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Flat ist nicht gleich Flat - Arcor mahnt Kunden ab

47 Arcor-Kunden wurden zum 1. Januar die Tarifoptionen "Euro-Flat" oder "International-Flat" gekündigt. Weitere 1.000 Kunden wurden schriftlich abgemahnt. Sie hätten laut Arcor ihre Auslandsflat weit überdurchschnittlich genutzt.

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Daniel M.* ist sauer. Seit vier Jahren ist er Kunde bei Arcor, bislang immer zufrieden mit den Leistungen seines Anbieters. Seit dem vergangenen August hat er die "International-Flat" für knapp 20 Euro im Monat zu seinem Tarif hinzu gebucht. Ohne weitere Kosten kann er so Gespräche ins Festnetz von 26 Ländern führen. "Ich telefoniere ausschließlich in die USA, wo meine Freundin lebt", sagt Daniel M. Sechzig bis achtzig Stunden, schätzt er, würde er schon im Monat mit ihr über die Arcor-Leitung sprechen. Doch damit könnte bald Schluss sein: Im vergangenen Monat flatterte ihm eine böse Überraschung ins Haus.

Arcor mahnt ab

Als Daniel M. am 21. November seinen Briefkasten öffnete, fand er dort eine Abmahnung seines DSL Anbieters. Arcor forderte den Kunden schriftlich dazu auf, seine Auslandsgespräche "umgehend und erheblich zu reduzieren". Andernfalls würde sich das Unternehmen vorbehalten, die Auslandsflatrate zu kündigen. Für Daniel M. ein Schock: "Wenn man eine Auslandsflat hat, nutzt man sie ja eigentlich so, wie man möchte", sagt der langjährige Arcor-Kunde.

"Endlos telefonieren" ein Reinfall?

Dies suggeriert auch die Werbung. Von "endlos telefonieren" ins Festnetz von insgesamt 26 Ländern ist dort die Rede. Doch in der Praxis ist Flatrate nicht gleich Flatrate und Daniel M. kein Einzelfall. Aus einem internen Papier, das unserer Redaktion vorliegt, geht hervor, dass 47 Arcor-Kunden zum 1. Januar die Tarifoptionen "Euro-Flat" oder "International-Flat" gekündigt wurden. Sie hätten laut Arcor ihre Auslandsflat weit überdurchschnittlich genutzt. Darüber hinaus wurden neben Daniel M. rund 1.000 weitere Kunden angeschrieben, mit der Bitte, die Auslandsgespräche umgehend und erheblich zu reduzieren.

Die Pressestelle von Arcor bestätigte, dass Kunden schriftlich benachrichtigt wurden, die Zahl der angeschriebenen Kunden hingegen nicht. Es handele sich um Einzelfälle. "Bei den betroffenen Kunden ging die Nutzung der Auslands-Flatrate weit über den privaten Gebrauch hinaus", sagt Arcor-Sprecher Paul Gerlach. "Da mussten wir irgendwann einschreiten". Doch die Kunden könnten beruhigt sein, wer die Auslands-Flat privat innerhalb der Familie nutze, könne dies auch wie bisher ohne Probleme tun. Die Pressestelle verwies bei den ausgesprochenen Kündigungen und Abmahnungen auf die Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) des Unternehmens.

Tatsächlich findet sich hier ein Passus, mit dem sich der größte Festnetzkonkurrent der Telekom absichert. Voraussetzung für die Nutzung der Tarife ist demnach, dass der Kunde die von Arcor erbrachten Leistungen ausschließlich zur Abdeckung seines privaten Telefonbedarfs nutzt und dieser nicht offensichtlich von der durchschnittlichen Nutzung privater Teilnehmer abweicht. Wie eine durchschnittliche private Nutzung ausfällt, wird aber nicht näher erläutert.

In den AGB verankert

Jede Vertragspartei ist laut AGB berechtigt, auch innerhalb der Mindestvertragslaufzeit die Auslands-Optionen zum nächsten Abrechnungszeitraum zu kündigen, mindestens jedoch mit einer Kündigungsfrist von einem Monat. Nach der Kündigung läuft der Vertrag mit der normalen Telefon-Flatrate für Gespräche in das deutsche Festnetz weiter. Der Vertragskunde hat aber die Möglichkeit, den kompletten Arcor-Anschluss bis spätestens zwei Wochen vor der von Arcor veranlassten Zwangs-Tarifumstellung zu kündigen.

Daniel M. ist ratlos

Daniel M. will erst einmal abwarten. Vorerst wurde ihm ja nur mit einer Kündigung gedroht. "Ich habe mich auch jetzt nicht einschüchtern lassen und weiter normal telefoniert", sagt der Arcor-Kunde. Er habe ja auch keine Ahnung, wie weit er sich nach den Vorstellungen seines Providers einschränken müsse, um die Kündigung zu verhindern. Ab einem bestimmten Zeitrahmen sei die Flatrate für ihn ja auch sinnlos, immerhin bezahle er im Monat knapp 20 Euro extra für die Option. "Ich bin ein wenig ratlos, was den weiteren Verlauf angeht", sagt Daniel M.

Gegen eine Kündigung kann der Kunde in diesem Fall nichts unternehmen, wissen die Experten der Verbraucherzentrale. "In den Allgemeinen Geschäftsbedingungen ist festgelegt, dass Arcor den Vertrag ohne Grund innerhalb der angegebenen Frist kündigen kann", sagt Karin Thomas-Martin, Telekommunikationsexpertin der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Dem Kunden würde das gleiche Recht eingeräumt. Sie könne beiden Seiten verstehen: "Sechzig bis achtzig Stunden im Monat liegen zumindest weit über dem Durchschnitt", beurteilt die Expertin die monatlichen Telefonate von Daniel M. Das Unternehmen müsse auch kalkulieren und sich gegen Missbrauch schützen. Wenn Arcor allerdings in der Werbung verspreche, die Kunden könnten mit dem Tarif "endlos telefonieren", so sei dies irreführend und unlauterer Wettbewerb. An den Kündigungen für die betroffenen Kunden ändere sich damit aber nichts.

Dass eine Flatrate nicht immer gleich Flatrate ist, demonstrierte in der Vergangenheit schon der Provider 1&1. Der Anbieter kündigte Dauertelefonierern die Flatrate für Internet-Telefonie. In einem der Redaktion bekannten Fall nahm 1&1 die Kündigung wieder zurück. Der Kunde hatte jeden Tag mit seiner entfernt in Deutschland wohnenden Freundin telefoniert. Ihm wurde irrtümlicherweise eine gewerbliche Nutzung unterstellt.

* Name von der Redaktion geändert.

(Denise Bergfeld)

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