Am Freitag lasen Sie im
ersten Teil unseres Berichts über die neue Datenübertragungstechnik im Mobilfunk, UMTS, welche Vorbereitungen die Netzbetreiber treffen und wie sie die Zukunft sehen. Lesen Sie nun im zweiten Teil, welche Gedanken sich teilweise unabhängige Beobachter, aber auch die Verlierer der UMTS-Versteigerung über den neuen Standard gemacht haben. Die Podiumsdiskussion, auf der diese Gedanken diskutiert wurden, fand am 25. August im ICC Berlin im Rahmen der Internationalen Funkausstellung statt und wurde vom VATM, dem Verband der Anbieter von Telekommunikations- und Mehrwertdiensten organisiert. Moderiert wurde sie von Michael Jungblut, dem Leiter der Redaktion Wirtschafts- Sozial- und Umweltpolitik beim ZDF.
"Die Frage nach der Finanzierung ist gegessen"
Uwe Bergheim, Geschäftsführer bei E-Plus Deutschland, gibt sich optimistisch: "Wir sind überzeigt, mit dieser Technologie Produkte entwickeln und verkaufen zu können!" Die Skepsis sei zwar verständlich, allerdings sei die Entscheidung, die UMTS-Lizenzen zu kaufen, in vollen kaufmännischen Bewusstsein gefällt worden. Die Käufer, auch E-Plus, seien nun gefordert, mit der Realität zu leben.
Dabei sehe er die Möglichkeit eines Technologiesharings als sehr wahrscheinlich an. Mit Sicherheit werde keiner der Anbieter ausfallen, es ist gewiss Platz für 6 UMTS-Anbieter in Deutschland – allerdings nicht für 6 verschiedene Technologien für die sich der Kunde entscheiden muss. Im UMTS-Bereich werden die Karten seiner Meinung nach neu gemischt – der Geist schlage hier das Geld. Das wichtigste sei es, die Kundenbedürfnisse zu erfüllen.
"UMTS hatte für uns keinen unternehmerischen Wert"
Peter Wagner, Vorstandsvorsitzender der debitel AG, sieht die Lage für die Anbieter pessimistischer als sein Kollege von E-Plus. Debitel, die während der UMTS-Verhandlungen ausgestiegen war und damit keine Lizenz ergattern konnte, haben dies in vollem kommerziellem Bewusstsein getan. Ab einer bestimmten Summe hatte UMTS einfach keinen Unternehmerischen Wert mehr. Dies sei auch der Grund, warum wohl oder übel mangels Masse der eine oder andere Serviceprovider auf der Strecke bleiben würde. Auch für sechs Netzbetreiber sei kein Platz in Deutschland.
UMTS stellt jedoch nach Wagners Meinung nicht nur eine Herausforderung für die Anbieter dar, sondern auch für die Politik. Hinter fünf der Dienstanbieter stehen ausländischen Investoren. Geht hier etwas schief, ist der Standort Deutschland gefährdet. Gerade deswegen müsse die Regierung eine Umgebung schaffen, in der eine Typenvielfalt, wie sie für UMTS Notwendig ist, kommen und existieren kann. Eine weitere Hilfe der Regierung sähe er in dem Angebot, Sendemasten auf öffentlichen Gebäuden anzubringen.
Die UMTS-Entwicklung werde in Deutschland langsam vor sich gehen. Die Netzbetreiber werden die Entwicklung einfach mitmachen und Geduld aufbringen müssen. Schlagartig wird sich nichts ändern. Dienste werden nur in Kooperation entstehen können – dieses Kooperationsdenken sei jedoch bei den Netzbetreibern noch nicht gegeben, meint Wagner.
"Killerapplikation ist die Community"
Uwe Heddendorp, Vorstandsvorsitzender von AOL Deutschland und Präsidiumsmitglied des VATM, will seine AOL-Inhalte mit Hilfe von UMTS auch aufs Handy bringen. Unter dem Stichwort "AOL anywhere" soll der Onlinedienst zu einer der Killerapplikationen werden: Community. Dies war auch die Triebfeder des herkömmlichen Internets. E-Mails, Buddy-Listen und Instant-Messaging sollen auch im mobilen Bereich die Triebfeder werden, weit über SMS hinaus. Allerdings wird UMTS nie das Festnetzinternet ersetzen können meint Heddendorp, dafür werden die Zugangsgebühren viel zu hoch werden.
"Die Auslese unter den Netzausrüstern hat schon stattgefunden"
Kalevi Kaartinen, Vice President Sales 3G bei Nokia, sieht die Zeitpläne bei UMTS aus der Sicht des Netzausrüsters und Technologiepartners nicht gefährdet. "Wie auch schon bei GSM werden wir unsere Zeitpläne bei UMTS halten", versprach Kaartinen. Bei den Netzausrüstern habe es die Auslese, die bei den Dienstanbietern erst noch stattfinden muss, allerdings schon gegeben. Wichtig für die weitere Entwicklung von UMTS seien seiner Meinung nach offene Protokolle und Abwärtskompatibilität.
"Killer-Applikation ist Killing of Time"
Prof. Dr. Hendrik Berndt, Executive Director und Vice President der DoCoMo Communincations Laboratories Europe, kann UMTS aus dem Gesichtsfeld eines Konzerns betrachten, der mit i-mode in Japan bereits ein Mobilfunknetz der Dritten Generation aufgebaut hat und seinen europäischen Kollegen gute Ratschläge erteilen. Bei einem Mobilfunknetz der dritten Generation und den damit verbundenen Datendiensten müsse auf jeden Fall "always on" gegeben sein. Auch das Pricing für die Serviceanbieter müsste stimmen. Bei DoCoMo sei dies so geregelt, dass der Netzanbieter nur einen kleinen Teil des Betrages nehme, der Rest aber direkt an den Serviceprovider ginge. Dies würde erst eine Vielzahl von Angeboten und damit einen Wettbewerb ermöglichen.
Auch der Support der Regierung sei in Japan größer als in Europa und speziell in Deutschland. Der Slogan müsste seiner Meinung nach nicht mehr heißen "any service, any time, anywhere" sondern vielmehr "right service, right time, right place". Erst damit würde UMTS einen Mehrwert für den Kunden darstellen, für den es sich lohnt, Geld auszugeben. Zum Thema der Kosten konnte Professor Berndt bekannt geben, wie seine Firma dieses Thema angegangen hatte. Der Preis einer Zigarette – soviel sei der Nutzer auch bereit für einen mobilen Datendienst der dritten Generation zu zahlen. I-mode in Japan begründe sich damit also auf eine "Zigarettenwährung".
UMTS-Refinanzierung durch Werbung?
Dr. Axel Glanz, Vorstand der active-Film AG freut sich auf UMTS. Kein Wunder, stellt seine Firma doch Werbefilme fürs Internet her und sieht in UMTS einen potentiellen neuen Markt. Hier sieht Glanz auch die Möglichkeit, die hohen UMTS-Kosten für die Benutzer zu drücken: Es muss Werbung aufs Handy. Laut einer Studie würden sich 10 Prozent der UMTS-Interessierten Werbefilme auf dem Handy ankucken, wenn sie auf eigene Kosten gehen würde. Ganze 50 Prozent würden sich Werbefilme anschauen, wenn damit ihre Kosten gesenkt werden könnten. Allerdings wird es seiner Meinung nach noch mindestens 10 Jahre dauern, bis sich UMTS durchsetzen wird.
"Es hat keinen Sinn, einen Kübel Dreck über den Standort Deutschland zu schütten"
Hans-Jürgen Maurus, Journalist im SWR-Hauptstudio der ARD, steht UMTS sehr kritisch gegenüber. Die Netzbetreiber haben sich seiner Meinung nach die Finger verbrannt, er sieht in UMTS eine Kapitalvernichtung ohnegleichen. UMTS passe nicht in das Gesamtstrategische Konzept. Auch eine wirkliche Killer-Applikation sehe er noch nicht, es gäbe keine Produkte, die der Benutzer wirklich brauchen würde. Eine Reduktion der Komplexität sei hier wichtig – bisher seien die Angebote immer zu kompliziert gewesen, um sie wirklich für jeden Interessant zu machen.
Der Satz "Die Evolution ist unvermeidlich" sei hier, so Maurus, falsch. Wichtig sei die Adaption der Bevölkerung und vor allem die der Shareholder. Diese werden sich nicht mit ewigem Warten zufrieden geben sondern wollen Ergebnisse sehen – die im Moment einfach zu gering und zu unzufriedenstellend seien. Auch das Thema Datenschutz sei noch nicht ausdiskutiert. Wichtig werden seiner Meinung im UMTS-Markt zuerst einmal Business to Business (B2B) Anwendungen sein.
Fazit:
Viele Meinungen, viele Versprechungen und viele Rückschläge – so sieht die UMTS-Gegenwart in Deutschland aus. Wirkliche Aussagen wird man aber erst treffen können, wenn die ersten Dienste bereit stehen und für den Endbenutzer verfügbar sind. Außer für die Netzbetreiber gibt es aber noch eine Herausforderung – die an unseren Finanzminister, das durch die UMTS-Versteigerung gewonnene Geld nicht wieder zu schnell und unnütz auszugeben.