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Bezahlen per NFC: "Der Handel ist das Problem"

Mobiles Bezahlen per Handy ist in Deutschland bisher weitgehend Zukunftsmusik. Schuld sei vor allem der Handel, erklärten Branchenvertreter auf dem 24. Medienforum.NRW in Köln. Dieser hinke in Sachen Innovation den Kundenerwartungen deutlich hinterher. Dennoch will E-Plus in Kürze mit NFC durchstarten.

Smartphone© goodluz / Fotolia.com

Seit Jahren preist die Internet-, E-Commerce- und Mobilfunkbranche das bargeldlose Bezahlen per Handy und Smartphone. Im Alltag der Verbraucher angekommen ist die in PR-Kreisen gern weichgezeichnete Vision eines komfortableren Einkaufens ohne Portemonnaie allerdings noch nicht. Zwar unterstützt eine zunehmende Zahl mobiler Endgeräte den für die Datenübertragung benötigten NFC-Standard, davon abgesehen halten sich sichtbare Fortschritte aber in Grenzen. Auf dem 24. Medienforum.NRW suchten Vertreter aus Industrie und Wirtschaft nach den Ursachen. Ein Schuldiger war schnell gefunden: der deutsche Handel.

"Nicht einmal ein Internetanschluss im Laden"

Diese Ansicht vertritt etwa Lars Rabe, leitender Manager bei demandware, einem Anbieter für E-Commerce-Lösungen. Die Technologie sei schließlich längst vorhanden, werde aber nicht eingesetzt. "Ich war kürzlich bei einem der deutschen Top-5-Unternehmen im Modebereich und wollte über Multi-Channel-Modelle sprechen. Die haben aber nicht einmal einen Internetanschluss in ihren Läden", so Rabe. Eine Verknüpfung verschiedener Vertriebskanäle könne unter solchen Voraussetzungen nicht erreicht werden. Diese sei künftig aber bitter nötig, um im Geschäft zu bestehen. So gewännen etwa Smartphones eine immer größere Bedeutung im gesamten Kaufprozess. Bereits heute würden etwa in den USA 9 Prozent aller Online-Einkäufe über ein Mobiltelefon abgewickelt.

Auch verschiebe sich zunehmend die Erwartungshaltung der Verbraucher. Studien hätten gezeigt, dass Smartphone-Nutzer hochgradig mündig und vernetzt seien sowie alters- und schichtenunabhängig Kaufentscheidungen durchschnittlich schneller träfen, allerdings auch besonderen Wert auf Komfort und Geschwindigkeit legten. Der etablierte Handel müsse auf diese Anforderungen reagieren und entsprechende Dienste anbieten, kranke jedoch vielfach an Altlasten. Neue Startups könnten ihr Geschäft hingegen von der grünen Wiese aus sofort auf die heutigen Bedürfnisse der Kundschaft ausrichten. "Deshalb wächst Zalando so schnell, während etwa Otto große Probleme hat, da dort Systeme im Einsatz sind, die 30 Jahre alt sind", erklärte Rabe.

"Wer nicht reagiert, wird verschwinden"

Schuld sei vielfach eine schwerfällige IT, die nur schleppend auf die Besonderheiten des Internet- und Smartphone-Zeitalters eingehe. Es fehle häufig an einer Verknüpfung von Online- und Ortshandel, kompatiblen Kassensystemen, die automatisch auf den jeweiligen Kunden-Account im Internet-Shop zugreifen könnten oder zusätzlichen Informationsangeboten zu im Laden vorhandenen Waren. In den USA gebe es etwa längst Ladenketten, die ihr Sortiment mit QR-Codes ausstatteten. Smartphone-Nutzer könnten darüber weitere Produkt-Details abrufen oder im Schaufenster platzierte Artikel sogar nach Ladenschluss direkt online kaufen und nach Hause liefern lassen.

Der Maßstab seien Plattformen wie Amazon oder eBay. "Wer darauf nicht rechtzeitig reagiert, wird verschwinden", betonte der Branchenexperte. Denn diese loteten längst Möglichkeiten aus, ihren Nutzern mit lokalen Vor-Ort-Filialen ein stimmiges Gesamtkonzept inklusive Web-Verzahnung und mobilen Zahlungslösungen anzubieten. "Es wird Amazon- und eBay-Stores geben und die klassischen Händler unter Druck setzen", so Rabes Prognose. Markttreiber in Sachen mobile Zahlungslösungen sei aber Apple. Der US-Konzern mache bereits erfolgreich vor, wie das Kundenerlebnis sein müsse.

E-Plus-"Chief Innovation Officer" Ulrich Coenen stimmte ebenfalls in das Klagelied seines Vorredners ein. "Wir sind in Deutschland in vielen mobilen Anwendungen noch Entwicklungsland." Allerdings werde das Konsumerlebnis im mobilen Bereich gerade neu definiert. Das bargeldlose Zahlen per Handy biete sowohl Verbrauchern als auch Verkäufern Vorteile.

"Es geht um den gläsernen Kunden"

Vor allem der stationäre Handel profitiere dabei von einem neuen Verständnis über seine Kundschaft. Was dies im Klartext bedeutet, schob Coenen unmittelbar hinterher. "Es geht darum Zahlsysteme zu etablieren, die - böse gesprochen - den gläsernen Kunden schaffen." Hier seien Betreiber von Online-Shops bislang klar privilegiert. Gleichwohl sei gerade in Deutschland das letzte Wort längst nicht gesprochen. "Wir werden hier noch eine Datenschutzdebatte sehen", sagte Coenen.

Darüber hinaus sei der hiesige Markt für Anbieter wie PayPal eher schwierig zu erreichen, da die Marge für Finanztransaktionen bei klassischer EC-Zahlung nur 0,2 Prozent betrage. Mobile Zahlungslösungen müssten sich daran messen und seien wenig profitabel. Darüber hinaus sei der deutsche Verbraucher in Sachen Zahlung eher konservativ eingestellt. So liege etwa die Verbreitung von Kreditkarten auf dem niedrigsten Niveau aller westlichen Länder. Dennoch bedrohten Unternehmen wie PayPal das klassische Bankengeschäft.

NFC-Start bei E-Plus in Kürze

Für Rabe ist es daher nur noch eine Frage der Zeit, bis der Markt aufgerollt wird. "Ich glaube, es wird der All-in-One-Anbieter für alle Zahlungsarten kommen." Derzeit rechne sich dies in Deutschland aber noch nicht. Andreas Schulz vom Zahlungsdienstleister Peaches Group, der in Kooperation mit der Deutschen Telekom, Vodafone und Telefónica Germany (o2) die Handy-Bezahllösung mPass vertreibt, verwies neben den technischen Herausforderungen auf ein zweites Problem. So sei das mobile Bezahlen per Smartphone gerade bei ausländischen Anbietern vorwiegend auf Kreditkartenkunden ausgerichtet. "Was machen wir aber mit denen, die aus finanziellen Gründen keine Kreditkarte erhalten?" Hier gebe es noch keinen adäquaten Ersatz, da etwa das deutsche Lastschriftverfahren zu langsam sei.

Dennoch will E-Plus bereits in naher Zukunft ein NFC-gestütztes Zahlungssystem anbieten. Man setze dabei auf einen etablierten Anbieter. Zwar müssten noch letzte Sicherheitsfragen geklärt werden, danach soll das mobile Bezahlen für E-Plus-Kunden aber Realität werden. "Wir reden hier von Monaten, aber bestimmt nicht mehr von Jahren", so der Mobilfunk-Manager. Wer den Dienst nutzen wolle, benötige dabei eine neue SIM-Karte mit einer speziellen Verschlüsselung. Das System sei absolut sicher. Der Schutzmechanismus sei noch nie geknackt worden, so Coenen. Ob sich auch der deutsche Verbraucher überzeugen lassen wird, bleibt abzuwarten.

(Christian Wolf)

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