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Wikileaks: Enthüllungsnetzwerk im Fokus

Mit den unter anderem im Magazin "Der Spiegel" veröffentlichten geheimen Dokumente des US-Militärs über den Afghanistan-Krieg, hat die Internetplattform Wikileaks wieder für Aufsehen gesorgt.

Internet© Gina Sanders / Fotolia.com

Dem "Spiegel" ebenso wie der amerikanischen "New York Times" und dem britischen "Guardian" lag seit Juni ein elektronisches Kriegstagebuch der US-Militärs aus den Jahren 2004 bis 2009 vor. Es umfasst insgesamt 91.731 Dokumente über den Afghanistan-Krieg, die von Soldaten vor Ort verfasst und vom Militär als geheim eingestuft wurden. Das Enthüllungsnetzwerk Wikileaks hatte das, von den drei Verlagen als authentisch eingestufter Material zur Verfügung gestellt und die gesammelten Dokumente nun ins Netz gestellt.

Brisante Dokumente öffentlich machen

"Spiegel"-Chefredakteur Georg Mascolo sieht in der Veröffentlichung der Afghanistan-Protokolle auf der Basis von Quellen des Internetportals Wikileaks einen Sonderfall. "Das wird nicht die Regel werden, was natürlich nicht heißt, dass es keine weiteren Fälle dieser Art geben kann", sagte Mascolo der Nachrichtenagentur dpa am Montag in Hamburg. "Der Eindruck, dass das Material authentisch ist, ist schnell entstanden, als unsere Fachleute in Redaktion und Dokumentation mit dem Material gearbeitet haben", berichtete Mascolo.

Die Betreiber von Wikileaks machen brisante und heikle Dokumente aus anonymen Quellen öffentlich zugänglich. Dass der Name an Wikipedia erinnert, ist gewollt: Wie bei dem großen Mitmach-Lexikon kann jeder etwas veröffentlichen. Bei Wikileaks geht es speziell um geheime Dokumente, das englische Wort "leak" bedeutet "undichte Stelle".

Die Idee dahinter: Kritische Journalisten und Blogger sollen die geheimen Informationen aufgreifen und die Öffentlichkeit informieren. Die Informanten werden auch als "Whistleblower" (Hinweisgeber) bezeichnet. Die Macher von Wikileaks bezeichnen ihre Plattform als unzensierbar - eine komplexe technische Infrastruktur soll gewährleisten, dass die Dokumente nach Veröffentlichung nicht mehr zu löschen sind. Das Material gelangt auf unterschiedlichen Wegen zu den Mitarbeitern, am häufigsten über die Website Wikileaks.org.

Undichte Stelle im Internet

Zunächst nannte Wikileaks als primäres Ziel, "von Unterdrückung geprägte Regime" zu unterwandern. Schlagzeilen machen allerdings vor allem Veröffentlichungen aus der westlichen Welt. Zuletzt im April: Die Plattform veröffentlichte ein Video, in dem zu sehen war, wie US-Soldaten von einem Helikopter aus wehrlose Menschen auf dem Boden erschossen.

Auch brisante Dokumente aus Deutschland stehen online - seit November 2009 etwa der einst unter Verschluss gehaltene Mautvertrag zwischen der Bundesregierung und dem Betreiberkonsortium Toll Collect. Über Jahre hatten Journalisten und Bundestagsabgeordnete vergeblich versucht, Einsicht in den Vertrag zu bekommen.

Im Visier der Geheimdienste

Mit ihrer Arbeit machen sich die Wikileaks-Aktivisten bei Regierungsbehörden und Streitkräften keine Freunde. Sie selbst und auch Experten gehen davon aus, dass die Organisation im Visier der Geheimdienste steht. Die meisten Mitarbeiter treten daher nur mit Pseudonym in die Öffentlichkeit.

Die Betreiber treten zwar für Transparenz ein, über sich selbst geben sie indes kaum etwas preis. Hinter dem Projekt steckt eine Non-Profit-Organisation namens The Sunshine Press - über die allerdings auch nicht viel bekannt ist. Die Organisation selbst erklärt, sie sei unter anderem von Menschenrechtsaktivisten, Journalisten und Anwälten ins Leben gerufen worden. Als führender Kopf von Wikileaks gilt der Aktivist Julian Assange.

Mit seinen schlohweißen Haaren sieht Julian Assange viel älter aus als 39 Jahre. Doch der Chef von Wikileaks ist ein Kind der siebziger Jahre. Als Jugendlicher wählte er sich mit seinem Heim-Computer, einem Commodore 64, nicht nur in Mail-Box-Systeme ein, sondern brach auch in Netzwerke von Unternehmen und Behörden ein. Schon damals hatte er amerikanische Militärrechner im Visier. Der Australier möchte sich heute nicht mehr "Hacker" nennen lassen. "Dieses Wort ist inzwischen vor allem mit der russischen Mafia verknüpft, die die Bankkonten Ihrer Großmutter plündern möchten", sagte Assange kürzlich auf der Medienkonferenz "TED" in Oxford. "Ich bin ein journalistischer Aktivist."

Gruppe von Aktivisten

Als eine Gruppe von Aktivisten versteht Assange auch das Enthüllungsnetzwerk Wikileaks, das im Jahr 2007 von ihm gegründet wurde. Dort werden geheime Dokumente veröffentlicht, die nach Ansicht von Assange und seinen Mitstreitern dazu beitragen, dass die Welt besser wird. "Großherzige Menschen schaffen keine Opfer, sie kümmern sich um Opfer", erläutert Assange seine Motive. "Ich selbst bin eher ein kämpferischer Typ. Zu meinen Stärken gehört nicht unbedingt die Fürsorge. Man kann sich aber auch um die Opfer kümmern, in dem man die Täter verfolgt."

In die Kategorie "Täter" gehören aus Sicht von Assange auch die Militärs, die in Konflikten unbeteiligte Zivilisten töten. Großes Aufsehen erregte Wikileaks mit der Veröffentlichung des Bordvideos eines amerikanischen Kampfhubschraubers aus dem Jahr 2007. In dem Video aus Bagdad war deutlich zu sehen, wie elf zivile Passanten ­ darunter zwei Mitarbeiter der Nachrichtenagentur Reuters ­ aus dem Hubschrauber heraus erschossen wurden.

Seitdem tauchen immer wieder Gerüchte auf, dass US-Geheimdienste Julian Assange und seinen Mitstreitern nachstellen. Um Agenten der amerikanischen Heimatschutzbehörde aus dem Weg zu gehen, sagte der Australier erst vor zwei Wochen einen lange geplanten Auftritt auf einer Konferenz in New York ab. Dem Magazin "New Yorker" sagte er, er lebe zurzeit auf Flughäfen. Selbst in Europa fühlt Assange sich unter Beobachtung: "Wir haben hier in den letzten Monaten einige Vorfälle entdeckt", sagte der Wikileaks-Chef vor einer Woche der "Süddeutschen Zeitung".

Finanzierung über Spenden mühsam

Weltverbesserung ist ein mühsames Geschäft - das wissen die Macher von Wikileaks. Ihre Internet-Plattform soll helfen, den Mächtigen genauer auf die Finger zu schauen. Doch die nötigen Spenden für Server und Köpfe aufzubringen, fällt der geheimnistuerischen Organisation schwer. Ihr neuester Coup mit der Veröffentlichung von US-Militärdokumenten über den Afghanistan-Einsatz könnte helfen, die Finanzierung für die nächsten Jahre sicherzustellen.

Im vergangenen Herbst sah es finanziell düster aus für Wikileaks: Über ein Spendenkonto bei der Wau-Holland-Stiftung aus dem Umfeld des deutschen Chaos Computer Clubs kamen lediglich 2.000 bis 3.000 Euro pro Monat zusammen. Das war viel zu wenig, um den aufwendigen Betrieb der Serverplattform und die Reisekosten des Enthüllungsnetzwerks zu finanzieren ­ von Gehältern für die Vollzeit-Beschäftigten des Projekts ganz zu schweigen.

"Das Spendenvolumen ist immer dann hoch, wenn Menschen bewusst verstehen, dass das, was wir machen, wichtig ist", sagt Daniel Schmitt, der die Organisation in Deutschland vertritt und wie die meisten seiner konspirativen Kollegen seinen richtigen Namen nicht nennen will. "Wir brauchen jemanden, der den Zugang zum Material aufmacht ­ und das sind die klassischen Medien." Sei das Thema erst bekannt, falle es Laien leichter, sich das Originalmaterial anzusehen und durchzustöbern, ist sich Schmitt sicher. Je mehr Menschen die Plattform nutzen, desto mehr spenden auch - auf diesen Effekt, der auch vom Online-Lexikon Wikipedia bekannt ist, hoffen die Macher.

Kritiker vermissen redaktionelle Kontrolle

Renommierte Medien wie die Zeitungen "New York Times" und "Guardian" oder eben auch das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" greifen mittlerweile immer wieder auf Dokumente von Wikileaks zurück. Kritiker vermissen allerdings eine redaktionelle Kontrolle. Um keinen Fälschungen aufzusitzen, prüfen die Mitarbeiter alle Dokumente vor der Veröffentlichung, so gut sie eben können. Das entbindet Journalisten aber nicht von der Pflicht, selbst nachzurecherchieren.

In einem Artikel der "taz" hieß es über Wikileaks: "Konsequent zu Ende gedacht müsste irgendwann auf Wikileaks ein Dokument auftauchen, das die Namen der angeblich nur fünf Hauptamtlichen und um die 1.000 freien Mitarbeiter offenlegt."

(Michael Posdziech)

Quelle: DPA

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