Nach Promi-Blogger Sascha Lobo meldet sich nun ein zweiter Webexperte zum Thema Street View zu Wort und kritisiert die derzeitige Diskussion. Die deutsche Angst vor Googles Bilderdienst basiere im Kern auf Unwissenheit, behauptet der Berliner Internetsoziologe Stephan Humer in einem Interview mit der österreichischen Tageszeitung "Der Standard". Große Teile der Bevölkerung hätten bislang einfach nicht verstanden, wie dieser umgesetzt werden solle. Auch die "tageszeitung" (taz) ist der Auffassung, dass die Debatte in Deutschland besonders aus dem Rahmen fällt. In Schweden etwa würden Googles Kamerawagen mit Begeisterung empfangen – als visuelles Tor zur Welt. Erste Risse bekommt die These von der deutschen Sonderrolle allerdings mit Blick nach Portugal, Japan oder in die Schweiz.
"Deutsche glauben, Google sende Live-Bilder"
Webforscher Humer glaubt, die deutsche Skepsis basiere auf falschen Vorstellungen zu Street View. Viele Menschen würden davon ausgehen, dass Google Live-Bilder übertragen wolle. Zudem setze die deutsche Politik mit Vorliebe auf das Thema, da sich der große US-Konzern Google generell gut als Feindbild eigne und sie die bisherige Entwicklung verschlafen hätten. "Deutschland ist ein sehr technikkritisches Land, Politiker sind oft technikfeindlich, was wohl auch eine Generationenfrage ist. Aber die deutsche Politik hat sich auch gegen die Buch-Digitalisierung gewehrt oder hatte Bedenken gegen Google-Mail", sagte Humer. Dabei sei viel Populismus im Spiel.
Google selbst hat aus Sicht des Berliner Wissenschaftlers nur wenig Schuld an der derzeitigen Aufregung. Dass der Suchgigant den Start seines Straßenfotodienstes ausgerechnet mitten in der Urlaubszeit ankündigte, spielt für ihn trotz der damit verbundenen Probleme offenbar keine Rolle. Ohne Erwähnung bleiben in diesem Zusammenhang ebenfalls die datenschutzrechtlich äußerst problematischen WLAN-Scans, die das Vertrauen in die Praktiken des Suchgiganten nicht nur in Deutschland schwer beschädigten. Google sei einfach etwas forsch vorgegangen, ließ Humer durchblicken. "Die hätten schon wissen müssen, dass die deutsche Politik sehr träge ist. Aber jetzt sind sie ja sehr offensiv und schalten große Anzeigen", sagte der 33-Jährige.
Google Street View bleibt in Deutschland bereits vor dem Start heftig umstritten. Bild: Google
"Street View taugt nicht für Einbrecher"
Das Problem in Deutschland sei darüber hinaus, dass viele Leute immer noch glaubten, Digitalisierung sei eine technische Neuerung, die nur ein paar Freaks angehe. "So ist es aber nicht. Da passiert gerade epochales und damit muss ich mich auseinandersetzen, egal, ob es mir gefällt oder nicht - nicht nur als Privatperson, auch als Politiker", forderte Humer. Die Verantwortlichen sollten dabei aber keine "Hau-Drauf-Aktion" starten, sondern in Ruhe mit Internetexperten überlegen, welchen Rahmen Digitalisierung brauche.
Er selbst werde sein Haus aber nicht pixeln lassen. "Mir ist es völlig egal, ob es gezeigt wird. Man muss ja auch bedenken: Jede Person, die möchte, kann ein Haus fotografieren und dann das Foto im Internet veröffentlichen. Das ist nicht verboten", erklärte Humer. Bedenken, Einbrecherbanden könnten Street View zur Planung von Beutezügen missbrauchen, wies der Forscher ebenfalls als unberechtigt zurück. "Die Bilder, die Street View zeigt, sind zum Teil schon ein paar Jahre alt. Wenn sich wer wirklich für ein Haus interessiert, kann er auch mit dem Auto vorbeifahren und sich alles anschauen", sagte Humer. Allein bei militärischen Anlagen habe er Verständnis, dass diese nicht gezeigt würden.
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