verzichten. Von Apple habe ich bislang die Finger gelassen, das soll sich aber jetzt ändern: Ich teste den neuen iPod nano mit größerem Display und Videokamera (5. Generation), den Apple Anfang September vorgestellt hat.

Inhalt:

1. Schlanke Erscheinung, Top-Feature: Videofunktion
2. Bedienung: Streicheln und schütteln
3. iTunes, Klang, Display und Extras
4. Laufzeit, Fazit, Info-Tabelle

Ipod nano in grün mit 16 GB

Als iPod-Neuling ist für mich schon die schlichte Verpackung ungewohnt. Weiß und Grau sind die einzigen Farben, Apple hat keine nach Aufmerksamkeit haschende Feature-Liste aufgedruckt und lediglich Speicherplatz und Farbe – in unserem Fall 16 Gigabyte (GB) und green - auf die Unterseite gepresst. Ladekabel und Ohrhörer, beide ganz und gar nicht unerwartet weiß, umhüllt ebenso wie den Dock-Adapter für das Universal Dock transparentes Plastik. Netzteil und Schutzhülle gibt der Lieferumfang nicht her. Ein Kurzanleitung findet sich als Druckwerk, die Bedienungsanleitung lässt sich als PDF über die Apple-Website ansehen.

"Ist der dünn"

Der mit 6,2 Millimetern (mm) erstaunlich dünne Player ist 90,7 mm lang und 38,7 mm breit. Mit nur 36 Gramm gehört er auf den Videospieler-Markt wohl der Gewichtsklasse "Halbfliegengewicht" an. Zu seinen Fähigkeiten gehören neben der Musikwiedergabe auch eine Videoabspielfunktion und – ganz neu – eine Videokamera, der Apple noch 15 verschiedene und durchaus unterhaltsame Effekte aufgetischt hat, zum Beispiel Röntgenbild-Look, Cyborg und einen Antik-Effekt. Die Kamera startet mit dem vom iPhone bekannten Shutter-Bild.

Was ich beim ersten Blick durch das Menü schon ahnte, festigt sich: Die Kamera ist tatsächlich eine reine Videokamera, Fotos können nicht aufgenommen werden. In einem Interview mit der New York Times begründete Apple-Chef Steve Jobs die fehlende Funktion mit den Sensoren, die für Standbilder nötig seien. Diese wären dicker als die Video-Sensoren und würden nicht in das dünne Gehäuse passen.

Das Video zeigt das Toshiba Netbook NB200-110 - gefilmt mit dem iPod nano - bei eher ungünstigen Lichtverhältnissen:

Die Kamera zeichnet Videos mit 640x480 Pixel und bis zu 30 Bildern pro Sekunde auf. Um die Qualität besser beurteilen zu können, habe ich ein Video des iPod nano mit dem einer Casio Exilim EX-Z1080 (rund 150 Euro, 25 Bilder pro Sekunde) verglichen: Der iPod entspricht der mittleren Qualitätsstufe meiner Digicam, die besten Ergebnisse gibt es bei gutem Wetter beziehungsweise guter Ausleuchtung. Was mich stark wundert, ist die Anordnung der Linse. Wenn man den iPod nano wie ein Handy hält, was ja angesichts der Form und der Bedienelemente nicht nur bei mir so sein dürfte, wird sie komplett von der Hand verdeckt. So bin ich gezwungen, das filigrane Stück Technik nur an den Ecken anzufassen. Um die Effekte zu finden, muss man ein bisschen um die Ecke denken: Den Auslöser einfach gedrückt halten.

Navigation mit dem Click Wheel

Einschalten kann man den iPod nano mit einem runden, silbernen Knopf, wie ich schnell feststelle, dient er aber nicht zum Ausschalten. Laut Handbuch ist er nur für die Hold-Funktion zuständig, zum Abstellen muss die 4-Wege-Taste (Click Wheel) gedrückt werden, und zwar Play/Pause. Das Menü hält sich mit grauer Schrift auf weißem Hintergrund exakt an Apples Corporate Design, bunte Icons, geschweige denn farbige Menü-Layouts, gibt es nicht.

iPod nano mit Cover Flow - wie Safari

Um auf und ab zu scrollen, kann das Bedienrad als Touchfläche genutzt werden. Was ich bei vollgepackten Ordnern zunächst vermisse, ist eine Schnell-Scrollfunktion. Um sich komfortabler durch eine Riesen-Musikauswahl zu klicken, die sich ja auf 16 GB durchaus ablegen lässt, muss aber nur der Daumen schnell über das Click Wheel streichen – dann kann von einem zum nächsten Buchstaben gewechselt werden. Eine weitere Möglichkeit zur Navigation ist Cover Flow, bekannt durch Apples Browser Safari 4. Die dritte Version erinnert an den SanDisk Sansa Shaker (Test). Wer den iPod schüttelt, wechselt Songs im Shuffle-Modus. Hat man komplett den Überblick verloren, ab zur Suchfunktion – praktisch.

Wer iPod sagt, muss auch iTunes sagen

Bevor ich aber meinen Apple-jungfräulichen Windows-Computer mit dem iPod nano verkupple, um Songs zu laden, muss zunächst iTunes, Anfang September auf Version 9 aufpoliert, installiert werden. Nach einem Neustart unterbreitet mir iTunes einen gehaltvollen Software-Lizenzvertrag und fragt mich nach einer Apple ID. Wer keine hat, landet auf dem Formular für die iPod-Registrierung. Wer jetzt denkt, mit Seriennummer und Kaufdatum wäre die Sache gegessen, irrt. Das nach einem Stück Obst benannte Unternehmen serviert mir stattdessen eine Art Bewerbungsbogen und fragt mich nach meiner Telefonnummer, meinem Beruf und – wie unhöflich – meinem Alter. Aber: Alle Angaben sind freiwillig.
Jetzt schlägt mir die Software VoiceOver vor, was mir während des Musikhörens Interpret und Titel ansagen kann. Hört sich gut an, nehm ich. Zurück zu iTunes: Das Programm ist nicht schwierig zu bedienen, wie die Synchronisation der Inhalte funktioniert, erklärt sich von selbst. Der Daten-Abgleich ist automatisch oder manuell möglich, mir ist letzteres lieber. Beim Versuch, ein selbstgedrehtes Video auf den PC zu übertragen, kam ich mit iTunes aber nicht weiter. Ein Blick ins Handbuch lehrt, dass hierzu der iPod als Festplatte aktiviert werden muss - direkt in iTunes. Dort versteckt sich auch die Option, Daten vom iPod auf einem Fernseher auszugeben. Hierzu ist aber ein gesondertes, mindestens 40 Euro teures Kabel notwendig. Da hier der iPod und nicht iTunes die Hauptrolle spielt (mehr Infos liefert ein Vergleich von iTunes und Amazon MP3), möchte ich nur kurz ein paar Funktionen aufzählen: Radiosender über das Web anhören, CDs importieren, Songtexte hinzufügen und sich automatisch Playlists zusammenstellen lassen, die den Musikgeschmack treffen sollen (= Genius).

Ipod? Klingt gut!

Apple listet eine Reihe kompatibler Audioformate auf, WMA natürlich nicht. Songs in diesem Format können aber via iTunes konvertiert werden. Die Soundqualität des iPod gefällt mir, auch die Ohrhörer sind angenehm - obwohl sie nicht so aussehen - und sitzen erstaunlich fest. Im Vergleich mit meinem MP3-Player klingt das Apple Gespann in meinen Ohren etwas anders. Die einzelnen Klänge wirken auf mich getrennter, doch es fehlt mir persönlich etwas an Bass und Fülle. In den zahlreichen Equalizer-Einstellungen lässt sich zwar auch der Bass aufdrehen, dann wirkt der Sound aber etwas dumpf. Meine heimische Kabelkiste gibt noch ein Paar brandneue In-Ear-Ohrhörer für Bass-Fetischisten her: für mich die perfekte Kombination, aber natürlich Geschmackssache. Übrigens: Auch der standesgemäße Lautsprecher, um andere Menschen an öffentlichen Plätzen zu nerven, ist dabei. Umgehauen hat mich die Qualität nicht, mein Handy klingt deutlich besser und ist lauter.

Display, Spiele und Extras

Das Display hat Apple mit der neuen iPod nano Generation auf 2,2 Zoll bei 240x376 Bildpunkten erhöht, die Qualität ist gut. Mittels Sensor erkennt der iPod nano, ob er waagerecht oder senkrecht gehalten wird und dreht Fotos oder Cover Flow entsprechend, Videos hingegen nicht. Wie genau der Sensor arbeitet, verdeutlicht eins von drei mitgelieferten Games – ein Geduldspiel, bei dem der Nutzer einen Ball in verschiedene Tore bugsieren muss.

Zusätzlich sponsort der iPod nano ein Mikrofon für Sprachaufzeichnungen und einen Schrittzähler, den Besitzer von Nike+ Schuhen mit Sensor zum an-die-Innensohle-kleben auch fürs Training nutzen können. Unter dem Punkt Extras finde ich noch Kalender, Wecker und Stoppuhr sowie eine Möglichkeit Kontakte und Notizen über iTunes zu importieren. Die ebenfalls enthaltene Radiofunktion sucht Sender über einen einblendbaren Drehregler und ersetzt Speicherplätze durch Favoriten. Zwei Besonderheiten: Radiosendungen lassen sich stoppen und innerhalb von 15 Minuten ohne Unterbrechung fortsetzen und ich kann Tracks aus dem Radio kennzeichnen, um sie später bei iTunes zu finden und zu kaufen. Wiedergabelisten werden ebenfalls unterstützt, sie können vorab in iTunes oder unterwegs direkt am iPod erstellt werden (on-the-go).

Zugegeben, die iTunes-Installation und der Synchronisations-Zwang haben mich zunächst abgeschreckt. Ich habe mich schließlich an das unkomplizierte Drag&Drop gewöhnt. Im Test schaufelte iTunes rund 500 Megabyte Musik im MP3-Format aber schneller auf den iPod als der Windows Explorer auf meinen MP3-Player (70 gegen 90 Sekunden). Und noch mehr Zeitangaben – mit Blick auf den Akku: Laut Apple musiziert der iPod nano bis zu 24 Stunden, ich habe etwa 19 Stunden gemessen (mittlere Lautstärke, Energiespareinstellungen). Videos sollen bis zu fünf Stunden abspielbar sein, was ich bestätigen kann.

Fazit: Tolles Produkt, aber mir fehlt die Fotofunktion.

Nach ein paar Tagen mit iPod statt MP3-Player habe ich mich an Äpfel, iTunes und weiße Ohrhörer-Kabel gewöhnt. Die Videoaufnahmefunktion des iPod nano ist auf jeden Fall ein Schritt nach vorne – endlich gibt es auf dem Player-Markt wieder etwas Neues, aber: Warum muss sich die Kamera auf Videos beschränken? So muss ich trotzdem ein Fotohandy oder die Digitalkamera einstecken, schade. Wen dies nicht stört, der wird mit dem iPod nano mehr als zufrieden sein. Über die Bedienung fälle ich das Urteil: Einfach, wenn man weiß, wie. Intuitiv ist das Handling zwar fast immer, tiefergehende Funktionen schubsten mich als iPod-Neuling aber in Richtung Handbuch, was auch an iTunes liegt. Die Qualität stimmt, und zwar sowohl beim Display als auch beim Sound und der Verarbeitung.

Name: iPod nano (5. Generation)
Hersteller: Apple
Internet: www.apple.de
Preis: 8 GB: 139 Euro, 16 GB: 169 Euro
Technische Daten:
Speicher: 8 oder 16 GB Flashspeicher
Abmessungen: 90,7 x 38,7 x 6,2 mm Millimeter
Gewicht: 36,4 Gramm
Dateiformate: Audio: AAC (8 bis 320 KBit/Sek.), Protected AAC (aus dem iTunes Store), HE-AAC, MP3 (8 bis 320 KBit/Sek.), MP3 VBR, Audible (Formate 2, 3, 4, Audible Enhanced Audio, AAX und AAX+), Apple Lossless, AIFF, WAV
Video: H.264 VGA Video (bis zu 30 Bilder pro Sek. mit AAC-Audio)
Foto: TIF, GIF, JPG, BMP (alles via iTunes)
Akkulaufzeit: Musik: ca. 19 Stunden (Hersteller: 24 Stunden),
Video: 5 Stunden (Hersteller: 5 Stunden)
Lieferumfang: Player, Ohrhörer, USB-Kabel, Dock-Adapter, Kurzanleitung
Besonderheiten: Videokamera, Videoplayer, Radio, Aufnahmefunktion
Pro & Contra:
Top-Design
sehr leicht und dünn
Videokamera
Spiele
verhältnismäßig großes Display
Gimmicks wie Filter, VoiceOver, Schüttelfunktion
TV-Ausgabe (nur mit Extra-Kabel)
keine Fotofunktion
unglückliche Anordnung der Kamera-Linse
kein Netzteil und keine Tasche dabei
keine Radioaufnahme
iTunes-Zwang
Bewertung:
Klang (25%): sehr gut
Display/Bildqualität (20%): gut
Laufzeit (15%): befriedigend
Funktionsumfang (10%): gut
Bedienung (15%): gut
Formatunterstützung (10%): befriedigend
Gewicht/Maße (5%): sehr gut
Gesamtnote: gut (2,0)
Preis-Leistung: gut

(Saskia Brintrup)

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