"Es ist wie bei einem Goldrausch", jubelte Stephan Schambach noch vor einem halben Jahr über die Möglichkeiten des Internet. Doch die Goldgräberstimmung dürfte dem Gründer und Chef des Softwareanbieters Intershop gründlich vergangen sein. Pünktlich zum ersten Börsentag des neuen Jahres musste sein Unternehmen eine Gewinnwarnung herausgeben; innerhalb von Minuten stürzte der Aktienkurs am Dienstag ins Bodenlose. Damit endete nach dem Debakel von EM.TV-Chef Thomas Haffa innerhalb kurzer Zeit am Neuen Markt erneut der Höhenflug eines Shootingstars, der eigentlich als unverwundbar galt.
Seit seiner Unternehmensgründung vor acht Jahren wurde Schambach von den Medien gehätschelt - und vor allem von der Politik. Denn der 30-Jährige hatte neben den üblichen Prädikaten "jung, gut, erfolgreich" ein Extra zu bieten: Er kommt aus den neuen Bundesländern und musste damit auch noch als Beispiel dafür herhalten, dass auch in Ostdeutschland bei entsprechendem Engagement der Aufstieg möglich ist. Und dieser Aufstieg führte Schambach aus einem kleinen Thüringer Pfarrhaus bis auf das US-Börsenparkett.
Hinter dem Siegeszug stand eine simple Idee: "Irgendwann haben wir gedacht, man muss das Internet benutzen, um Geschäfte zu machen", erinnert sich der gebürtige Erfurter an die gemeinsam mit Freunden entwickelte Idee für das erste Programm zum Handel per Internet. "Wir haben den ersten Prototyp entwickelt, der funktionierte erstaunlich gut. Es war dann ganz klar: Das ist es - das braucht 'mal jeder."
Also schmiss Schambach 1990 im Alter von 19 Jahren sein Physikstudium hin, um die Idee von einer eigenen Firma umzusetzen. Zwei Jahre später war es dann soweit: Im Jena erblickte NetConsult das Licht der Unternehmenswelt. 1997 folgte dann ein genialer Marketingschachzug. Schambach und seine Partner gaben ihrer Firma den Namen "Intershop" - nach den berühmt-berüchtigten Devisen-Geschäften entlang der DDR-Autobahnen, in denen nur mit harter D-Mark eingekauft werden konnte. Der Name birgt ostdeutsche Identität, sagt jedem Deutschen etwas und ist auch auf englisch und damit in Amerika gut zu verkaufen. Überhaupt konzentrierte sich Schambach in den letzten Jahren stark auf die USA, er verlegte den Hauptsitz des Unternehmes nach Kalifornien und ließ es an der US-Börse Nasdaq notieren.
Vom Silicon Valley aus lenkte der Thüringer sein Unternehmen stetig bergauf: Intershop investierte und expandierte, der Umsatz stieg und stieg. Kleine und große Handelsfirmen vom britischen Edelkaufhaus Harrod's bis zur französischen Kette Casino nutzen inzwischen Schambachs Software für ihren Handel über das weltweite Datennetz. Zur Vermarktung arbeitet das Unternehmen mit Telefonriesen wie der Deutschen Telekom und France Télécom oder Internet-Suchmaschinen wie AltaVista zusammen. Trotz allem schrieb Schambach bisher allerdings noch keine einzige schwarze Zahl. Doch Experten bescheinigten Intershop ein großes Potenzial, wobei viele das Weihnachtsgeschäft im vierten Quartal 2000 als möglichen Durchbruch für alle E-Commerce-Firmen bezeichneten.
Der Durchbruch kam auch für Intershop und Schambach - allerdings nach unten. Der weltweite Umsatz betrug im letzten Quartal 2000 nur 28 bis 30 Millionen Euro (54,8 bis 58,7 Millionen Mark), deutlich weniger als die angepeilten 40 bis 50 Millionen Euro. Nach dieser Hiobsbotschaft verlor die Aktie am Neuen Markt rund 65 Prozent ihres Wertes. Damit litt nicht nur Schambachs Ruf als Geschäftsmann, sondern auch sein Privatkonto. Der 30-Jährige hält rund zwölf Prozent der Intershop-Aktien - und wurde am Dienstag rund 450 Millionen Mark ärmer.