Gestützt werden die Thesen von Lobo und Humer durch einen Bericht der Berliner "taz". Das Blatt thematisiert auf seinem Onlineportal die Einstellung der schwedischen Öffentlichkeit gegenüber Google Street View als Gegenbeispiel zur hiesigen Debatte. Dass der Anblick von Hausfassaden oder Gärten ein Eingriff in die persönliche Integrität bedeute, gelte demnach in Schweden als "typisch deutsch". Dort reagierten die meisten Bürger mit Freude, wenn Google seine rollenden Fotolinsen in ihre Nachbarschaft schicke.
Kultur und Geschichte machen den Unterschied
Bereits vor Google habe es in Schweden zwei Internetdienste gegeben, die Straßenansichten im Netz verfügbar machten. Diese hätten sich allerdings auf die Ballungsräume beschränkt, während Street View auch ländliche Nebenstraßen und Ferienhäuser ablichte. Bedenken seien kaum aufgekommen, da Google ankündigte, Gesichter und Autokennzeichen zu verpixeln. Zudem biete der "Problem"-Button zusätzliche Sicherheit. Die schwedischen Dienste böten hingegen die volle Sicht auf Autoschilder und Passanten – Google gelte den Nordeuropäern daher als mustergültig in Sachen Integritätsschutz. Zudem erlaube das verfassungsrechtlich garantierte "Öffentlichkeitsprinzip" weitaus tiefere Einblicke in sämtliche Lebensbereiche. Datenschutz sei in Schweden anders definiert. Ob der Posteingang von Regierungsmitgliedern oder die Steuerdaten des Nachbarn – alles sei öffentlich einsehbar. Daher störe sich niemand an Hausfassaden im Internet.
Aus deutscher Sicht wirkt diese Kultur des "Jeder-darf-fast-alles-sehen" allerdings befremdlich. Der Schutz der persönlichen Privatsphäre gilt hierzulande nicht zuletzt aus geschichtlichen Gründen als hohes Gut, sagen Experten. "Die Deutschen haben große Angst vor dem Verlust der Privatsphäre, das ist hier viel stärker ausgeprägt als zum Beispiel in England und Frankreich", betonte etwa der Münsteraner Wissenschaftler Guido Sprenger gegenüber der Deutschen Presse-Agentur dpa. Hinzu komme die Erfahrung mit Diktatur und staatlicher Überwachung. "Die Erinnerung hängt noch sehr stark mit drin", so der Universitätsprofessor. Wenn sich Deutsche heute über Google Sorgen machten, habe das mit ihrer Kultur und Geschichte zu tun. Die Gesellschaft werde hierzulande oft als bedrohlich empfunden. "Diese Angst hat sich früher auf den Staat konzentriert und geht jetzt immer mehr auf kommerzielle Anbieter über", sagte Sprenger - wenn auch er glaubt, dass sich die meisten Menschen letztendlich doch an Street View gewöhnen werden.
Auch in anderen Ländern gibt es Vorbehalte
Ein Vergleich mit den völlig anderen Erfahrungen der Schweden taugt jedoch nur bedingt. Selbst Google ist das nicht verborgen geblieben. Darüber hinaus wird Street View auch in anderen Ländern ähnlich oder zumindest zunehmend kritisch gesehen. Mag die Debatte in Deutschland derzeit auch besonders dominant erscheinen; sie wird oder wurde ebenfalls in Portugal, Japan oder der Schweiz geführt. So stellte Portugals Datenschutzkommission kürzlich fest, es gebe keinerlei rechtliche Basis für Street View, nachdem ein Ehepaar geklagt hatte, berichtet "Der Standard".
In der Schweiz stieß Google zum Street-View-Start im August letzten Jahres auf ähnlich heftigen gesellschaftlichen Widerstand wie derzeit in Deutschland und geriet mit zahlreichen Datenschützern aneinander. Ähnliches wurde über Japan berichtet. Dort übte die Regierung nach Protesten sogar direkt Druck auf Google aus, so der Schweizer "Tagesanzeiger" im September 2009. Sie verpflichtete das Unternehmen demnach unter anderem dazu, Kamerafahrten im Vorfeld bekanntzugeben sowie für Widersprüche eine Telefon-Hotline einzurichten – Forderungen, die in Deutschland bislang noch diskutiert werden und die Google ablehnt. Allerdings bemüht sich der Webkonzern auch hierzulande weiterhin, die Situation zu beruhigen und verdoppelte am Donnerstag den Zeitraum für Widersprüche gegen Street-View-Abbildungen.