Anzeige:
Dienstag, 12.12.2000 17:08

Ein virtuelles Loch in der Gefängnismauer

aus dem Bereich Sonstiges
Anzeige
Die Häftlinge der Justizvollzugsanstalt Tegel in Berlin bezeichnen ihr unfreiwilliges Zuhause gerne als "Planeten". Deutschlands größtes Gefängnis hat 1660 Insassen, 960 Strafvollzugsbeamte, eine eigene Kirche, eigene Straßen, eigene Gesetze - eine Stadt in der Stadt, eine Welt für sich. Um den "Planeten" Tegel kreist seit Montag ein "Trabant". "Trabant" ist der Name des ersten Online-Magazins in Deutschland, das von Häftlingen produziert wird. Unter der Adresse www.trabant-tegel.de wollen die Insassen ein "virtuelles Loch" in die Gefängnismauern zu brechen. "Wir versuchen, mit dem 'Trabanten' das Schweigen zwischen Gesellschaft und Gefangenen zu beenden", sagt der Multimediakünstler Roland Brus, der das neue Magazin ins Leben gerufen hat.

Wer die "Trabant"-Homepage betreten will, muss zunächst einmal um Besuchserlaubnis bitten - ganz so, wie bei realen Gefängnisbesuchen auch. Der Besucher muss einen virtuellen Anmeldeantrag ausfüllen und erhält dann einen Bestätigungsstempel und eine Passierkarte. Erst dann stößt er zu dem Magazin vor. Neben jedem Artikel findet sich ein Feld mit der Aufschrift "Kommentar". Der Leser kann per Mausklick dem Autor seine Meinung mitteilen. David hofft, dass viele Leute "von draußen" die Texte lesen. Im Idealfall soll ein Gespräch zwischen "Innenwelt und Außenwelt" in Gang kommen. David, der das Projekt "Trabant" seit sechs Monaten mit vorbereitet hat, sitzt seit zwei Jahren ein und hat "noch einige Jahre vor sich".

"Die Gefangenen wollen nicht gänzlich aus der Welt sein, sie wollen ihr Leben von innen nach außen transportieren", sagt die Journalistin Petra Welzel, die das Online-Magazin redaktionell betreut. Die Artikel erzählen vom immer gleichen Gefängnisalltag, vom täglichen Leerlauf, von Suchtproblemen und gescheiterten Träumen, von der Sehnsucht nach Freiheit, nach der Welt "da draußen", nach menschlicher Nähe, nach "einer halben Stunde Seeligkeit", wie einer der Häftlinge formuliert. Die meisten Texte sind biographisch eingefärbt. Ungeschönte Lebensberichte mischen sich mit Knast-Poesie: "Für die Lügen zu schlau, fürs Leben zu dumm, soviele Fragen - und die Wände sind stumm", reimt einer der schweren Jungs.

Die Autoren trauen sich auch an Tabuthemen. Einblicke in die Welt hinter Gitter: Häftling Thomas R. erzählt vom Drogenkonsum in der JVA. Wer Drogen suche, habe keine Probleme, welche zu finden. Häftling Dittmar schreibt über "Sexualität im Knast". Eine Haftstrafe bedeute für die meisten Sträflinge auch "Sexentzug - eine Realität, die schwer zu leben ist. Die Männer trocknen aus, stumpfen ab und verrohen auf der Gefühlsebene."

Peter berichtet über seinen erfolgreichen Alkoholentzug in Tegel. Er sitzt, weil er im Vollrausch einen Menschen umgebracht hatte. Derzeit haben fast alle Artikel irgendwie mit Gefängnisleben und Strafvollzug zu tun. Häftling David möchte aber, dass die Gefangenen in "Trabant" später auch zu anderen Themen Stellung nehmen, über die die Welt draußen spricht, Themen wie Arbeitslosigkeit, Zusammenleben mit Ausländern.

Die "Trabant"-Autoren können sich das Ergebnis ihrer Arbeit nicht selbst im Internet ansehen. Aus Sicherheitsgründen ist ihnen der Zugang verwehrt, die Arbeit am Computer findet offline statt. Emails von den Lesern erhalten die Strafgefangenen nur ausgedruckt auf Papier. Trotzdem haben sich weit mehr Häftlinge für das "Trabant"-Projekt beworben, als es Plätze gab. Nur 20 konnten mitmachen.

Initiator Brus, der seit zwei Jahren bereits die Homepage "www.planet-tegel.de" der Tegeler Häftlinge betreut, hofft, dass sich aus "Trabant" noch mehr entwickelt als nur ein Online-Magazin. Er plant ein Ausbildungsprojekt, bei dem die Häftlinge einen "Computerführerschein" erwerben können und hinter Gittern eine Ausbildung in Informationstechnologie (IT) machen können. David würde sich freuen, wenn das bald klappt: "Bei den bisherigen Ausbildungsgängen herrscht so eine typische JVA-Mentalität, es werden nur Sachen wie Heizungsmonteur oder Maler angeboten. Dabei hat IT doch wirklich Zukunft."

Tobias Marburg / afp
Kommentieren (Neuen Kommentar verfassen):
Dieser Artikel wurde noch nicht kommentiert.
Weitere Links zum Thema:
Die Homepage von "Trabant"
 Suche

  News
Donnerstag, 23.10.2014
Google darf nicht alle Verlagsinhalte gratis nutzen - Streit schwelt weiter
Wohl offiziell: Microsoft verabschiedet sich vom Markennamen Nokia
Mehr Reichweite auf Smartphones: Twitter geht auf App-Entwickler zu
Microsoft stampft kostenlose Version von Xbox Music ein
Nach Uber und Airbnb: Städte gehen gegen Parkplatz-Apps vor
Shopping-App Shopkick startet mit großen Handelsketten in Deutschland
"IT-Expertin" Merkel: Die Bundeskanzlerin auf der Suche nach dem bösen "F"-Wort
Google investiert Millionen in Startup für Video-Brillen
Stiftung Warentest: Im Schnitt 33 Tage auf einen DSL-Anschluss warten
Einer der ersten Apple-Computer erzielt Rekordpreis bei Auktion
Nokia mit deutlichem Umsatzplus
Google Inbox: Die E-Mails werden jetzt zum News-Feed
Kabel BW: Horizon ab 3. November bestellbar - 3play-Pakete mit bis zu 200 Mbit/s
Unitymedia KabelBW beschleunigt ab 3. November auf 200 Mbit/s - Highspeed-Pakete im Überblick
Medientage München: Das Internet verdrängt nicht das Fernsehen
Weitere News
Root Server
Mit einem Root Server haben Sie vollen Zugriff und richten ihren Dedicated Server komplett selbst ein.
Einfach einen Apache Server oder einen Webserver mit Windows Server 2003 erstellen - sie haben freie Hand.
Auch vServer sind kein Problem. Mit Plesk oder Confixx ist die Konfiguration schnell erledigt.
Mobilfunk Discounter
Inzwischen ist das Angebot an günstigen Mobilfunk-Tarifen sehr unübersichtlich.
Neben Billigmarken der großen Provider wie Simyo oder Fonic gibt es zahlreiche unbekanntere Discounter mit günstigen Preisen.
Eine Übersicht bietet unser Prepaid-Vergleich.
DSL Geschwindigkeit
War das DSL günstig, aber die Geschwindigkeit ist niedriger als gedacht?
Die DSL Telefonie bricht ständig ab? Angebote wie IPTV sind eher eine Live Diashow?
Der DSL Speed Check offenbart die bittere Wahrheit in Sekunden. Einfach schnell DSL Geschwindigkeit testen und vielleicht gleich wechseln.
© 1999-2014 onlinekosten.de GmbH :: Datenschutz :: Impressum :: Leistungsschutzrecht :: Presse :: Jobs