Die Woche vor Ostern war richtig schön.
Nicht nur die Vorfreude auf vier freie Tage ließ bei vielen die Herzen höher
schlagen, Privatanleger konnten zudem bei einem Blick auf die Aktienkurse
endlich wieder aufatmen. Denn nach monatelanger Flaute witterten die
Börsenhändler wieder Morgenluft. Sogar der arg gebeutelte Neue Markt der
Technologiewerte legte wieder deutlich zu. Der Glaube an eine Trendwende
machte sich breit. Doch nun sind nicht nur die Feiertage vorbei - auch der
Höhenflug an den Börsen nahm ein jähes Ende. Der NEMAX 30 stand am Dienstag
gegenüber Gründonnerstag mit mehr als acht Prozent im Minus - traurige
Gewissheit wurde die Analyse von Börsenprofessor Wolfgang Gerke: "Die
Jubelschreie vor Ostern waren viel Wunschdenken."
Dabei sah es in der vergangenen Woche wirklich gut aus. Der Neue Markt
legte am Dienstag richtig los und verzeichnete ein Plus von 7,3 Prozent. Am
Mittwoch und Donnerstag ging es weiter nach oben, so dass der Neue-Markt-Index
NEMAX 50 nach diesen drei Tagen ein Plus von mehr als 14 Prozent verzeichnete.
Dies bedeutete für viele Kleinanleger endlich mal wieder wenigstens etwas
Gewinn, den nicht wenige nach Ansicht Gerkes gleich realisierten. Dem
Professor für Bank- und Börsenwesen an der Universität in Erlangen-Nürnberg
zufolge haben im Moment "alle Angst vor der eigenen Courage". Niemand traue
sich, auf eine echte Wende zu setzen. Deshalb würden beim kleinsten
Kursanstieg die daraus resultierenden Gewinne sofort realisiert. "Das ist
einfach ein psychologischer Faktor."
Doch nicht nur Mitnahmeeffekte drückten am Dienstag die Kurse. Hinzu kam
noch eine drastische Gewinnwarnung von Cisco Systems. Der US-Netzwerkbauer
musste mitteilen, dass er im dritten Quartal des laufenden Geschäftsjahres
einen Umsatzrückgang von 30 Prozent erwarte. Dies drückte die Stimmung
gewaltig: "Viele Optimisten hatten nach der vergangenen Woche gehofft, dass es
nun endlich wieder aufwärts geht", sagte Analyst Dhaval Joshi von SG
Securities in London. "Diese Hoffnung wurde durch Cisco beerdigt."
Allerdings werden Gewinnwarnungen nach Ansicht Gerkes derzeit
überinterpretiert. "Im Moment werden nur die schlechten Nachrichten
wahrgenommen." Diese Einschätzung teilt auch Franz-Josef Leven vom Deutschen
Aktieninstitut: "Nach der Euphorie und Hysterie Anfang vergangenen Jahres gibt
es jetzt eine Hysterie in die andere Richtung." Die fundamentalen Daten der
einzelnen Unternehmen seien beim Kaufrausch vor anderthalb Jahren missachtet
worden und würden nun wieder missachtet. Leven rät Anlegern, gerade jetzt eine
Bestandsaufnahme des gesamten Geldvermögens vorzunehmen.
Allgemein gültige Regeln für die Geldanlage gebe es nicht, betont Leven.
Als Faustregel für die Anlage in Aktien gelte aber: 100 Prozent minus
Lebensalter. Dies hieße für einen 30-Jährigen, er könne rund 70 Prozent seines
Vermögens in Aktien investieren. Diese sollten möglichst breit gestreut sein.
"Mindestens fünf verschiedene Unternehmen", empfielt Leven. Dabei sollten
höchstens 20 Prozent im Neuen Markt angelegt werden. Niemals sollten Aktien
aber auf Kredit gekauft werden.
Wer all diese Regeln vor dem Hintergrund seiner Lebensumstände beherzigt,
kann nach Ansicht des Aktienexperten die gegenwärtige Flaute beruhigt
aussitzen. Ähnlich sieht es auch Gerke. Zwar sei die Krise entgegen den
vorösterlichen Hoffnungen vieler Anleger noch nicht überwunden. Langfristig
aber werde sich wieder Optimismus durchsetzen. Wann es so weit ist, kann auch
der Professor nicht vorhersagen. Eins sei aber jetzt schon sicher: "Wenn die
Stimmung wirklich kippt, werden es 50 Prozent vorher gewusst haben."
Antje Sator/AFP
Peter Giesecke