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Breitbandausbau: Wer braucht 500 Mbit/s?

Wie sieht die Zukunft des Breitbandausbaus aus? Auf der Anga Cable in Köln präsentierten hochrangige Branchenvertreter unterschiedliche Konzepte. Unitymedia setzt auf hohe Bandbreiten, die Telekom will einen Technologiemix, eine Öffnung der Kabelnetze und eine Lockerung der Regulierung.

Paar mit Laptop© Syda Productions / Fotolia.com

"Ich finde wir leben in einem irre tollen Zeitalter", begeistert sich Unitymedia-Chef Lutz Schüler beim Breitband-Gipfel auf der Anga Cable in Köln. Gemeinsam mit hochrangigen Branchenvertretern wie Christian Illek, Marketingchef der Deutschen Telekom, Tele Columbus-Boss Dietmar Schickel und Theo Weirich, Geschäftsführer von wilhelm.tel sowie Anga-Präsident Thomas Braun diskutierte Moderator Werner Lauff die Zukunft des Breitbandausbaus in Deutschland. Als Vertreterin der Regulierungsbehörde war Vizepräsidentin Iris Henseler-Unger in die Domstadt gekommen. Vieles scheint im Wettbewerb möglich, selbst Kooperationen sind kein rotes Tuch mehr. Dennoch traten bei der Podiumsdiskussion auch die unterschiedlichen Strategien der Marktteilnehmer offen zutage.

Unitymedia will Telekom-Kunden abwerben

"Mit Docsis 3.0 kann man heute locker auf 500 Megabit pro Sekunde (Mbit/s) kommen", zeigte sich Unitymedia-Chef Schüler für die Zukunft zuversichtlich. In rund zwei Jahren seien im Massenmarkt Bandbreiten von 200 bis 250 Mbit/s denkbar. Der monatliche Aufpreis für diese Geschwindigkeiten könnte bei 10 Euro liegen. Auf der Anga Cable demonstriert der Kabelnetzbetreiber aktuell am eigenen Stand sogar Bandbreiten von 1,5 Gigabit pro Sekunde (Gbit/s). Geschwindigkeit sei inzwischen ein Mehrwert, für den Kunden auch bezahlen würden, ist Schüler überzeugt.

Ganz offen benannte er den Gegner auf dem Markt: "Unsere Wettbewerbsstrategie sieht vor, die Telekom im Massenmarkt anzugreifen und Kunden abzuwerben". Derzeit würden sich zwar bereits zwei von drei Neukunden für einen Kabelnetzbetreiber entscheiden, doch das reicht dem Unitymedia-Manager noch nicht aus. Kabel habe zwar inzwischen einen Anteil am Breitbandmarkt von rund 13 Prozent, gemessen am Umsatz liege dieser aber nur bei 5 Prozent. Daher wehrt sich Unitymedia auch entschieden gegen eine Öffnung der Kabelnetze für Wettbewerber. Im Moment liege die Priorität klar auf der direkten Endkundengewinnung.

Die Bundesnetzagentur drängt die Kabelnetzbetreiber dagegen zu Vorleistungsprodukten auf freiwilliger Basis. Zugleich macht die Vizepräsidentin der Bonner Behörde aber auch klar, dass Kabel den Wettbewerb belebe. Ein Marktanteil von 13 Prozent sei nicht bedrohlich, sondern zeige den Nachholbedarf. Wenn die Marktteilnehmer zu freiwilligen Regelungen ohne Einschreiten des Regulierers kommen, sei dies nach Ansicht von Iris Henseler-Unger umso besser.

Telekom setzt auf Technologiemix für flächendeckende Breitbandversorgung

Die Deutsche Telekom hingegen will sich aus dem harten Griff des Regulierers ein Stück weit befreien. Marketing-Chef Illek sieht sein Unternehmen insbesondere in Ballungsgebieten nicht mehr als Marktführer. "Wenn wir schon Opfer von Regulierung sind, sollten wir wenigstens Waffengleichheit haben", fordert Illek. Wünschenswert sei eine regionale Differenzierung bei der Regulierung, vor allem in städtischen Gebieten. "Ihr seid zehnmal so groß wie die Telekom im TV-Bereich", zielte Illek in Richtung des Unitymedia-Chefs. Der Geschwindigkeitswahn der Kabelkonkurrenz ist dem Telekom-Manager unverständlich. "Ich weiß nicht, warum man überhaupt 500 Mbit/s braucht. Da fehlt mir ein bißchen die Kreativität, mir einen Usecase vorzustellen", sagte Illek. Eine Webseite würde sich mit solchen Bandbreiten auch nicht schneller öffnen.

Die Telekom setzt auf einen Technologiemix aus VDSL, Glasfaser und LTE. "Eine flächendeckende Breitbandversorgung gibt es nur im Technologiemix mit Festnetz und Mobilfunk", so Illek. Am Ende müsse der Kunde entscheiden, welche Technologien er nutzen wolle. Zudem müssten zunehmend nicht nur Leistungen verkauft, sondern auch eingekauft werden. Geplant hatte die Telekom dies beispielsweise im Rahmen einer VDSL-Kooperation mit NetCologne, die Netzagentur untersagte der Telekom allerdings das VDSL-Kontingentmodell. Im Festnetz sieht Illek den Preissenkungsspielraum begrenzt, es werde daher keine dramatisch sinkenden Preise geben.

Als Gegner der Regulierung zeigte sich Wilhelm.tel-Geschäftsführer Theo Weirich. "Warum wir auf Glasfaser setzen? Wir können nichts anderers", erläutert er mit einer Prise Humor die Strategie seines Unternehmens. Mit dem eigenen schnellen Netz sei man sein eigener Herr. Weirich versteht das Zieren der Kabelnetzbetreiber vor einer Öffnung ihrer Netze nicht. "Es ist ein Fehler, wenn Kabelnetzbetreiber sich nicht damit arrangieren", so Weirich. Wilhelm.tel bietet Vorprodukte auf Layer2-Ebene an, vermarktet würden diese von QSC und Telefónica Germany. Ab 2014 denkt der Provider an die Realsierung von Bandbreiten mit bis zu 1 Gbit/s. "Bandbreite ist durch nichts zu ersetzen als Bandbreite, alles andere Halbherzige kriegen sie bei den anderen", stichelt Weirich in Richtung der Konkurrenz.

Tele Columbus: Kunde will noch keine 200 Mbit/s

Dietmar Schickel, der Chef des vergleichsweise spät mit Breitband gestarteten Kabelnetzbetreibers Tele Columbus, setzt sich für einen bedarfsgerechten Ausbau ein. Bei Zustimmung des Bundeskartellamts wird sein Unternehmen in Kürze von Kabel Deutschland übernommen. Besonders in seinem Verbreitungsgebiet im Osten hat der Kabelnetzbetreiber viel Glasfaser verlegt. Aktuell realisiert Tele Columbus Bandbreiten von maximal 128 Mbit/s. "Wir kommen immer näher ans Haus heran". Der Kunde muss es aber letztlich bezahlen. "Noch will er keine 200 Mbit/s", betont Schickel.

Kritik an der LTE-Ausbaustrategie der Mobilfunknetzbetreiber kam von Anga-Präsident Thomas Braun. "Weiße Flecken sind im Grunde genommen das Feigenblatt", so Braun. Danach ginge es ran an die wirtschaftlich lohnenderen Städte. Die Unternehmen sollten sich aber erst auf die weißen Flecken konzentrieren und nicht "jetzt schon voll verkabelte und versorgte Gebiete bestrahlen". Zugleich machte Braun noch einmal klar, dass Provider Geschäftsleute sind: "Wir sind nicht im sozialen Auftrag unterwegs". Die ablehnende Haltung der Kabelnetzbetreiber gegen eine Öffnung ihrer Netze sei verständlich. "Ich möchte eine Investition, die ich getätigt habe, vorrangig für meinen Ertrag nutzen", so Braun.

(Jörg Schamberg)

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