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Cooler als New York: Startups mischen Berlin auf

Berlin ist wieder Frontstadt. Im Stadtteil Mitte entwickeln junge Internet-Firmen neue Ideen und Projekte. Bei den Hinterhaus-Startups klopfen internationale Investoren an, die sonst vor allem im Silicon Valley unterwegs sind. Der Trend hat seinen Höhepunkt noch vor sich.

Netzwerk© TheSupe87 / Fotolia.com

Bei Umsatz und Gewinn können die jungen Berliner Startups nicht mithalten mit den IT-Unternehmen in München, Böblingen oder Hamburg. Gemessen an Gründergeist und Innovationskraft aber ist die deutsche Hauptstadt weit vorn und sorgt auch international für Furore. An der Schönhauser Allee oder am Alex gebe es "in jedem Hinterhaus fünf, sechs Startups", sagt der Vorstandschef von mag10 Publishing, Jochen Wegner, in einem Café in Berlin Mitte. Zu seinem eigenen Projekt einer Plattform für Publikationen auf Tablet-Computern hält er sich bedeckt - "wir sind gerade in einer Investorenrunde".

Auf der Suche nach Investoren

Diesen Satz bekommt man zurzeit häufiger bei jungen Internet-Firmen zu hören. Auf der Suche nach neuen Investitionsmöglichkeiten klopfen internationale Investoren bei den Hinterhaus-Startups an. "Man braucht gar nicht viel Geld, um herauszufinden, ob eine Idee erfolgreich sein wird oder nicht", erklärt Simon Levene, Partner bei der Londoner Investmentfirma Index Ventures, die im Juni junge Internet-Unternehmer zu einer Grillparty in Berlin eingeladen hat. Am Anfang genüge eine Investition von einigen hunderttausend Euro. "Sobald ein Unternehmen dann beginnt, Zugkraft zu entfalten, werden für das weitere Wachstum ein paar Millionen Euro benötigt."

In dieser zweiten Phase sind bereits die 6Wunderkinder angekommen - eine Ausnahme in der quicklebendigen Startup-Szene der Hauptstadt, da die sechs Gründer ihre Wurzeln in der Region haben. Der 25-jährige CEO Christian Reber kommt aus Brandenburg an der Havel und studierte in Berlin erst Informatik und Mathematik, dann International Management. "Unser Ziel ist, nach SAP mal wieder einen Technologiekonzern in Europa oder Deutschland aufzubauen, und unser Anspruch ist, global funktionierende Software zu entwickeln, aus Berlin heraus."

Software-Schmiede in einem Berliner Hinterhaus

Angesiedelt sind die 6Wunderkinder im 3. Stock eines Hinterhauses in Berlin-Mitte. Dort wird vor allem Englisch gesprochen. 25 Entwickler und Grafiker arbeiten an einem ehrgeizigen Software-Projekt für die Zusammenarbeit im Internet - die bis Ende des Jahres angekündigte Plattform Wunderkit werde bislang nicht bekannte Möglichkeiten im Bereich der Produktivität bieten, sagt Jessica Erickson, die bei den Wunderkindern als Mädchen für alles tätig ist. Erstes Produkt der vor einem Jahr gegründeten Firma ist der Aufgabenplaner Wunderlist. Für die Nutzung dieses kostenlosen Angebots haben sich in gut neun Monaten weltweit eine Million Menschen angemeldet.

Die 27-jährige Amerikanerin Erickson ist aus New York nach Berlin gekommen. Schon dort habe sie von der Berliner Startup-Szene gehört, von Soundcloud, was den Berlin-Hype wahrscheinlich ausgelöst habe, sagt sie im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. Die Plattform für den Austausch von Musik wurde im August 2007 von den beiden Schweden Alex Ljung und Eric Wahlforss in Berlin gegründet.

Diese waren mit die ersten in dem Trend, dass internationale Startups Berlin als Standort wählen, weil die Stadt jung, hip und "cutting-edge" ist, also an vorderster Front steht. "Wir haben uns bewusst für Berlin entschieden, weil wir dachten, dass wir hier die besten Entwickler bekommen", sagt Mag10-CEO Wegner. "Inzwischen bewerben sich bei uns Leute aus allen möglichen Erdteilen, die gehört haben, dass Berlin für Entwickler ganz toll ist. Ein junger Brite ist zu uns gezogen aus London, der war innerhalb von zwei Wochen komplett integriert, inklusive Freundin, und ist begeistert von dem Nachtleben hier - und das will etwas heißen, wenn man aus London kommt."

Berlin lebt von Dynamik

"Es gibt sehr wenige Orte in Europa, die eine solche Dynamik haben wie Berlin", sagt Investor Levene. Vergleichbar sei noch London, aber dort sei es weitaus teurer, eine neue Firma zu gründen. Weltweit sei nur das Silicon Valley für Internet-Startups wichtiger - in Kalifornien sei schon die zweite oder dritte Generation am Werk, während in Berlin noch die erste Generation am Start sei.

Dabei hat es auch in Deutschland schon vor gut zehn Jahren erfolgreiche Internet-Startups gegeben. Zu den Pionieren gehörten die Brüder Alexander, Marc und Oliver Samwer, die 1999 nach dem Vorbild von eBay das Auktionshaus alando.de gründeten - und nach sechs Monaten für 43 Millionen Dollar an eBay verkauften. In Anspielung an dieses Modell haben die 6Wunderkinder in ihrem Blog zu einer "Anti-Copycat-Revolution" aufgerufen. Sie wenden sich dagegen, ein in den USA erfolgreiches Internet-Projekt lediglich zu kopieren und unter anderem Namen zu vermarkten, um dann schnell einen Käufer zu finden: "Das ist Geschichte, nun ist es Zeit für einen Wandel."

Das Copycat-Modell sei grundsätzlich eine legitime Möglichkeit, um an Geld zu kommen, erklärt der Investor Levene. Index Ventures sei aber mehr daran interessiert, ein Unternehmen mit neuen Ideen über längere Zeit hinweg zu begleiten. Dazu gehören neben Soundcloud auch die Berliner Startups Amen und Readmill, ein Soziales Netzwerk für Leseerfahrungen.

Boom in Berlin wird weitergehen

"Lange Zeit waren wir in Deutschland nicht aktiv", sagt Levene im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. "In den letzten 12 bis 18 Monaten sind wir dann mit viel Enthusiasmus zurückgekehrt." Und der Startup-Boom in Berlin habe seinen Höhepunkt noch vor sich.

Neben den im internationalen Maßstab vergleichsweise geringen Lebenshaltungskosten werden die kreativen Köpfe, unter ihnen viele talentierte Entwickler aus Osteuropa, von der Club- und Kunstszene in Berlin angezogen. "Ich habe in Seoul gelebt und in London, in New York und Minneapolis und anderswo auf der Welt", erklärt Jessica Erickson. "Aber ich kann wahrhaft sagen, dass Berlin die coolste Stadt ist, in der ich bisher gelebt habe."

Viele Namen bleiben unbekannt, einige Internet-Startups aus Berlin aber sorgen international für Gesprächsstoff. Eine Auswahl von elf interessanten Projekten:

Elf aufstrebende Startups im Blick

6Wunderkinder: Das Team um den Web-Entwickler Christian Reber hat seit August 2010 den Aufgabenplaner Wunderlist entwickelt, der dem Konzept des "Getting Things Done" (GTD) folgt. Zweites Produkt soll eine Plattform für die Zusammenarbeit werden, Wunderkit. Investoren sind e42, der High-Tech-Gründerfonds und T-Venture, die Beteiligungsgesellschaft der Deutschen Telekom.

Amen: Das Startup wurde im März von Felix Petersen gegründet, der zuvor den Lokalisierungsdienst Plazes (2008 an Nokia verkauft) gegründet hatte. Mit dabei ist auch der Twitter-Pionier Florian Weber. Die Amen-App befindet sich im geschlossenen Beta-Test. Dabei geht es um Kommunikation von kurzen Meinungsbeiträgen, Details sind bislang nicht bekannt. Zu den Investoren gehören der Hollywood-Star Ashton Kutcher und Index Ventures.

ezeep: Das 2010 von Sascha Kellert, Frederic Haitz und Daniel Meisen gegründete Projekt hat für Unternehmen einen Dienst entwickelt, um das Drucken in der Cloud zu unterstützen.

Gidsy: Dieses im Mai gestartete Projekt will ein Soziales Netzwerk für Freizeit-Unternehmungen aller Art einrichten - von Galeriebesuchen bis zum Pilzesammeln im Wald. Der Start ist gleichzeitig für Berlin und New York geplant. Gründer sind Edial und Floris Dekker sowie Philipp Wassibauer.

mag10: Das im Herbst 2010 vom ehemaligen Focus-Online-Chef Jochen Wegner und dem deutschen Software-Unternehmer Marco Börries (u.a. "StarDivision") gegründete Unternehmen entwickelt eine Plattform für Publikationen auf Tablet-Computern.

Moped: Schuyler Deerman ist aus San Francisco nach Berlin gekommen, um ein Projekt für die Verwaltung von Schulden und Gefälligkeiten im persönlichen Bekanntenkreis zu gründen. Die App soll demnächst veröffentlicht werden. Deerman gehört auch zu den Initiatoren des Startup-Portals Silicon Allee.

Readmill: Das Portal für den Austausch von E-Book-Lesern wurde im März von den Schweden Henrik Berggren und David Kjelkerud gegründet. Das Projekt befindet sich noch in der Testphase.

ResearchGate: Das Soziale Netzwerk von Wissenschaftlern wurde im Mai 2008 von Ijad Madisch, Sören Hofmayer und Horst Fickenscher gegründet. Zu den Investoren gehören Benchmark Capital und Accel Partners.

Soundcloud: Das bereits etablierte Startup bietet eine Plattform für die Zusammenarbeit von Musikern und die Verbreitung ihrer Werke. Das Unternehmen wurde im August 2007 von den Schweden Alex Ljung und Eric Wahlforss gegründet. Zu den Investoren gehören Doughty Hanson Technology Ventures, Union Square Ventures und Index Ventures.

Uberblic: Dieser Dienst zur Entwicklung von Web-Anwendungen integriert eine Vielzahl von Software-Schnittstellen (APIs) und vereinfacht damit deren Nutzung. Das Unternehmen wurde 2009 von Georgi Kobilarow gegründet und konnte sich bislang aus den Einnahmen selbst finanzieren.

twago: Die 2009 gegründete Online-Plattform bringt kleine und mittlere Unternehmen mit Anbietern von Dienstleistungen aller Art zusammen. Gründer sind Gunnar Berning, Maria Lindinger und Thomas Jajeh.

(Hayo Lücke)

Quelle: DPA

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