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Digitale Dividende II: DVB-T vs. mobiles Breitband

Eine erneute Aufteilung von Rundfunkfrequenzen für mobiles Breitband im Rahmen einer "Digitalen Dividende II" sorgt für Jubel bei Mobilfunkanbietern, aber für Widerstand bei Rundfunksendern und Mikrofon-Herstellern. Auf dem Medienforum.NRW diskutierten die Beteiligten über mögliche Lösungen. Die Bundesnetzagentur soll künftig als Mediator vermitteln.

Notebook© Roman Hense / Fotolia.com

Der LTE-Ausbau ist noch in vollem Gange, da steht bereits fest, dass der steigende Bandbreitenbedarf auch den UMTS-Nachfolgestandard in der jetzigen Ausführung mittelfristig an seine Leistungsgrenze bringen wird. Längst diskutiert die globale Mobilfunkindustrie daher über eine "Digitale Dividende II", bei der Rundfunkfrequenzen im 700-Megahertz-Band für mobile Hochgeschwindigkeitszugänge eingesetzt werden sollen – zuletzt auf der Weltfunkkonferenz 2012 (WRC-12) in Genf. In der Medienbranche lassen derartige Überlegungen allerdings die Alarmglocken schrillen. Vor allem Rundfunksender sehen die anvisierte Umverteilung kritisch und warnen eindringlich vor negativen Folgen für die erst vor kurzem im Zuge der LTE-Einführung erneuerte Mikrofontechnik und das digitale Antennenfernsehen DVB-T. Auf dem 24. Medienforum.NRW in Köln suchten die Vertreter beider Lager am Montag nach Auswegen aus dem drohenden Frequenzdilemma. Dabei zeigte sich: eine Bereitschaft zu Kompromissen ist zwar vorhanden, die Positionen liegen allerdings noch meilenweit auseinander.

"Da sind wir auf den Bauch gefallen"

Bereits über die Dringlichkeit einer zweiten Runde in Sachen Digitaler Dividende herrschte auf dem Podium Uneinigkeit: Vor allem WDR-Justiziarin Eva-Maria Michel meldete hier Zweifel an. Sie sehe ein großes Fragezeichen hinter dem Begriff "Digitale Dividende II", da viele der zur Disposition stehenden Frequenzen aktuell im Rundfunkbereich genutzt würden, erklärte Michel. Sollte eine Neubelegung oder Neuaufteilung zugunsten einer mobilfunkgestützten Breitbandversorgung stattfinden, seien somit zahlreiche "Umwidmungen" bei den Sendern notwendig. Hohe Kosten wären die Folge, deren Übernahme noch geklärt werden müsste. Die Rechtsexpertin warnte dabei vor einer erneuten Abwälzung auf die Rundfunksender. Bereits nach der LTE-Vergabe hätten diese letztendlich den Großteil der Umstellungsaufwendungen allein tragen müssen, da Beteiligungszusagen der Länder nicht eingehalten worden seien. "Da sind wir bei der Digitalen Dividende ziemlich auf den Bauch gefallen", bemerkte Michel.

Ein weiteres Problem sei die Gefahr von Interferenzen und Störungen. Zudem müsse die Weiterentwicklung des bestehenden digitalen terrestrischen Antennenfernsehens berücksichtigt werden. Dieses dürfe im Vergleich zu Kabel- und Satelliten-Angeboten nicht den Anschluss verlieren. Daher müssten die im Rahmen der Migration von DVB-T auf den Nachfolgestandard DVB-T2 freiwerdenden Ressourcen vorwiegend genutzt werden, um die Qualität des Angebotes zu erhöhen. Wichtige Stichworte seien hier etwa HD-Übertragung oder Zusatzdienste. "Wir machen schließlich keine Terrestrik, die am Ende hinter den hochentwickelten Verbreitungswegen hinterherhoppelt", betonte Michel. Die Rundfunkfrequenzen seien ein "Kulturgut" und "wichtiges gesellschaftliches Element". Entscheidend sei, was der Nutzer erwarte und in diesem Punkt hätte sich gezeigt, dass der Bedarf für mobiles Breitband gerade auf dem Land geringer sei, als angenommen.

"Ich treffe immer Leute, die mobiles Breitband wollen"

"Ich treffe immer auf Leute, die mobiles Breitband noch nicht haben und gern wollen" widersprach hingegen Iris Henseler-Unger, Vizepräsidentin der Bundesnetzagentur. Die Digitale Dividende sei aber ein "großes Erfolgsprojekt". Mit Blick auf eine mögliche Aufteilung des 700-MHz-Spektrums plädierte Henseler-Unger für zügige Gespräche zwischen allen Beteiligten. Erst 2015 werde über die Nutzung im Rahmen einer "Digitalen Dividende II" tatsächlich entschieden. Derzeit gebe es noch keine definitiven Beschlüsse.

Vodafone-Regulierungsexpertin Isabel Tilly begrüßte ihrerseits die offene Diskussionsgrundlage und sprach sich ebenfalls für baldige Konsultationen aus. Vodafone wisse, dass der Rundfunk die Vergabe kritisch sehe. Man wolle daher eine Lösung finden, ohne in politischen Streit zu geraten, so Tilly. "Wir hoffen auf eine Win-Win-Situation für Rundfunk und Mobilfunk". Gleichwohl werde ein Mehr an Bandbreite benötigt. Zwar sei der Bedarf oberhalb des Geschwindigkeitsbereiches von 50 Megabit pro Sekunde (Mbit/s) noch gering, jedoch spiele die drahtlose Breitbandversorgung beim Ausbau eine entscheidende Rolle. Glasfaserleitungen könnten nicht bis zum letzten Bauernhof gelegt werden, betonte Tilly.

Starke Zweifel an der Sinnhaftigkeit zusätzlicher Frequenzen für die Internetversorgung ländlicher Regionen auf Kosten des Fernsehempfangs äußerte hingegen wenig überraschend Henrik Rinnert, Senior Vice President der DVB-T-Betreibergesellschaft Media Broadcast. Dies setze die Stabilität der TV-Versorgung in Deutschland aufs Spiel, sagte Rinnert.

"Gut, dass Druck auf dem Kessel ist"

Der Verbraucher besitze eine geringe Zahlungsbereitschaft für TV-Inhalte, erwarte aber eine steigende Qualität, mehr Vielfalt und eine bessere Versorgung. Zugleich sei die Antennen-Ausstrahlung nicht nur der effizienteste mobile Distributionsweg, sondern vor allem in den größeren deutschen Städten stark verbreitet. Allein in Hamburg erreiche DVB-T einen Marktanteil von mehr als 25 Prozent. Martin Deitenbeck, Vorsitzender der Technischen Konferenz der Landesmedienanstalten (TKLM), verwies in diesem Zusammenhang ergänzend auf kleine lokale Sender, die von einer terrestrischen Verbreitung abhängig seien. Andererseits gebe es viele TV-Programme, die nicht unbedingt parallel auf linearem Wege übertragen werden müssten sowie einen steigenden Bedarf auf Seiten der Mobilfunkbetreiber nach zusätzlichen Netzkapazitäten.

Für Deitenbeck ist der Zwang zum Kompromiss daher ein möglicher Schlüssel zum Erfolg. Es sei gut, dass "Druck in den Kessel gekommen ist", damit alle Beteiligten sich um eine Lösung bemühten. Letztendlich stehe der Verbraucher im Mittelpunkt. Dieser müsse das erhalten, was er sich wünsche. Auf eine baldige Sondierung der Interessenlagen drängte ebenfalls der Kölner Rechtsanwalt Helmut Bauer. Der Vertreter diverser Mikrofon-Hersteller warnte gleichzeitig wiederholt vor einer drohenden Frequenzknappheit für Drahtlos-Mikrofone. "Wir tun gut daran, die Gespräche sofort auszunehmen und nicht auf das nächste Medienforum zu warten." Einstimmig sprach sich das Podium dabei für eine Moderatorenrolle der Bundesnetzagentur aus. Henseler-Unger erklärte daraufhin ihre Bereitschaft, die Betroffenen zu "konstruktiven Gesprächen" einzuladen.

(Christian Wolf)

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