Dienstag, 17.04.2001 18:08

Neuer Markt: "Die Jubelschreie vor Ostern waren viel Wunschdenken"

aus dem Bereich Sonstiges

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Die Woche vor Ostern war richtig schön. Nicht nur die Vorfreude auf vier freie Tage ließ bei vielen die Herzen höher schlagen, Privatanleger konnten zudem bei einem Blick auf die Aktienkurse endlich wieder aufatmen. Denn nach monatelanger Flaute witterten die Börsenhändler wieder Morgenluft. Sogar der arg gebeutelte Neue Markt der Technologiewerte legte wieder deutlich zu. Der Glaube an eine Trendwende machte sich breit. Doch nun sind nicht nur die Feiertage vorbei - auch der Höhenflug an den Börsen nahm ein jähes Ende. Der NEMAX 30 stand am Dienstag gegenüber Gründonnerstag mit mehr als acht Prozent im Minus - traurige Gewissheit wurde die Analyse von Börsenprofessor Wolfgang Gerke: "Die Jubelschreie vor Ostern waren viel Wunschdenken."

Dabei sah es in der vergangenen Woche wirklich gut aus. Der Neue Markt legte am Dienstag richtig los und verzeichnete ein Plus von 7,3 Prozent. Am Mittwoch und Donnerstag ging es weiter nach oben, so dass der Neue-Markt-Index NEMAX 50 nach diesen drei Tagen ein Plus von mehr als 14 Prozent verzeichnete. Dies bedeutete für viele Kleinanleger endlich mal wieder wenigstens etwas Gewinn, den nicht wenige nach Ansicht Gerkes gleich realisierten. Dem Professor für Bank- und Börsenwesen an der Universität in Erlangen-Nürnberg zufolge haben im Moment "alle Angst vor der eigenen Courage". Niemand traue sich, auf eine echte Wende zu setzen. Deshalb würden beim kleinsten Kursanstieg die daraus resultierenden Gewinne sofort realisiert. "Das ist einfach ein psychologischer Faktor."

Doch nicht nur Mitnahmeeffekte drückten am Dienstag die Kurse. Hinzu kam noch eine drastische Gewinnwarnung von Cisco Systems. Der US-Netzwerkbauer musste mitteilen, dass er im dritten Quartal des laufenden Geschäftsjahres einen Umsatzrückgang von 30 Prozent erwarte. Dies drückte die Stimmung gewaltig: "Viele Optimisten hatten nach der vergangenen Woche gehofft, dass es nun endlich wieder aufwärts geht", sagte Analyst Dhaval Joshi von SG Securities in London. "Diese Hoffnung wurde durch Cisco beerdigt."

Allerdings werden Gewinnwarnungen nach Ansicht Gerkes derzeit überinterpretiert. "Im Moment werden nur die schlechten Nachrichten wahrgenommen." Diese Einschätzung teilt auch Franz-Josef Leven vom Deutschen Aktieninstitut: "Nach der Euphorie und Hysterie Anfang vergangenen Jahres gibt es jetzt eine Hysterie in die andere Richtung." Die fundamentalen Daten der einzelnen Unternehmen seien beim Kaufrausch vor anderthalb Jahren missachtet worden und würden nun wieder missachtet. Leven rät Anlegern, gerade jetzt eine Bestandsaufnahme des gesamten Geldvermögens vorzunehmen.

Allgemein gültige Regeln für die Geldanlage gebe es nicht, betont Leven. Als Faustregel für die Anlage in Aktien gelte aber: 100 Prozent minus Lebensalter. Dies hieße für einen 30-Jährigen, er könne rund 70 Prozent seines Vermögens in Aktien investieren. Diese sollten möglichst breit gestreut sein. "Mindestens fünf verschiedene Unternehmen", empfielt Leven. Dabei sollten höchstens 20 Prozent im Neuen Markt angelegt werden. Niemals sollten Aktien aber auf Kredit gekauft werden.

Wer all diese Regeln vor dem Hintergrund seiner Lebensumstände beherzigt, kann nach Ansicht des Aktienexperten die gegenwärtige Flaute beruhigt aussitzen. Ähnlich sieht es auch Gerke. Zwar sei die Krise entgegen den vorösterlichen Hoffnungen vieler Anleger noch nicht überwunden. Langfristig aber werde sich wieder Optimismus durchsetzen. Wann es so weit ist, kann auch der Professor nicht vorhersagen. Eins sei aber jetzt schon sicher: "Wenn die Stimmung wirklich kippt, werden es 50 Prozent vorher gewusst haben."

Antje Sator/AFP
Peter Giesecke
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