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Razzia: Ermittlungen gegen die GVU

Bei einer groß angelegten Polizeiaktion am Dienstagmorgen war ausgerechnet die Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen (GVU) selbst im Visier der Fahnder.

Internet© rajareddy / Fotolia.com
Die "Operation Boxenstopp" sollte für die Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen (GVU) ein weiterer Ermittlungserfolg gegen die Dank der weiten Verbreitung von Breitband-Internet durch DSL immer beliebtere Filmpiraten-Szene werden. Im Rahmen der Polizeiaktion durchsuchten hunderte Beamte am Dienstagmorgen zahlreiche Privatwohnungen und Geschäftsräume in mehreren Ländern. Die GVU hatte die Ermittlungen auch in diesem Fall unterstützt. Doch gerieten die Hamburger Piratenjäger diesmal selbst ins Visier der Fahnder. Die Staatsanwaltschaft Ellwangen verdächtigt die private Organisation, die Verbreitung so genannter Warez aktiv unterstützt zu haben.

Schwerer Schlag

Tatsächlich ist den Urheberrechtsschützern heute erneut ein schwerer Schlag gegen die Szene gelungen. Betroffen waren unter anderem die so genannten "Boxen" großer Release-Groups wie GTR, GWL, MRM und ECP sowie die Pay-Server "Klapsmühle" und "Paradise Beach". Das geht auch aus einer Pressemitteilung der GVU vom heutigen Dienstag hervor. Nach einer gemeinsamen Recherche von onlinekosten.de und dem Computermagazin "c't" waren diesmal aber nicht nur Warez- und Release-Groups Gegenstand der Ermittlungen.

Was nur kurz am Ende der offiziellen GVU-Mitteilung steht: Die Fahnder schlugen auch bei der GVU zu. So haben die Ermittler heute neben den Hamburger Geschäftsräumen der GVU auch die Wohnung eines hochrangigen GVU-Mitarbeiters durchsucht. Die GVU bestätigte die Durchsuchung der Büros kurz und erklärt den Polizeibesuch damit, dass die Behörden von der GVU ermittelte Informationen offenbar "verifizieren" wollten.

Durchsuchung bei der GVU

Den Redaktionen von onlinekosten.de und der c't liegt die inzwischen aus anderer Quelle bestätigte Aussage eines GVU-nahen Informanten vor, nach der mindestens einer der heute in Frankfurt beschlagnahmten Server mit Unterstützung von GVU-Mitarbeitern betrieben worden sei. Weiterhin soll zumindest einer der beiden GVU-Geschäftsführer von diesen Vorgängen Kenntnis gehabt haben. Diesem Verdacht geht auch die federführende Staatsanwaltschaft Ellwangen nach und erhofft sich von der Durchsuchung gesicherte Erkenntnisse zur Finanzierung der Server und der genauen Rolle der GVU.

"Die GVU ermittelt Urheberrechtsverletzungen im Bereich Film- und Entertainmentsoftware und unterstützt die Strafverfolgungsbehörden", heißt es auf der offiziellen Website der Gesellschaft. Unterstützung erhält sie dabei unter anderem von der Filmwirtschaft. Sollten also ausgerechnet GVU-Mitarbeiter an der illegalen Verbreitung urheberrechtlich geschützten Materials beteiligt sein?

Bei ihren eigenen Ermittlungen hat die Organisation in der Vergangenheit wiederholt mit Informanten aus der Szene zusammen gearbeitet. Nach den Recherchen von onlinekosten.de und der c't wurden diese verdeckten Ermittlungsmethoden zuletzt offenbar ausgeweitet. Danach soll die GVU Hardware für zumindest einen der in Frankfurt beschlagnahmten Server finanziert und dem in der Szene bekannten Administrator der Box regelmäßig Geldbeträge zukommen lassen haben.

Undercover

Leistungstarke FTP-Server wie der in Frankfurt ausgehobene Rechner "IOH" (Island of Hope) werden von verschiedenen Release-Groups zum Tausch von Bild- und Tonmaterial sowie zur Verteilung der fertigen Kopien, zum Beispiel an Pay-Server, genutzt. Solche von der Szene üblicherweise gut geschützten Server sind echte Fundgruben für Ermittler.

Der Betrieb eigener Infrastruktur würde daher durchaus Sinn machen: Die in der Regel finanzschwache und verstreute Release-Szene könnte mit leistungsstarker Hardware angelockt werden. So könnte die GVU Verbindungsdaten von Raubkopierern abschöpfen und der Polizei direkten Zugriff auf in der Szene sehr beliebte Treffpunkte bieten. Der Haken: Für Mitarbeiter einer privatwirtschaftlichen Organisation wie der GVU wäre die aktive Beteiligung an der Verbreitung von Raubkopien strafbar.

Schwerer Verdacht

Sollte sich der Verdacht erhärten, wäre das nicht nur für die Hamburger Urheberrechtsschützer peinlich. Auch die Industrie gerät in Erklärungsnot. Nach Darstellung eines Informanten aus Szenekreisen waren zumindest einige Unternehmen in die Vorgehensweise der GVU eingeweiht. Die Filmlobby hat auch im Hinblick auf die anstehende Novelle des Urheberrechts ("2. Korb") ein Interesse daran, dass die Bedrohung durch die Warez-Szene nicht in Vergessenheit gerät.

Einer Bitte um Stellungnahme zu den Recherchen von onlinekosten.de und c't ist die GVU bisher nicht nachgekommen.

(Volker Briegleb)

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