Das neue Jahr hat für den bereits arg gebeutelten Neuen Markt der Frankfurter Börse erneut mit einem Dämpfer begonnen: Der Kurs des bisherigen Vorzeigeunternehmens Intershop brach nach einer Gewinnwarnung ein. Gut zwei Drittel ihres Wertes verlor die Aktie des deutsch-amerikanischen Softwareanbieters am Dienstagvormittag innerhalb weniger Minuten, nachdem Intershop seine Umsatz- und Ertragserwartungen für das vierte Qurtal 2000 nach unten korrigiert hatte. Der rasante Kursrutsch beim 1992 in Jena gegründeten Unternehmen zog den gesamten Neuen Markt weiter in die Tiefe, dessen Entwicklung die Experten in diesem Jahr nach einer "Handelsblatt"-Befragung eigentlich mit "Zuversicht" entgegenblicken. Am ersten Geschäftstag des Jahres 2001 war davon allerdings nichts zu spüren.
"Der Neue Markt bleibt belastet", widerspricht der Frankfurter Geschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), Klaus Nieding, allzu optimistischen Erwartungen. Der Umfrage zufolge erwarten die Experten nämlich, dass der Gesamtindex Nemax in der zweiten Jahreshälfte in Richtung 5000 Punkte steigt. Das würde im Vergleich zum Jahresschluss ein Plus von mehr als 80 Prozent bedeuten. Nieding glaubt dagegen, der Neue Markt werde seine alten Höhen noch nicht wieder erreichen. "Die Marktbereinigung ist noch nicht zu Ende."
Der Kurssturz bei Intershop wiegt für das Börsen-Wachstumssegment besonders schwer, weil das Unternehmen bislang zu seinen wichtigsten und auch angesehensten Werten gezählt wird. Intershop beeinflusse den Markt stärker als etwa Gigabell, sagt Nieding. Der Frankfurter Telekommunikations-Anbieter war Ende September als erstes Unternehmen pleite gegangen. Noch härter als dürfte den Neuen Markt Anfang Dezember die Krise beim Münchner Medienunternehmen EM.TV getroffen haben, das zuvor zu den Lieblingen der Anleger gehört hatte. Mit Intershop erwischte es nun erneut einen Großen unter den aufstrebenden jungen Firmen. Statt Aufschwung ist erst einmal ein weiteres Absacken am Neuen Markt zu erwarten.
Dass ausgerechnet Intershop dafür sorgte, überraschte viele Marktbeobachter. Schließlich wies die noch junge Firmengeschichte bislang keine Makel auf. Vom thüringischen Jena führte Firmengründer Stephan Schambach sein Unternehmen bis ins kalifornische Silicon Valley, wo die hochgelobte Firma für Internet-Handelsprogramme mittlerweile angesiedelt ist. Den Grund für Schambachs ersten schweren Rückschlag sieht Nieding im schwierigen Marktumfeld begründet: In einer gebeutelten Branche könnten auch gute Firmen leiden, sagt er.
Intershop-Finanzvorstand Wilfried Beeck verweist darauf, dass die Umsätze in den USA und in Asien besonders "unter der marktweiten Stagnation der Ausgaben für Technologie" gelitten hätten. In den Vereinigten Staaten fallen die Prognosen der Experten für die Internet-Industrie in diesem Jahr eher pessimistisch aus. Viele US-Analysten und Marktbeobachter erwarten eine Forsetzung der Krise des vergangenen Jahres.
Die Entwicklung am stark durch Internet-Werte geprägten Neuen Markt scheint nach dem Schock zum Jahresbeginn zumindest unberechenbar zu bleiben. Experten empfehlen Privatanlegern daher, ihre Aktien möglichst breit zu streuen. Es werde nicht nur im Internet, sondern auch in altmodischem Geschäft wie etwa in der Chemie oder bei Versicherungen Geld verdient, sagt Franz-Josef Leven vom Deutschen Aktien-Institut (DAI). Pleiten und Kursabstürze am Neuen Markt betrachtet er eher gelassen. Der DAI-Volkswirt sieht die Entwicklung eher als ein Zeichen für "Reife, die jetzt eintritt". Auch Nieding sieht Korrekturen am Neuen Markt als notwendig an. Er warnt indes: "Das geht auf Kosten der Privatanleger."