Mobiles Internet boomt: Sei es mit UMTS-Surfstick für das Netbook und Notebook oder mit dem neuen Smartphone. Die Nachfrage nach mobilem Surfen wächst, immer mehr Datenvolumen wird mobil genutzt. Nach den Mobilfunkstandards UMTS sowie dem Daten-Turbo HSDPA, setzten sowohl Mobilfunknetzbetreiber als auch Mobilfunkkunden große Erwartungen in den neuen Standard LTE. Doch der Telekommunikationsexperte Torsten J. Gerpott, Professor für Unternehmens- und Technologieplanung mit dem Schwerpunkt Telekommunikationswirtschaft an der Mercator School of Management Duisburg, warnt vor einer Überschätzung von LTE. Im Rahmen einer Präsentation beim Personaldienstleister Harvey Nash erläuterte Gerpott, dass er hierzulande keinen schnellen LTE-Durchbruch sehe.
Innovative Anwendungen für LTE nicht in Sicht
Die kurz vor dem Start stehende vierte Mobilfunkgeneration Long Term Evolution (LTE) wird nach Ansicht von Gerpott "nicht über Nacht neue Dienste und Anwendungen" bringen. "Hohe praktische Marktrelevanz wird LTE in Deutschland nicht vor 2015 erlangen, mit einer vollständigen UMTS-Ablösung ist nicht vor 2020 zu rechnen", so die nüchterne Analyse des Experten. Neue Anwendungen, die große Gewinnsprünge für die Mobilfunknetzbetreiber versprechen, sieht Gerpott noch nicht. Denn bei LTE würde es weniger um "Spitzenbandbreiten von bis zu 100 Megabit pro Sekunde im Downlink für wenige Kunden" gehen. Stattdessen sollen über LTE flächendeckend mobile Internetzugänge mit Bandbreiten von 3 bis 6 Mbit/s für viele Kunden realisiert werden. Bereits heute bekannte Anwendungen würden künftig von einer größeren Anzahl Kunden genutzt. Wachstumspotenzial sieht Gerpott vor allem bei individuellen Videoangeboten, Nachfrager seien hier aber vor allem jüngere, weniger zahlungskräftige Nutzer.
Datenvolumen steigt - Umsätze der Mobilfunkprovider stagnieren
Die Umsätze der Provider mit mobilen Internetdiensten steigen nur langsam, während das genutzte Datenvolumen der Kunden stetig ansteigt. Innerhalb eines Jahres wuchs etwa das Datenvolumen von 11,49 Millionen Gigabyte (GB) im Jahr 2008 auf 33,5 Millionen GB im vergangenen Jahr an - ein Anstieg um 192 Prozent. Profitieren würden von mobilen Anwendungen meist nicht die Mobilfunknetzbetreiber selber, sondern Internetkonzerne wie Google, Apple oder Skype. Hier erwartet Gerpott harte Verteilungskämpfe. Die anstehenden Investitionen in HSPA+ und LTE müssten die Mobilfunknetzbetreiber daher aus stagnierenden Umsätzen finanzieren. Um starke Kostensenkungen würden die Unternehmen nicht herumkommen.
Auch Markus Ermer, Direktor R&D bei Nash Technologies, geht davon aus, dass UMTS, GSM und LTE eine zeitlang nebeneinander existieren werden. Investitionen in UMTS-Netze seien aber "unabdingbar". Die Verbesserung der Kapazitäten, Reaktionszeiten und des Datendurchsatzes würden die Grundlage für die Entwicklung neuer, innovativer Applikationen darstellen. Diese könnten LTE dann zum Erfolg verhelfen. Um vorhandene Mobilfunknetze zu entlasten, präsentierte Ermer auch eine Femtozelle. Das Prinzip dahinter: Über eine räumlich eng begrenzte Funkzelle könne sich ein Handy per UMTS über Standard IP mit dem Festnetz verbinden. Mobilfunkgeräte könnten in diesem Fall auch vorhandene Internetverbindungen etwa über DSL nutzen. Die dazugehörige Software erlaube bis zu 32 gleichzeitige Verbindungen.