Samstag, 30.06.2001 10:03

Die grössten Hacker aller Zeiten - Teil 4: Die deutsche Legende Karl Koch

aus dem Bereich Sonstiges

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Bisher waren es nur die amerikanischen Hackergrößen die wir Ihnen vorgestellt haben, Capt'n Crunch, die beiden Legenden, Richard Stallman und Steve Woziak und last but not least Kevin Mitnick. Doch heute startet mit Karl Koch ein Rückblick auf die auch in Deutschland vorhandene Szene.

Eine Legende entsteht

Karl Koch, alias Hagbard, war für die Öffentlichkeit der skrupellose jugendliche KGB-Spion und drogensüchtige Computer-Hacker aus Hannover. Doch wie in vielen Fällen, war auch hier die Wahrheit eine andere. Die Mutter stirbt früh an Krebs, der Vater einige Jahre später an der gleichen Krankheit. Seine ältere Schwester versucht mehrfach, sich das Leben zu nehmen. Alles in allem keine rosigen Zeiten für den jungen Mann.

Karls Leben wurde mitgeprägt durch die Lektüre eines Buches, dem dreibändigen Werk "Illuminatus", welches ihm sein Vater mit 14 schenkte. "Du fühlst Paranoia aufkommen? Ausgezeichnet. Illumination steht auf der anderen Seite des absoluten Schreckens. Du mußt voll und ganz realisieren, daß du ein Fremder bist und ängstlich in einer Welt, die du nicht gemacht hast", fordern die Diskordier. Vielleicht auch die Illuminaten. Weltverschwörer in jedem Fall, gute oder böse. Diese Geheimbünde beherrschen die Welt und versuchen, das Denken der Menschen zu kontrollieren.

Realitätsverlust

Natürlich ist das alles nur verrückte Fiktion, zusammengesponnen von Robert Anton Wilson und Robert Shea in ihrem dreibändigen Werk "Illuminatus!" Andererseits: Sie füttern ihre phantastischen Geschichten um Computer, Verschwörer und Drogenexzesse so geschickt mit historischen Tatsachen – auch die Illuminaten sind als geheime Gesellschaft des 18. Jahrhunderts "echt" –, daß Realität und Fiktion manchmal nicht zu trennen sind. Die Illuminaten-Geschichten zu lesen ist ein anarchisches Erlebnis für den jungen Mann, die letzte Seite zu erreichen eine intellektuelle Glanzleistung: Hier löst sich ein Ich im Drogenrausch auf, dort ändert eins sein Geschlecht. Es geht um alles. Alles ist möglich. Und was ist schon Zeit?

Irgendwann packt ihn die Computerleidenschaft und 1984 besorgt er sich seinen ersten Computer. Er wolle Informationen austauschen und die Wahrheit über bestimmte Zusammenhänge herausfinden, wie Hagbard Celine, der Held des Buches "Illuminatus", so seine Aussage. Bereits damals litt Karl Koch unter Depressionen. Wieder und wieder liest er Illuminatus. Er nimmt den Roman wörtlich, glaubt an eine weltweite politische Verschwörung. In nächtelangen Hacksessions diskutiert er mit Computerfreaks. Er raucht Haschisch und nimmt LSD. Autodidaktisch lernt er, Großrechner via Telefonleitung anzuzapfen. Unter dem Pseudonym Hagbard Celine hackt er sich schliesslich ins Fermilab in Chicago ein und macht sich damit in der Szene einen Namen.

Der Weg in den Abgrund

Im Jahr 1986 beschließen er und vier Bekannte, ihr Können zu Geld zu machen. Im Sinne der Informationsfreiheit - so Karls Rechtfertigung - dringen sie in die Rechenzentren großer Institutionen und Militäreinrichtungen der USA ein, stehlen dort Daten und verkaufen sie an den sojetischen Geheimdienst KGB. Karl der in der nachfolgenden Zeit immer mehr an Verfolgungswahn leidet, läßt sich mehrfach in Landeskrankenhäuser einweisen. Illegale Drogen werden von starken Psychopharmaka abgelöst. Im Juli 1988 offenbart er sich schliesslich dem Verfassungsschutz und wird in den folgenden Monaten tagelang verhört. Dabei gesteht er auch, nur insgesamt 20.000 Mark vom KGB für die gelieferten Informationen erhalten zu haben.

Eine Strasse ohne Wiederkehr

Am 23. Mai 1989, gerade einmal 23 Jahre alt, verläßt er seinen Arbeitsplatz als Fahrer bei der Landesgeschäftsstelle der CDU in Hannover und kommt nicht mehr zurück. Die "23" gilt in den Illuminatengeschichten als magische Zahl und Todesdatum "aller großen Anarchisten". Seine verbrannte Leiche wird in einem Birkenwäldchen bei Gifhorn gefunden. Die Todesumstände sind bis heute ungeklärt. Seine Schwester und Freunde klagen hilflos und wütend den Verfassungsschutz und den BND an und treffen nur auf eine Mauer aus Schweigen. Kurz vor seinem Tod hatte er verkündet, kein Geheimdienst könne sich noch erlauben, ihn umzubringen, denn er sei inzwischen so bekannt, daß ein gewaltsamer Tod ihn zum Märtyrer für Abrüstung und Informationsfreiheit machen würde. Da am Tatort keine Schuhe gefunden wurden und der Wald bei der damals vorherrschenden großen Trockenheit hätte teilweise abbrennen müssen, bestehen berechtigte Zweifel am Selbstmord Karl Kochs.

Endgültig unsterblich wurde Hagbard, als Hans-Christian Schmidt und Michael Gutmann 1999 den Film "23" drehten, dessen Hauptfigur, Karl Koch nachempfunden ist.

Lesen Sie morgen im fünften Teil unserer Serie, die Geschichte einer weiteren deutschen Legende, nämlich Kim Schmitz alias Kimble.

Roland Silberschmidt
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